Die Neuerungen von Linux 4.3
Seite 3: IPv6 jetzt Standard, Treiber fĂĽr Autos
IPv6 jetzt standardmäßig
Weil "IPv6 jetzt ein Herzstück von Internet und Linux-Kernel" sei, wird das Internet-Protokoll bei der Kernel-Konfiguration jetzt standardmäßig aktiviert. Für viele Nutzer ändert sich dadurch allerdings nichts, denn die Kernel der großen Distributionen unterstützen den IPv4-Nachfolger ohnehin seit Jahren.
Einige unter den Oberbegriffen "Lightweight & flow based encapsulation" beziehungsweise "Light weight tunnels" entwickelte Änderungen haben einen neuen Mechanismus zum Tunneln von Netzwerkpaketen eingeführt, der weniger Overhead aufweisen und besser skalieren soll. Durch die Änderungen nutzt das virtuelle Multilayer-Switch-Framework Open vSwitch (OVS) nun für Tunnel nicht mehr sein eigenes Vport-Konzept, sondern die auch sonst für Tunnel genutzten Netdevices. Dadurch fügt sich OVS besser in den Kernel ein und wird auch für andere Subsysteme nutzbar. Der Betreuer des Netzwerk-Subsystems scherzt in einem Merge-Kommentar, er habe Stimmen gehört, die Anpassungen seien zur "Netzwerkänderung des Jahres" gewählt worden.
Neue Netzwerktechniken
Dieser Git-Merge-Kommentar erwähnt noch einige andere Neuerungen. Darunter ist die Unterstützung für Connection-Tracking-Support bei Open vSwitch und Virtual Routing and Forwarding; durch Letzteres lassen sich Routing-Tabellen partitionieren, damit bestimmte Prozesse ein anderes Default-Gateway nutzen.
Ebenfalls neu ist UnterstĂĽtzung fĂĽr Identifier Locator Addressing (ILA), das die Kommunikation mit Containern oder Programmen vereinfachen soll, die gelegentlich innerhalb eines Rechenzentrums zwischen den Systemen umziehen. Dazu wird NAT (Network Adress Translation) mit IPv6 genutzt, um so Tunnel und Netzwerkvirtualisierung zu realisieren, ohne die Pakete per Encapsulation in andere einbetten zu mĂĽssen. Dadurch soll das von Facebook-Entwicklern vorangetriebene und bei der IETF noch als Draft gehandelte Verfahren bessere Performance liefern; weitere Details liefern ein Merge-Commit-Kommentar und ein Artikel bei LWN.net.
Netzwerk-Performance und Linux fĂĽr Switches
Das Regeln des Netzwerkverkehrs mit tc (Traffic Control) soll auf Mehrprozessorsystemen nun deutlich besser skalieren, weil die Kernel-Entwickler die Locking-Mechanismen der dabei verwendeten Kernel-Infrastruktur optimiert haben; bei Tests eines der beteiligten Entwickler steigerte das den Durchsatz von 5 auf 11 Millionen Pakete pro Sekunde.
Neu dabei ist auch ein Treiber für den von Mellanox gebauten Switch-Prozessor SwitchX-2 (u. a. 1, 2, 3). Er baut auf die bei Linux 3.19 integrierte Infrastruktur auf, mit der sich viele Switching- und Routing-Aufgaben an Hardware-Bausteine delegieren lassen, die für solche Aufgaben geschaffen wurden. Durch solche Treiber sollen sich universelle Linux-Distributionen mittelfristig als Betriebssysteme für Switches eignen, wie sie in Rechenzentren stehen. Solche "Linux-Switches" ließen sich mit bekannten Linux-Programmen wie den Iproute2-Werkzeugen, Nftables oder Open vSwitch transparent verwalten; sie wären so flexibler und leichter zu handhaben als aktuelle Modelle, die häufig proprietäre Software einsetzen.
Treiber
Unter den zahlreichen neuen und um Unterstützung für weitere Hardware erweiterten Treibern ist einer für Gigabit-Netzwerk-Adapter, die USB-3-Chips der LAN7800-Familie von Microchip enthalten. Der Wacom-Treiber unterstützt jetzt die Express Key Remote. Neu dabei ist ein Treiber für die PCIe-TV-Karte "NetUP Universal DVB-S/S2/T/T2/C", die alle gängigen DVB-Standards unterstützt. Zudem gab es einige Verbesserungen am Treiber für Funktionen, die Toshiba in seine Notebooks einbaut.
Multimedia-Bus-System fĂĽr Autos
Neben dem schon lange in Autos verwendeten Bus-System CAN unterstützt Linux nun auch MOST (Media Oriented Systems Transport), über das Multimedia-Geräte moderner Autos vielfach kommunizieren (u. a. 1, 2, 3, Dokumentation). Der MOST-Treibercode erfüllt allerdings die Qualitätsansprüche der Kernel-Entwickler nicht. Er landete daher im Staging-Bereich, in den mangelhafter Code einfließen kann, wenn ein Programmierer ihn im Rahmen der normalen Kernel-Entwicklung verbessern will. Anders als normale Kernel-Funktionen fliegt Staging-Code allerdings ohne Rücksicht auf die Anwender wieder raus, falls niemand die Mängel angeht – dieses Schicksal ereilte bei 4.3 den Treiber Ozwpan, der via WLAN ansprechbare USB-Controller von Ozmo unterstützt.