Digitale Lehre: "Unsere Vorlesungen sind keine Vorlesungen im klassischen Sinn"
Seite 3: Studierende sollen bei uns den Umgang mit KI lernen
Ist denn bei Ihnen schon angedacht, dass Aufgaben und Lerninhalte individuell per KI fĂĽr Studierende zusammengestellt werden?
Das ist ein nicht immer konfliktfreies Thema. Wenn wir über die Einbindung von KI im Unterricht sprechen, gibt es bei uns ganz unterschiedliche Positionen. Wir sind mitten in der Diskussion und haben aber aktuell auch schon einige Piloten in der Nutzung. Am Ende des Quartals werden wir die ersten Prüfungsleistungen unter dem Einfluss der Nutzung von ChatGPT sehen – und dann können wir auch bewerten, was dabei herumgekommen ist.
Das Thema individuelle Lernpfade ist auf jeden Fall ein ganz spannendes für uns. In diesem Zusammenhang war die Learntec auch für mich sehr interessant. Dort konnte man unter anderem bei den Gewinnerprojekten des Delina Awards, dessen Jury-Mitglied ich sein durfte, sehen, was im Schulbereich schon möglich ist. Cornelsen hat ein Projekt vorgestellt, in dem Lehrprogramme individuell auf den Lernstand der Schüler zugeschnitten werden können. Das war sehr spannend.
Man muss sich ja nur vorstellen, dass unsere Studierenden aus mehr als 70 verschiedenen Ländern kommen und ganz unterschiedliche Bildungsgeschichten haben – da ist es nur logisch, dass sie ihr Studium bei uns zum Teil mit einem ganz unterschiedlichen Wissensstand beginnen. In diesem Kontext sind wir gerade mit einem Anbieter zur individuellen Lernstandsanalyse und darauf aufbauender individuelle Lernwege im Gespräch.
Studierende sollen bei uns aber auch den Umgang mit KI lernen. Deshalb gibt es im aktuellen Quartal ein Modul, in dem ein Report geschrieben werden soll, allerdings von einer generativen KI. Die Studierenden mĂĽssen dann mit ihren Prompts experimentieren und ihre Arbeit dokumentieren. Sie sollen also auch die Entwicklung ihrer Prompts nachverfolgen und ihr Ergebnis evaluieren: Ist das Ergebnis zufriedenstellend? Kann ich es verbessern und wie? Wie hat die Mensch-Maschine-Kommunikation funktioniert? Im Zuge dessen werden dabei auch immer ethische Fragen diskutiert.
Im Bereich von Data Science und Computer Science wird KI auch für Programmierung genutzt und damit experimentiert. Es stellen sich zum Beispiel die Fragen: Kann damit ein Code verbessert werden? Welche Fehler treten auf? Wir definieren gerade weitere Use Cases und verankern diese dann auch Schritt für Schritt im Curriculum. Die Positionen unter den Lehrenden dazu sind durchaus kontrovers. Und das ist natürlich auch gut so, weil es umso mehr einen angeregten Austausch zu diesem Thema an unserer Hochschule fördert. Genau das braucht es beim Thema KI unbedingt, um die bestmögliche Anwendung dieser Technologie für die Bildung sicherzustellen. Um das aber klarzustellen: Für mich hat KI das größte Transformationspotenzial für die Zukunft.
Wir befinden uns mitten im Geschehen und mĂĽssen uns nun dazu verhalten.
Das ist auch das, was ich persönlich so spannend finde. Nicht alle Angebote, die ich auf der Learntec gesehen habe, haben mich vom Hocker gehauen, aber man konnte auch sehen, was jetzt schon mit KI möglich ist: Inhalte können sehr schnell zusammengestellt werden. Aber noch nicht immer sehr gut. Und automatisch kann Sprache darüber gelegt werden. Wenn wir einige Jahre weiterdenken, könnte es sehr interessante Entwicklungen geben. Für mich stellt sich dann auch die Frage, wie sich die Rolle der Professoren dadurch verändert.
Wie meinen Sie das?
Da wir so unterschiedliche Studierende haben, stellt sich die Frage, welche Rolle das Emotionale in der Lehre spielt, wo die Facette des Social Learnings hineinkommt. Denn speziell darauf müssen sich Tutoren und andere Lehrende einstellen. Kommen Studierende aus Ländern, in denen eher repetitives Lernen und Lehren vorherrscht, und in unseren Kursen wird kritisches Denken gefordert, dann müssen Lehrende auch das erkennen können. In so einer bunten Gemeinschaft ist es wichtig, dass wir auch kulturelle Unterschiede sozial zusammenbringen. Das ist eine der zentralen Aufgaben.
Was ich aber auch gerne bei den Einführungsveranstaltungen für neue Studierende sage, ist Folgendes: Diese Diversität ist ein Schatz, auf den ihr zugreifen könnt.
Und es kommen nicht nur Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen, sondern es gibt frische Schulabgänger und Menschen mit viel Berufserfahrung, die sich bei uns treffen.
Es gibt auf jeden Fall entsprechende Formate, wo die Studenten sich in ihrer kulturellen Vielfalt kennenlernen, und das passiert dann auch immer direkt zu Beginn eines neuen Quartals.