Ebola: Wettlauf um den Impfstoff

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Sie setzen sich daher ein Ziel: Die Impfstudien sollen im Zeitraffer auf den Weg gebracht werden, im sogenannten "Fast Track"-Verfahren, also in wenigen Monaten und parallel. GlaxoSmithKline berechnet, bis wann wie viele Dosen des cAd3-Vakzins hergestellt und abgefüllt sein können, damit möglichst schnell auch eine groß angelegte Phase-3-Studie in Westafrika anlaufen kann.

Derweil gibt es am Paul-Ehrlich-Institut eine Premiere: Normalerweise prüft es einen Antrag auf Studiengenehmigung erst, wenn alle Unterlagen vollständig vorliegen. Doch um auch bei diesem Schritt Zeit zu sparen, gibt es diesmal eine Art "Rolling Review", wie es PEI-Präsident Klaus Cichutek nennt: Das DZIF schickt die Unterlagen, sobald sie vorliegen; die Behörde prüft sie, während sich Marylyn Addo schon um die nächsten Unterlagen kümmert. So kontrollieren PEI-Mitarbeiter etwa, ob der Impfstoff nach Vorgaben zu guter Herstellungspraxis produziert worden ist – während das DZIF einen Gutachter sucht, der prüfen und bestätigen kann, dass der Impfstoff seit seiner Herstellung nicht verändert oder verunreinigt wurde.

17. Oktober 2014: 9191 Ebola-Fälle sind bekannt, darunter 4546 Tote. An diesem Tag stellt das DZIF offiziell den Antrag zur Genehmigung der Hamburger Ebola-Impfstoffprüfung. Am 6. November genehmigt das Paul-Ehrlich-Institut die Hamburger Sicherheitsstudie. Exakt einen Monat nach dem Antrag wird der erste Versuchsteilnehmer in Hamburg geimpft. Allein in diesen vier Wochen kamen offiziell 5192 Ebola-Fälle hinzu, 619 starben.

Mitte Dezember 2014: 18000 Ebola-Fälle. Auch das Universitätskrankenhaus von Genf testet seit Kurzem den rVSV-Impfstoff-Kandidaten. Doch die Mediziner unterbrechen ihre Studie, weil bei einigen Versuchsteilnehmern unerwartet Nebenwirkungen aufgetreten sind: Gelenkschmerzen wie bei Rheuma. Zum Schutz der Probanden müssen die Forscher nun abwarten, ob die Gelenkschmerzen abklingen. Als Marylyn Addo, Leiterin der Impfstoffstudie in Hamburg, bei ihren regelmäßigen Telefonaten mit den Schweizer Kollegen von den Problemen erfährt, ist ihr erster Gedanke: ihre eigenen Versuchsteilnehmer zu informieren. "Ich wollte, dass sie diese Information von uns bekommen, nicht von den Medien." Zudem wird der Sicherheitsrat spontan einberufen, er prüft die Daten und den Bericht aus Genf.

31. Dezember 2014: Die 20.000er-Marke ist überschritten. Während sich die weltweite Ebola-Panik zum Jahreswechsel legt, läuft die Forschung auf Hochtouren. In Frankreich, Großbritannien, Mali und in den USA sind Sicherheitstests mit dem cAd3-Impfstoff von GlaxoSmithKline im Gange. Der kanadische rVSV-Impfstoff durchläuft weitere Phase-1-Studien in Gabun, Kenia und in den USA.

8. Januar 2015: Fast 21000 Ebola-Fälle. Forscher, Hersteller und Mitarbeiter der Regulationsbehörden jener Länder, in denen die nächsten Tests stattfinden sollen, treffen sich bei der WHO. Das Ziel: endlich mit groß angelegten Studien zu starten. Zwar sind noch nicht alle Phase-1-Studien abgeschlossen, trotzdem gibt es gute Nachrichten: Die Gelenkschmerzen bei den Probanden in Genf haben sich wieder gelegt. Beide Impfstoffkandidaten regen das Immunsystem an und haben keine schweren Nebenwirkungen verursacht. Bei dem Treffen beschließen die Teilnehmer daher, in den geplanten Großversuchen in Westafrika Phase 2 und 3 zu kombinieren.

In Liberia soll eine Studie mit 27000 Menschen starten: Ein Drittel bekäme den rVSV-Impfstoff, ein Drittel den cAd3-Impfstoff, ein Drittel ein Placebo. In Sierra Leone soll das sogenannte Step-Wedge-Verfahren zum Einsatz kommen: 6000 Probanden würden in Gruppen nacheinander geimpft; die noch nicht Geimpften bilden die Kontrollgruppe. In Guinea sollen zum einen besonders gefährdete Menschen wie medizinisches Personal und Leichenbestatter geimpft werden. Zum anderen wollen die Ärzte das Ring-Verfahren testen: Wird jemand mit Ebola diagnostiziert, werden alle Menschen im Dorf geimpft – mal sofort, mal nach ein paar Tagen, um zu sehen, wie schnell das Vakzin schützt.

21. Januar 2015: Im WHO-Situationsbericht taucht erstmals das Wort Halbierungszeit auf. Die Zahl der Neuinfektionen pro Woche sinkt nun überall.

Nach Monaten zeigt sich endlich der Effekt der Aufklärungskampagnen und Quarantänestationen, vom neu geschaffenen Netz aus mobilen Laboren und Ebola-Behandlungszentren. Die Maßnahmen, Kontaktpersonen von Infizierten zu überwachen und fast alle Toten sicher zu beerdigen, entfaltet ihre Wirkung. Für die Menschen in Westafrika sind das gute Nachrichten. Die Forscher aber bringt das in eine ambivalente Situation.

Wenn der Ausbruch tatsächlich im Laufe der kommenden Wochen abebbt oder gar endet, können die Wissenschaftler ihre klinischen Tests kaum mehr durchführen. Es gäbe schlicht zu wenig Kranke, um einen Unterschied zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften zu finden. Für künftige Ebola-Epidemien gäbe es damit wieder keinen wirksamen Impfstoff. Die Zeit drängt also. Marie-Paule Kieny von der WHO plädiert deshalb dafür, die Impfstoffstudien trotzdem durchzuführen. Sie sind genehmigt, die Finanzierung ist organisiert. Seit Wochen sind Aufklärer unterwegs, um die Bevölkerung über die kommenden Tests zu informieren und Freiwillige zu mobilisieren.

2. Februar 2015: 22334 Ebola-Fälle, darunter 8737 Tote. In Liberias Hauptstadt Monrovia läuft die erste und größte Ebola-Studie der kombinierten Phase 2/3 an.

Vor dem Krankenhaus der Impfstudie stehen die Freiwilligen Schlange. "Wir hatten ursprünglich mit zwölf Freiwilligen pro Tag geplant, aber schon am ersten Tag kamen viel mehr Menschen. Wir mussten einige nach Hause schicken", sagt Stephen B. Kennedy, der Co-Leiter der Studie. "Liberia schreibt gerade Geschichte", sagt der promovierte Mediziner aus Liberia. Am nächsten Tag lässt er sich sogar selbst eine Spritze geben. Er wolle ein Vorbild sein und Vertrauen wecken. "Ich weiß nicht, ob ich einen der Impfstoffe bekommen habe oder das Placebo mit Kochsalzlösung, aber ich weiß, dass ich mich gesund fühle und voller Energie."

5. März 2015: In Liberia wird die vorerst letzte bekannte Ebola-Patientin als geheilt aus einem Behandlungszentrum entlassen. Der Countdown läuft: Wenn in 42 Tagen kein neuer Fall auftritt, wird der Ausbruch in dem Land für beendet erklärt.

Doch noch ist die Epidemie in Westafrika nicht vorbei. In Guinea stecken sich weiterhin Menschen bei Beerdigungen an und attackieren Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. In Sierra Leone gehen drei kranke Fischer an Land, der Hafenmeister wird nicht misstrauisch. Innerhalb weniger Tage verbreitet sich das Virus wieder durchs halbe Land. In beiden Ländern beginnen nun erst die Massenstudien der kombinierten Phase 2/3.

27. März 2015: In Liberia stirbt eine Frau an Ebola. In den Wochen danach gibt es keine neuen Fälle in dem Land. Marylyn Addo und die Kollegen, die den rVSV-Impfstoff in Deutschland, in der Schweiz, in Gabun und in Kenia getestet haben, publizieren erste Ergebnisse ihrer Phase-1-Studie: Der Impfstoff ist sicher und vielversprechend. Die Forscher hoffen nun, dass die seltenen Nebenwirkungen vertretbar sind, wenn dafür der Impfstoff einen Ebola-Ausbruch kontrollieren und viele Menschen vor dem Tod bewahren kann.

9. Mai 2015: 26648 Ebola-Fälle in Guinea, Liberia und Sierra Leone, davon 11007 Tote. Die WHO erklärt den Ausbruch in Liberia für beendet, nachdem dort 42 Tage lang kein neuer Ebola-Fall aufgetreten ist. In Guinea und Sierra Leone ist die Epidemie dagegen noch nicht vorbei.

Sowohl der rVSV-Impfstoff als auch das cAd3-Vakzin gegen Ebola wurden in Westafrika verabreicht. Jede Woche gibt es nur noch ein paar neue Patienten. Und so treten internationale Ärzteteams den Rückzug an. Doch die Impfstoffforscher haben noch viel zu tun. Nächstes Jahr sollen die Massenstudien abgeschlossen und ausgewertet sein. Dann stellt sich heraus, ob für die nächste Epidemie ein Impfstoff zur Verfügung steht. (bsc)