Filmvertonung: Zu Besuch im Tonstudio eines Geräuschemachers
Seite 2: Videotranskript
Wusstet ihr, dass bei Filmen der größte Teil der Geräusche, die wir hören, gar nicht vor Ort am Set aufgenommen wird? Beziehungsweise: Sie werden schon mit aufgenommen, aber klingen einfach nicht so toll, da der größere Fokus beim Dreh auf dem Bild liegt. Hört mal in eine Szene rein, die ich gefilmt habe.
Kurze Filmsequenz spielt.
Klingt ziemlich lasch, oder? Das geht allerdings besser. Um euch das zu zeigen, hat uns ein professioneller Geräuschemacher im Tonstudio unsere Filmsequenz vertont. Wir haben ihm dabei über die Schulter geschaut.
Für Geräusche wie Schritte, das Rascheln von Kleidung, Türenknarzen oder Faustschläge in einem Kampf ist der Foley Artist zuständig. Im deutschsprachigen Raum wird auch der Begriff "Geräuschemacher" verwendet. Einer der bekanntesten Geräuschemacher in Deutschland ist Max Bauer. Er hat bereits Filme wie "Das Lehrerzimmer", "Werk ohne Autor" und "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" oder auch die Netflix-Serie "Dark" mit vertont. Er hilft uns bei der Vertonung unseres Kurzfilms und lässt sich dabei über die Schulter blicken.
Max Bauer: Mein Name ist Max Bauer. Ich bin Geräuschemacher und das mittlerweile seit fast 35 Jahren. Davor war ich Schlagzeuger und Tontechniker. Diese beiden Voraussetzungen habe ich mitgebracht und dann habe ich noch eine Ausbildung oder Assistenzzeit als Geräuschemacher draufgelegt. Und seit der Zeit bin ich als Geräuschemacher tätig.
Die Arbeit als Geräuschemacher
Max arbeitet im Meloton Studio in München gemeinsam mit Aufnahmetonmeister Normann Büttner. Wenn sie die Geräusche für Filme und Serien aufnehmen, erzeugt Max mit verschiedenen Objekten die Geräusche und Normann führt die Aufnahmen durch.
Man sieht Max und Normann bei der Aufnahme.
Max Bauer: [Beim Film sind] Geräuschemacher – oder zu Englisch "Foley Artists" – die Menschen, die live zum laufenden Bild die Töne oder Klänge performen. Und wir vertonen die Handlungs- und Bewegungsgeräusche der Protagonisten live zum bewegten Bild dazu.
Normann Büttner: Mein Name ist Normann Büttner. Ich bin Geräuschemacher, Geräuschaufnahmetonmeister, Sound Editor und Foley Editor. Von der technischen Seite ist sicherlich die Herausforderung, dass [die Geräusche] sich möglichst optimal akustisch in den Film einbetten.
Wir haben natĂĽrlich bei der Aufnahme ĂĽber die vielen Jahre, die wir zusammenarbeiten, auch eine ganz eigene Sprache entwickelt. Wenn ich [zum Beispiel] sage: "Mehr Schlock und weniger Schleif", dann weiĂź Max sofort, was ich damit meine.
Es geht aber nicht nur um Klangfarbe. Ich kann auch zum Beispiel mal sagen: "Kannst du die Schritte bisschen mehr mit der Hacke betonen?" oder "Kannst du versuchen, den noch ein bisschen trauriger zu laufen?" Es geht ja auch darum, die Haltung des Schauspielers aufzufassen. Die Geräuschemacher, mit denen ich arbeite, machen das meistens ganz großartig. Das ist auch ein Punkt, wo ich mich dann mal einmische und sage: "Das könnte man vielleicht nochmal anders machen."
Die Aufnahme von Geräuschen
Man sieht Max und Normann bei der Vertonung. Max produziert im Studio die Geräusche und Normann mischt sie am Mischpult ab.
Max Bauer: Die größte Herausforderung beim Geräuschemachen ist eigentlich das organische Vertonen von Bewegungsabläufen von Tieren und Menschen. Es ist relativ einfach, fette Effekte herzustellen, weil die werden eben im Schnitt schon so präpariert und getrimmt, dass sie sitzen. Während jetzt eine Organik im Bewegungsablauf, sowohl von Bewegungen als auch von den Schritten her, schon sehr, sehr viel Übung braucht und viel Routine. Ein normaler Mensch geht von A nach B. Das ist schon nicht so einfach [zu vertonen], aber noch okay. Ein Mensch, der hinkt; ein Mensch, der frustriert ist; ein Mensch, der lustig oder witzig sein soll. All das hat andere Haltungen dahinter und ist nicht so einfach. Vierbeiner, also Hunde, Pferde, Kühe, sind nicht so einfach. Wenn der Hund hinkt, wird es noch schwieriger. Je mehr Beine, umso schwieriger.
Also vom Handwerk her ist die Königsdisziplin, Bewegungsabläufe organisch zu vertonen.
Max und Normann nehmen für einen Film Hunderte bis Tausende von einzelnen Geräuschen auf. Da es ihre Aufgabe ist, dass diese Geräusche so natürlich und echt klingen wie möglich, fällt ihre Arbeit im Idealfall also nicht auf. Erst wenn sie Geräusche fabrizieren würden, die unauthentisch klingen, würde man als Zuschauer hellhörig werden und merken, dass da etwas nicht stimmig war.
Max imitiert Hundegeräusche für die Aufnahme.
Normann Büttner: Man hat häufig das Problem, dass die Geräusche eigentlich ein bisschen zu knackig sind. Da ist es so ein bisschen die Kunst, geeignete Mikrofonabstände zu wählen oder auch geeignete Mikrofone zu wählen. Ich mische dann oft auch verschiedene Mikrofone miteinander; ich habe dafür auch Raummikrofone im Studio platziert.
Wir arbeiten so gut wie ausschließlich mit Kondensatormikrofonen. Wir brauchen es einfach extrem rauscharm. Von Kleinmembran- über Großmembran-Mikrofone ist da alles Mögliche dabei. Von Neumann, Sennheiser, Rode etc. Die üblichen Verdächtigen. Ein Mikrofon habe ich zum Beispiel auch von Lewitt, das ist wahnsinnig rauscharm. Ich stehe auch total auf Sennheiser MKH-Mikrofone. Das sind extrem neutral klingende Mikrofone, die trotz ihrer kleinen Größe – das sind ja eigentlich Kleinmembran-Mikrofone – hervorragende Rauscharmut haben.
Perspektivisch einbetten muss es sich. Und grundsätzlich vom Frequenzverlauf soll es ausgewogen klingen und natürlich klingen; oder manchmal eben auch nicht natürlich klingen, wenn es übertrieben sein soll.
Vor- und Nachproduktion
Normann Büttner: In der Vorbereitung vor der Aufnahme muss ich gar nicht so viel machen. In der Regel gibt uns das Bild vor, was zu tun ist. Wir schauen in die Szene rein und da wir mit schnellem Zugriff auf die Requisiten hier arbeiten können, müssen wir selten am Tag vorher schon irgendetwas kompliziertes vorbereiten oder aufbauen. Es kann schon mal – wenn es wirklich ins Extrem geht – sein, dass man sagt "Okay, wir müssen vorher noch Requisiten organisieren!" Aber die meisten Dinge haben wir sowieso da.
Wenn man dann sagt, alle Geräusche sind fertig aufgenommen, gibt es danach noch mal den Prozess des Foley Editing. Die grundsätzliche Aufgabe beim Foley Editing ist es mal, die Geräusche so zu schneiden, dass sie mit dem Bild [übereinstimmen]. Das geht relativ schnell. Es muss aber auch mit dem Originalton [übereinstimmen] und wenn du den Originalton mit dazu [spielen] können willst, dann musst du wahnsinnig genau schneiden. Weil dann hörst du jede noch so kleine Asynchronität, weil sobald die Geräusche nicht perfekt aufeinander liegen, holpert es total.
Ich mache beim Synchronschneiden aber auch wesentlich mehr als nur [Geräusche] hin- und herschieben. Zum Beispiel De-Clicken. Das ist tatsächlich ein ansehnlicher Teil der Nachbearbeitung, dass man die Sachen "rund" kriegt, dass nichts [klanglich] herausschießt. Dazu gehört auch, dass man die Geräusche noch etwas nachpegelt. Ich nehme es schon so auf, damit es ungefähr im Mischungsverhältnis zueinander passt. Das gelingt natürlich mal besser, mal schlechter. Und das würde ich dann beim Foley Editing auch noch mal nachleveln.
Natürlich [muss ich] tonal in der Nachbearbeitung noch mit einem EQ drüber gehen, und vielleicht auch mal ein bisschen mit dem Transient-Designer arbeiten. Oder teilweise auch wirklich noch mal [Geräusche] kombinieren. Oft sind Geräusche, die ich abliefere tatsächlich aus drei, vier einzelnen Geräuschen zusammengebaut und durchkomponiert. Das ist auch ein Teil des Foley. Das ist natürlich nur dann der Fall, wenn man wirklich Zeit hat für große Filme. Im Idealfall hat man doppelt so viel Editing-Zeit wie Aufnahmezeit. Das brauchst du, damit es wirklich perfekt sitzt. Vor allem, wenn es dann halt auf den Originalton geschnitten werden muss, weil das richtige Arbeit ist. Das braucht wirklich seine Zeit. [Selbst] wenn du jetzt so eine ganz gewöhnliche Szene nimmst: Jeder einzelne Schritt, den ein Protagonist macht, ist ein Synchronpunkt und jeder einzelne Schritt wird [im Schnitt noch mal] angefasst. Das dauert einfach.
Bedeutung des Berufs
Durch das Internet wird die Zahl an digitalen Sound-Archiven stetig größer. Immer mehr Geräusche findet man daher schon voraufgenommen in Online-Bibliotheken. Wieso greift man in der Film- und Fernsehbranche dennoch so gerne auf die Arbeit der Geräuschemacher zurück?
Max Bauer: Der Vorteil des handgemachten [Tons] oder des Geräuschemachens im Tonstudio gegenüber dem Tonarchiv oder der Sound-Library ist natürlich: Ich bin unmittelbarer. Mein Zugriff ist schneller und ich kann sofort [mit Anmerkungen] umgehen. Ich kann auch auf Zuruf reagieren. Jeder Schritt klingt individuell, die Klangqualität bleibt immer erhalten. Es wirkt nicht geloopt oder wiederholt – das passiert gerne, wenn man sich aus einer Library bedient. Da sind dann vielleicht die ersten drei Schritte toll. [Ab dem vierten Schritt] funktionieren sie schon nicht mehr. Dann muss man einen vorherigen noch mal nehmen.
[Mit unserer Vertonung] wird es organischer sein und vor allem auch viel schneller. In bestimmten Sachen.
Wenn [im Film] jetzt ein Flugzeug explodiert, das würde das Geräuschestudio an die Grenzen bringen. Das ist dann leichter aus dem Archiv vertont, aber alle dynamischen Bewegungsveränderungen – egal ob es Menschen sind oder Gegenstände oder Tiere – ist natürlich im Handwerk viel schneller vertont.
Der fertige Clip
Max und Normann haben die Geräusche für unsere Filmsequenz produziert. Nach der Vertonung klingt das Ganze nun so:
Fertig vertonter Clip wird eingespielt.
Geräusche, die sich klanglich so ins Geschehen einbetten, dass man sie nicht hinterfragt – das ist die Kunst der Geräuschemacher. Sieht man Filme, ahnt man nicht, wie viel Präzisionsarbeit und teils akustische Trickserei hinter solchen alltäglichen Geräuschen steckt. Dennoch hilft die Arbeit von Geräuschemachern, noch tiefer in eine Filmwelt eintauchen zu können und die Geschichten bei Film und Fernsehen noch besser genießen zu können. Hört beim nächsten Film mal ganz genau hin, ob ihr merkt, welche Geräusche wohl nachvertont wurden.
Hat euch dieser Einblick hinter die Kulissen der Geräuschemacher gefallen, dann abonniert gerne unseren Kanal, um auch in Zukunft über neue Videos informiert zu werden. Gibt es andere Bereiche aus der Technikwelt, über die ihr gerne mehr erfahren wollt? Dann lasst es uns in den Kommentaren wissen!
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