Gehirntraining gegen Schmerzen
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Mackey und deCharms wollen außerdem überprüfen, ob sich die Therapie auch für andere Krankheitsbilder wie Depressionen eignet. Dabei wird den Patienten beigebracht, die Teile des Gehirns zu kontrollieren, die mit diesen Krankheitsbildern in Verbindung gebracht werden. "Viele Krankheiten lassen sich bestimmten Gehirnregionen zuordnen. Depressionen haben mit dem Serotonin-System zu tun, Parkinson sitzt in der Dopamin-Gegend", meint deCharms. "Vielleicht könnte sich unsere Technik hier dazu eignen, Gehirnprozesse zu kontrollieren, anstatt zu Medikamenten zu greifen."
Andere Experten auf dem Feld der rtfMRI-Technik sind skeptischer – sie halten es noch für zu früh, um sagen zu können, auf welchen Gebieten die Therapie tatsächlich genutzt werden kann. James Brewer, ein Neurologe an der University of California in San Diego, meint, dass sich manche Gehirnbereiche besser für eine bewusste Kontrolle eignen als andere. Die aktuellen Experimente von Mackey und deCharms konzentrieren sich auf eine Region, die sich durch Aufmerksamkeit beeinflussen lässt – Hirnregionen, die mit Aufmerksamkeit zu tun haben, lassen sich womöglich besser kontrollieren als andere.
Obwohl sich das Forschungsgebiet noch in einem frühen Stadium befindet, halten einige Wissenschaftler die zukünftigen Möglichkeiten für äußerst spannend. "Der Neurofeedback-Bereich ist noch vollständig offen und es lohnt sich sehr, ihn zu untersuchen", sagt Tor Wager, Psychologe an der Columbia University. "Wir müssen weiter erforschen, was die Patienten selbst tun können."
Der MIT-Neurowissenschaftler John Gabrieli, der an der Mackey-Studie mitgearbeitet hat, will herausfinden, ob sich ähnliche Methoden auch für Kinder mit Lernstörungen wie Legasthenie eignen. Patienten mit dieser Störung haben normalerweise Defizite in einem Bereich des Gehirns, der mit Sprache zu tun hat. Zur Aktivierung dieser Gehirnregion werden derzeit Leseprogramme verwendet. Gabrieli will nun herausfinden, ob sich deren Effekte verstärken lassen, wenn sie durch rtfMRI-Feedback unterstützt werden.
Die Technik könnte sich auch für Schlaganfall-Patienten eignen. "Wenn jemand einen Schlaganfall in einer Gehirnregion hatte, steigert sich normalerweise die Aktivität in einer anderen, was kompensierend wirken kann", sagt Brewer. Wenn die Wissenschaftler herausfinden könnten, wo und warum das passiert, ließe sich durch Gehirntraining in bestimmten Bereichen ein schnellerer Heilungsprozess einleiten.
Solche Anwendungen liegen allerdings noch in recht ferner Zukunft. Die bisherigen Ergebnisse geben den Forschern jedoch Anlass zur Hoffnung, dass sich Schmerzen so tatsächlich reduzieren lassen. "Alle Menschen besitzen ein leistungsfähiges physiologisches System in ihrem Gehirn, mit dem sich Schmerzen kontrollieren lassen", sagt deCharms, "wir bringen den Patienten nun bei, selbst die Kontrolle über dieses System zu übernehmen".
Von Emily Singer; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)