GenĂĽgt das kostenfreie Visual Studio Express oder muss man eine "Professional"-Variante kaufen?
Seite 3: Was alles fehlt
Was fehlt also?
Neben den oben erwähnten Projektarten fehlt vor allem die Unterstützung für Berichte. Die kommerziellen Varianten von Visual Studio bieten wahlweise Berichte mit Crystal Reports oder Microsoft Reports (kompatibel zu den SQL Server Reporting Services). Das Click-Once-Deployment, das die einfache Verbreitung und Aktualisierung von Desktop-Anwendungen über Netzwerkressourcen ermöglicht, fehlt ebenfalls. Das Debugging ist nur auf dem lokalen System umsetzbar; die kommerziellen Varianten (ab Professional) können Programmcode untersuchen, der auf entfernten Systemen läuft. Aus dem Server Explorer, den man aus Visual Studio kennt, gibt es in den Express-Varianten nur den Datenbank-Explorer. Die anderen Äste, in denen man Ereignisprotokolle, Systemdienste, Leistungsindikatoren, Nachrichtenwarteschlangen und WMI-Instanzen betrachten kann, fehlen. Quellcodeverwaltungssysteme wie Visual Source Safe und Team Foundation Server (TFS) lassen sich nicht aus der Entwicklungsumgebung bedienen. Unit Testing und alles, was es nur in den Team-Varianten gibt (beispielsweise Profiling, Code-Analyse, zentrale Aufgaben- und Fehlerverwaltung), unterstützen die Express-Versionen nicht. Das Optionsmenü ist deutlich schlanker und die mitgelieferte Dokumentation viel kürzer.
Im Menü Extras (beziehungsweise Tools in der englischen Variante) fehlt zudem der "Add-in Manager". Das ist eine wesentliche Einschränkung, denn die Express-Varianten unterstützen keine Add-ins. Von den vielen nützlichen Visual-Studio-Erweiterungen kann man keine in den Express-Varianten nutzen. Grundsätzlich ließen sich zwar Erweiterungen programmieren, die auf den Express-Varianten laufen, aber in den Lizenzbedingungen verbietet Microsoft das und macht Personen, die es dennoch wagen, über seine Anwälte Druck, wie das Beispiel TestDriven .NET Express (ein Unit Testing-Add-in, das es für die Express-Varianten gab) zeigte. Auch nach dem Verbot von TestDriven .NET Express kann man Unit-Tests nutzen, indem man das Open-Source-Werkzeug NUnit außerhalb des "Visual Studio Express"-Fensters startet.
Die fehlenden Add-ins bedeuten ĂĽbrigens nicht, dass man keine Softwarekomponenten (zum Beispiel Steuerelemente) von Drittanbietern verwenden kann. Microsoft bietet als "Entgegenkommen" fĂĽr die Registrierung eines Express-Produkts einige Zusatzkomponenten kostenlos zum Download.
Fazit
Die wesentlichen Produktivitätswerkzeuge von Visual Studio gibt es auch in den Express-Varianten. Für Desktop- und Weboberflächen, Datenbankzugriffe und Webservices ist fast alles vorhanden. Von den fehlenden Funktionen schmerzen am meisten die Berichte und die Add-ins. Ansonsten lässt sich mit den Express-Varianten fast genauso gut entwickeln wie mit den kommerziellen. Dass Unternehmen dennoch vorherrschend eine kommerzielle Variante einsetzen, liegt – neben dem Imagefaktor– daran, dass es für die Express-Varianten Support nur über Foren gibt. Die Microsoft-Hotline anrufen kann man verständlicherweise nicht, wenn man gar nichts bezahlt hat. Nur wenn das Unternehmen einen "Premier Support"-Vertrag mit Microsoft besitzt, darf man Fragen zu den Express-Produkten stellen.
Und außerdem kaufen viele Unternehmen Visual Studio 2008 Professional im Bundle mit einem Abonnement des Microsoft Developer Network (MSDN), das den Entwicklerarbeitsplatz von Betriebssystem über Office bis Serverprodukten mit allem ausstattet, was Microsoft zu bieten hat. Für alle, die sich ein Abo nicht leisten können oder wollen, sind die Express-Varianten eine hervorragende Option, mit .NET zu arbeiten.
Dr. Holger Schwichtenberg
bietet mit seinem Unternehmen www.IT-Visions.de Beratung und Schulungen im .NET-Umfeld. Er hält Vorträge auf Fachkonferenzen und ist Autor zahlreicher Fachbücher.
(ane)