Interview mit Ubuntu-Initiator Mark Shuttleworth

Seite 2: Interview mit Ubuntu-Initiator Mark Shuttleworth

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heise open: Können Sie uns sagen, wie wichtig Debian noch für Ubuntu ist?

Shuttleworth: Extrem wichtig!

heise open: Wenn Debian morgen sterben wĂĽrde...

Shuttleworth: ...dann sind wir ebenfalls tot. Wir brauchen ein starkes Debian. Und ich sage: Debian braucht ein starkes Ubuntu!

heise open: Wieso eine andere Distribution, wenn Debian so wichtig ist?

Shuttleworth: Was kann Debian gut? In meiner Vorstellung gibt es nichts, worin eine Freie-Software-Community nicht am besten sein könnte, aber eine Community kann nicht am besten in allem sein. Mit Ubuntu definieren wir die Ziele genauer, wir reduzieren die Anzahl der Archiktekturen, für die wir entwickeln, wir schränken die Zahl der Anwendungen ein, sodass wir sie noch besser machen können. Debians größte Stärke ist meiner Ansicht nach die enorme Diversität der Distribution. Sie läuft auf sehr vielen Plattformen und es gibt eine Riesenmenge an Anwendungen.

Ich glaube an Partnerschaften, in denen die Beteiligten ihre jeweiligen Stärken ausspielen können. Problematisch ist, wenn man nicht nur all das macht, was man selbst kann, sondern auch noch all das machen will, was der andere gut kann. Dann ist man zum Scheitern verurteilt. Eine starke Partnerschaft gelingt nur, wenn man sich gegenseitig ergänzt. Dabei muss jeder Beteiligte von der Wichtigkeit, dessen, was er macht, überzeugt sein. Der Grund, weshalb unser Code so einfach in Debian übernommen werden kann, ist, dass es gut für uns ist, wenn dies geschieht. Und für Debian ist es auch gut.

heise open: Wir können also der Welt versichern, dass Sie nicht den Untergang von Debian planen?

Shuttleworth: Ja! Ich brauche ein starkes Debian! Und Debian braucht ein starkes Ubuntu. Im Moment gibt es mehr Anwender, die Ubuntu einsetzen, als solche, die ein reines Debian benutzen, wenn man es so sehen will. FĂĽr mich sind es alle Debian-Benutzer.

heise open: Man könnte also sagen, Ubuntu sei nur ein anderes Debian?

Shuttleworth: Ja, so sehe ich das. Und man darf nicht vergessen: Irgendjemand bringt Debian auf ein Nokia-Smartphone, jemand anderes auf einen Palm-Handheld. Ich sehe eine Parallele zwischen Debian und Linux. Debian ist für das Betriebssystem, was Linux für den Kernel ist: Beide sind frei verfügbar, auf eine große Zahl an Plattformen portiert, und es laufen unzählige Anwendungen darauf. Ich stehe nicht in Konkurrenz zu Debian, genauso wenig wie Red Hat gegen Linus Torvalds konkurriert.

heise open: Nein, aber gegen Novell?

Shuttleworth: Genau! Also trete ich gegen Xandros an und gegen Linspire. Ich stehe nicht in Konkurrenz zu Debian. Ich bin Debian.

heise open: Jetzt, wo wir gerade von Red Hat und Novell sprechen: Wieso sollten sich Unternehmen fĂĽr Ubuntu entscheiden?

Shuttleworth: Erstens haben wir ein sehr kostengünstiges Modell: Ein Anwender kann jedes Ubuntu-Release einsetzen und braucht dafür nichts zu bezahlen. Auch Sicherheits-Updates sind umsonst. Und wer einen kommerziellen Support-Vertrag haben möchte, der bekommt einen. Im Gegensatz zu Red Hat, wo man für alle Systeme eine Lizenz kaufen muss, kann sich ein Unternehmen mit Ubuntu genau aussuchen, für welche Maschinen es einen Support-Vertrag haben möchte. Damit bieten wir ein sehr effizientes Modell für Firmen, die eine große Anzahl Systeme haben, aber nicht für alle Support brauchen.

Zweitens haben wir den besseren Desktop. Wir sind fest davon überzeugt, dass unsere Desktop-Umgebung besser ist, wir neue Hardware besser unterstützen, eine bessere Integration der Anwendungen bieten und einen besseren KDE-Desktop, wenn man KDE mag, und ein besseres Gnome, wenn man Gnome bevorzugt. Das kommt, weil wir keine Kompromisse eingehen: Wir versuchen nicht, aus zwei guten Sachen eine zu machen. Wir wollen einfach den bestmöglichen KDE-Desktop und den bestmöglichen Gnome-Desktop bieten.

heise open: Dass es Ubuntu mit drei verschiedenen Desktop-Umgebungen gibt, ist also kein Zufall, sondern eine Frage der Philosophie? Wenn Du KDE willst, dann nimm KDE, aber vermische die Sachen nicht?

Shuttleworth: Eine Gnome-Anwendung läuft problemlos unter Kubuntu. Wir glauben jedoch nicht, dass das dem Benutzer die beste Experience bringt. Die gibt es nur innerhalb einer Desktop-Umgebung.

heise open: Aber gibt es wirklich einen Desktop in Ubuntu, den ich in anderen Linux-Distributionen nicht bekomme? Ich stelle diese Frage, weil Sie sagten: "Unser Desktop ist besser!"

Shuttleworth: Wenn man die großen Komponenten betrachtet, sind sie grundsätzlich alle gleich. OpenOffice, Firefox, KDE, Gnome... der Code unterscheidet sich nicht. Wir glänzen bei der Integration, bei dem Leim zwischen den großen Puzzlestücken, der dafür sorgt, dass alles rund läuft und funktioniert. Das ist die Kombination aus unserem wirtschaftlichen Modell und der Technik. (akl)