Missing Link: System-relevant, aber streaming-fremd? Die Clubkultur in der Krise
Seite 2: Das Ausgehverhalten
(Bild:Â StockMediaSeller/Shutterstock.com)
Die Betreiber der Heidelberger halle02, die nach ihrem Ermessen "über die Jahre zu einem der größten Lieferanten von Gegenwartskultur in Süddeutschland" mit Künstlern wie Casper, Feine Sahne Fischfilet, AnnenMayKantereit, Clueso, Robin Schulz, den Toten Hosen, Jan Delay oder Paul Kalkbrenner geworden sind, haben Ende Juni die Flinte ins Korn geworfen. Die Stadt habe ihnen zwar für sechs Monate die Miete erlassen, mit einer Crowdfunding-Kampagne, Maskenverkauf und dem Öffnen des Teilbereichs "Kleine Freiheit" habe man "weitere Gelder einspielen" können, schreiben sie in ihrem vorläufigen Abschiedsbrief. Eine Wiederaufnahme des Veranstaltungsgeschäfts in der etablierten Form sei aktuell aber nicht in Sicht.
"Wir sind daher gerade nicht nur arbeitslos, zumindest in dem Bereich, in dem wir gerne arbeiten würden, sondern vor allem perspektivlos", erläutert das Duo seine bittere Entscheidung. "Und auch falls es weitere Hilfestellungen und Lockerungen geben sollte, bleibt eine Unsicherheit, wie sich das Ausgehverhalten unserer Gäste künftig entwickeln wird, was uns derzeit keine Zuversicht gibt." So habe man sich "schweren Herzens und nach Abwägung sämtlicher Vor- und Nachteile dazu entschieden, unser Konzept und die Marke halle02, die wir über 18 Jahre aufgebaut und entwickelt haben, bis auf weiteres zu pausieren und uns zunächst auf andere Geschäftsmodelle zu konzentrieren".
"Touch wie Bordelle" oder Drogenkeller
Nur mit Business-Events, hochpreisigen Dinner- und Variete-Formaten sowie Konferenzen, "die viel mit Digitalisierung und Interaktion zu tun haben", sei ein Überleben des Betriebes vor Ort in dem ehemaligen Güterbahnhof zu sichern, erklärte halle02-Geschäftsführer Felix Grädler gegenüber dem Magazin "Backstage Pro". Um Clubkonzerte wieder wirtschaftlich tragfähig zu machen, müssten sich die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern: Veranstalter bildeten "die Stars von morgen aus", profitierten aber im Gegensatz zu den Künstlern nicht davon und bekämen nicht einmal von der Verwertungsgesellschaft Gema etwas ab.
Wenige Tage zuvor hatte Grädler bei einem Online-Talk der Grünen im Bundestag noch für die Anerkennung von Clubs als Kulturorte gekämpft, die auch finanziell vom Staat stärker unterstützt werden müssten. "Wir machen Kulturarbeit", unterstrich er. "Es kostet viel Zeit, Programme zu gestalten." Während die Politik bei der "vermeintlichen Hochkultur" aber immer annehme, "dass das alles möglich ist", hätten Clubs einen "Touch wie Bordelle" oder Drogenkeller, "die man lieber gar nicht hätte".
Gegenangebote zu Netflix & Co
Die Auflagen waren dem Eingeweihten zufolge zudem schon ohne Corona sehr hoch. "Man muss sehr viel beachten rechtlich", zählte er Aspekte wie Versicherungen, Konzessionen sowie Anforderungen an Belüftungsanlagen und Fluchtwege auf. Ferner stünden der Branche, Relikte wie Sperrzeiten und Tanzverbote im Weg. Mit der Pandemie hätten er und sein Mitstreiter dann alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, für Aushilfen Lösungen suchen sowie viele Shows verlegen müssen. Selbst bei einer Wiedereröffnung hätte es bei schon früher schmalen Umsatzrenditen nur noch eine Chance gegeben, wenn die Mehrwertsteuer für Tickets und Getränke auf sieben Prozent gesenkt worden wäre.
Sie hätten zudem schon länger versucht, mit "Gegenangeboten" die Leute von Netflix & Co. wegzuziehen und ihnen einen "gewissen geschätzten Raum" zu bieten, berichtete Grädler. Auch wenn er persönlich kein Fan von Streamings aus Clubs sei, habe die halle02 während des allgemeinen Lockdowns auf dieses Pferd gesetzt. Er habe dies am Anfang als Signal empfunden: "Wir sind da." Es wäre aber nicht gegangen, ein solches Online-Angebot "dauerhaft kostenlos oder gegen eine vermeintliche Spende zur Verfügung zu stellen".
Kein wirtschaftlich attraktives Konzept
Generell würden einschlägige Streamings je nach Bekanntheit der auflegenden DJs oder auch der Location unterschiedlich gut angenommen, weiß der Unternehmer. Konkrete Zahlen habe er nicht dazu. Streaming-Einnahmen seien im gesamten Rhein-Main-Gebiet vernachlässigbar und langten allenfalls, um die Produktionskosten zu decken, "von Gagen oder Überschüssen ganz zu schweigen", ergänzte Carsten Schack, 2. Vorsitzender beim Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden. Spendenkampagnen liefen dagegen meist "gut bis sehr gut". Mit Versuchen von der "Open-Air-Kopfhörerdisko" bis zum "bestuhlten Konzert mit 150 Leuten in unserer 2400er-Halle" habe man noch kein wirtschaftlich attraktives Konzept gefunden.
Die Clubcommission hat Anfang Juli eine Bilanz der zusammen mit der Initiative "Reclaim Club Culture" über drei Monate hinweg durchgeführten Solidaraktion "United We Stream" gezogen. Weltweit sind demnach mehr als 35 Millionen Views generiert, 70 Partnerstädte angedockt worden und gut 1650 Künstler in mehr als 370 großen und kleinen Locations aufgetreten. Das Ergebnis: Über eine halbe Million Euro Spenden "haben wir alleine hier in Berlin für unsere Clubkultur sammeln können, inklusive 40.000 für den Stiftungsfonds Zivile Seenotrettung". Für die Verteilung seien 66 Anträge eingegangen. Das Projekt sei während der Laufzeit aber derart angewachsen, dass es sich mit den "momentanen Strukturen" nicht fortsetzen lasse.