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Mut zur LĂŒcke: Elektro-Motorrad mit Radnabenmotor Sondors Metacycle

Ingo Gach
Sondors Metacycle

(Bild: Sondors)

Das Leichtkraftrad in extravagantem Design mit viel Aluminium wiegt nur 90 kg, erreicht 129 km/h und soll ab 2022 fĂŒr rund 5000 Euro auch hier erhĂ€ltlich sein.

Ohne Verbrennungsmotor, Getriebe, Tank und Auspuff eröffnen ElektromotorrĂ€der den Designern völlig neue Perspektiven. Sondors, ein kalifornischer Elektrofahrrad-Hersteller mit Blick auf die Strandvillen zwischen Malibu und Santa Monica, hat nun mit der Metacycle ein Elektromotorrad auf die RĂ€der gestellt, das durch ein riesiges Loch auffĂ€llt. Dort, wo bei Verbrennern Tank und die obere HĂ€lfte des Motors sitzen, befindet sich an der Metacycle – nichts. Andere Elektromotorradhersteller wie etwa Zero bei der Zero SR ZF 14.4 (Test) [1] versuchen an ihren Modellen verschĂ€mt zu kaschieren, dass sie elektrisch betrieben werden und imitieren einen Tank. Sondors hingegen macht aus dem Antrieb keinen Hehl, sondern kokettiert damit. Es erinnert damit ein bisschen an das mit 35.581 Euro unbegreiflich teure Elektromotorrad Novus One.

Um das Loch windet sich massives Aluminium, was Sondors in folgerichtiger Anlehnung an das Konzept des "Exoskeletts" [2] als "Exo-Rahmen" bezeichnet. Er lĂ€uft in Richtung Heck in einen kurzen Ausleger aus, darauf befindet sich eine 65 Millimeter dick gepolsterte Sitzbank. FĂŒr die Soloausfahrt bietet sie reichlich Platz, doch wer die optionalen Soziusfußrasten montiert, muss engen Körperkontakt akzeptieren.

Erstaunlich klassisch fĂ€llt der große Rundscheinwerfer mit LED-Tagfahrlicht aus, hinten ist ein schmales LED-RĂŒcklicht in die Aluminiumstrebe integriert. Der KennzeichentrĂ€ger samt LED-Blinker ist an einem Ausleger von der Radnabe befestigt. Die Schwinge besteht ebenfalls aus Aluminium und trĂ€gt zum geringen Leergewicht bei: Die Metacycle soll nur 90 Kilogramm auf die Waage bringen.

Sondors Metacycle Teil 1 (0 Bilder) [3]

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Somit dĂŒrfte klar sein, dass die fast wĂŒrfelförmige Batterie nicht sonderlich viel wiegt und folgerichtig auch nicht viel Energie bunkern kann. Zu Recht argumentiert Sondors aber, dass 4 kWh fĂŒr die allermeisten EinsĂ€tze völlig ausreichen, da der US-BĂŒrger statistisch gesehen nur 26 Kilometer am Tag fĂ€hrt. Die Metacycle soll bis zu 129 Kilometer Reichweite haben, wĂŒrde also den Durchschnitt-Ami fĂŒnf Tage lang transportieren, ohne an die Steckdose zu mĂŒssen. Sie will sicher nicht als Reise- oder Rasemotorrad verstanden werden, sondern als schicker City-Flitzer, mit dem sich zur Arbeit pendeln oder zum CafĂ© cruisen lĂ€sst.

Wer es eilig hat, kann die Batterie auch mit wenigen Handgriffen wechseln. DafĂŒr muss nur die zur besseren KĂŒhlung durchlöcherte Abdeckung vor dem Akkufach per SchlĂŒssel geöffnet werden. Allerdings verrĂ€t Sondors noch nicht, wie viel ein Ersatz-Akku kostet. Wer mehr Zeit zur VerfĂŒgung stehen hat, kann die Lithium-Ionen-Batterie ganz normal ĂŒber das mitgelieferte 110-V-AC-LadegerĂ€t am Stromnetz fĂŒllen. Ein leerer Akku braucht laut Sondors drei Stunden und 45 Minuten, um auf 100 Prozent zu laden, fĂŒr 80 Prozent genĂŒgen zwei Stunden. Optional bietet der Hersteller auch ein Level-2-LadegerĂ€t an, ohne jedoch nĂ€here Angaben ĂŒber dessen KapazitĂ€t bekannt zu geben.

Viele Elektromotorrad- und Elektroroller-Hersteller regeln ihre Modelle frĂŒh ab, um auf einigermaßen Reichweite zu kommen. Nicht so die Metacycle, sie erreicht laut Sondors 129 km/h Topspeed. Sie leistet nominal 8 kW (11 PS) und darf daher mit dem A1-FĂŒhrerschein pilotiert werden. Kurzfristig liefert der Antrieb sogar 14,5 kW (20 PS) ab. Eindrucksvoller ist bei den Elektromotoren die Drehmomentangabe und da kann die Metacycle mit nominal 108 Nm glĂ€nzen, der Spitzenwert liegt bei 176 Nm. Weil in den allermeisten US-Bundesstaaten ein striktes Tempolimit von 104 oder 120 km/h besteht, dĂŒrften wohl die meisten Metacycle-Besitzer ihr Bike als völlig ausreichend motorisiert betrachten.

Angetrieben wird die Sondors von einem Radnabenmotor. Das erspart zwar die Kette oder den Zahnriemen fĂŒr die KraftĂŒbertragung zum Hinterrad, erhöht aber das Gewicht der hinteren Drahtspeichenfelge, was wiederum der Handlichkeit nicht gerade förderlich ist. Da wird auch der relativ kurze Radstand von 1320 Millimeter nur begrenzt Besserung bringen. Erstaunlicherweise ist die Metacyle, trotz ihres geringen Gewichts, mit einem RĂŒckwĂ€rtsgang ausgestattet.

Sondors Metacycle Teil 2 (0 Bilder) [5]

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Beim Fahrwerk setzt Sondors auf eine Upside-down-Gabel von WP vorne und ein teilweise einstellbares Feder-DĂ€mpferbein hinten. Die Bremsen stammen von Bybre, einer indischen Tochterfirma von Brembo. Die Hinterradbremse lĂ€sst sich als Diebstahlschutz beim Parken dauerhaft arretieren, um das Wegschieben unmöglich zu machen. Bei der Bereifung – vorne in 110/70-17 und hinten in 150/60-17 – griff Sondors zum taiwanesischen Hersteller Kenda.

Mit 800 Millimeter bietet die Metacycle eine moderate Sitzhöhe an, die fĂŒr die meisten Fahrer passen dĂŒrfte. Der breite Lenker verspricht eine entspannte Sitzhaltung. Im Cockpit versorgt ein Full-Color-Display den Piloten mit den wichtigsten Informationen. Außerdem ĂŒberrascht Sondors mit einer netten Ausstattung: Zwischen Sitzbank und Lenker befindet sich ein Fach, das per Induktion das Smartphone aufladen kann. ErhĂ€ltlich ist die Metacycle in den Farben Schwarz, Silber und Weiß, wobei nicht nur der Rahmen, sondern auch Batterie, Radnabenmotor, Schwinge, Felgen, GabelbrĂŒcken und der knappe VorderradkotflĂŒgel in der jeweiligen Farbe lackiert sind.

Jetzt kommt der vielleicht interessanteste Aspekt der Metacycle: Sondors bietet sie in den USA fĂŒr 5000 US-Dollar an, umgerechnet zurzeit rund 4370 Euro. Auch wenn auf den Preis noch Steuern hinzukommen, ist die Metacycle fĂŒr die gebotene Leistung und das außergewöhnliche Design ein durchaus attraktives Angebot. Sondors will die Metacycle 2022 auch in die EU exportieren. Auf den Preis kĂ€men fĂŒr die europĂ€ischen Kunden, laut der Sondors-Homepage, noch fĂŒnf Prozent BearbeitungsgebĂŒhren, Zoll und Versandkosten hinzu sowie die jeweilige Mehrwertsteuer des Landes.

KĂ€ufer können die Metacycle gegen 100 US-Dollar Anzahlung reservieren. Wann die Kunden aber in den Genuss des E-Motorrads kommen, ist unklar, denn selbst in den USA ist es zurzeit nicht möglich, ein Exemplar fĂŒr 2022 zu reservieren. Ob auch hier der weltweite Mangel an Halbleitern eine Rolle spielt oder die Auftragslage fĂŒr die Produktion zu hoch ist, erklĂ€rt Sondors momentan nicht.

(fpi [7])


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[1] https://www.heise.de/news/E-Motorrad-im-Test-Zero-SR-ZF-14-4-4055834.html
[2] https://www.heise.de/news/Wearable-Roboter-von-Hyundai-Unterstuetzung-fuer-Menschen-mit-koerperlichen-Beeintraechtigungen-3588661.html
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/3215391.html?back=6268408;back=6268408
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/3215391.html?back=6268408;back=6268408
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/3215376.html?back=6268408;back=6268408
[6] https://www.heise.de/bilderstrecke/3215376.html?back=6268408;back=6268408
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