Patienten machen's besser

Seite 2: Do-it-yourself-Bewegung

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Doch der Erfolg blieb aus: Bislang gibt es noch keine ausreichenden Nutzerberichte, und die FDA warnt davor, den offiziell weder geprüften noch zugelassenen EpiPencil zu benutzen. Die Technik dahinter ist anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick scheint. Davon zeugen auch gescheiterte Zulassungsversuche einiger Pharmagrößen. Sanofi etwa musste sein Produkt Auvi-Q wegen ungenauer Dosierung vom Markt nehmen, Teva schaffte die US-Zulassung wegen Mängeln gar nicht erst. Derzeit wird nur der wenig bekannte Adrenaclick von Impax Laboratories für 150 Dollar angeboten. Die Proteste gegen die Preissteigerung von Mylan zeigten dennoch Wirkung: Ende 2017 hat die US-Arzneimittelbehörde FDA die Hürden für die Zulassung gelockert. Mylan dürfte also nicht mehr lange allein sein.

Die Do-it-yourself-Bewegung nimmt dies als hoffnungsvolles Zeichen. Künftig will sie den Druck weiter steigern – und auch die Hersteller von Medikamenten treffen. Ins Auge gefasst haben die Hacker beispielsweise die drei Konzerne Eli Lilly, Sanofi und Novo Nordisk. Sie haben 90 Prozent des milliardenschweren Insulinmarktes unter sich aufgeteilt – und ihre Preise zwischen 2002 und 2013 mehr als verdreifacht.

Die Ursache dafür liegt in der Vergangenheit. Die Insulinprodukte wurden im Laufe der Jahre immer wieder biochemisch verändert, um sie sicherer zu machen. Jede Verbesserung wurde neu patentiert. Die Vorgängerpräparate hielten Ärzte für veraltet und verschrieben sie nur noch selten. Für Generikahersteller waren sie damit unattraktiv. Kommen überhaupt Generika auf den Markt, sparen Patienten 20 bis 40 Prozent gegenüber patentgeschützten Insulinen. Für viele Patienten jenseits der gut abgesicherten westlichen Länder ist das aber immer noch zu teuer. Auch Arme in den USA, die nicht ausreichend krankenversichert sind, können sich die Behandlung nicht leisten.

Die Biohacker-Gruppen Counter Culture Labs und Open Insulin Project aus dem kalifornischen Oakland arbeiten deshalb daran, synthetisches Insulin preiswerter herzustellen. Dabei hilft ihnen die gemeinnützige Organisation Fair Access Medicine. Ihr Gründer Jim Wilkins ist ein ehemaliger Pharmaforscher, der vor einigen Jahren desillusioniert ausstieg. Nun arbeitet er daran, Insulin mit gentechnisch veränderter Hefe statt wie üblich mit Bakterien herzustellen. Die Hoffnung ist, dass diese Einzeller das Hormon effizienter produzieren können. Noch stehen die Aktivisten jedoch ziemlich am Anfang. Die größte Hürde ist wohl nicht einmal die Herstellung des Insulins an sich. Sondern die Finanzierung der anschließenden klinischen Studien. Mit Wilkins an Bord, seinen Industriekontakten und dem von seiner Stiftung eingeworbenen Kapital besteht aber immerhin die Hoffnung, dass sie zu stemmen sind.

Jim Wilkins will einen gĂĽnstigen Weg finden, um Insulin herzustellen.

(Bild: Todd Johnson / San Francisco Business Times)

Weiter vorangeschritten sind die Bemühungen, in armen Ländern eine bezahlbare Alternative für teure Hepatitis-C-Medikamente auf den Markt zu bringen. Ursprünglich kostete beispielsweise Gileads Mittel Sovaldi 84.000 Dollar für eine zwölfwöchige Behandlung. Zwar gewähren die Hersteller einigen Entwicklungsländern starke Rabatte und haben ihre Preise auch in wohlhabenderen Ländern gesenkt. Doch viele staatliche Gesundheitssysteme können selbst stark gesunkene Preise von 6200 Dollar (Brasilien) bis 12.000 Dollar (Chile) nicht für alle Patienten bezahlen.

Deshalb will die gemeinnĂĽtzige Forschungs- und Entwicklungsorganisation "Drugs for Neglected Diseases initiative" (DNDi) kĂĽnftig eine Kombinationstherapie fĂĽr gerade mal 300 bis 500 Dollar anbieten. Zusammen mit staatlichen Gesundheitssystemen treibt sie Therapien fĂĽr wenig erforschte Krankheiten voran. Dabei konzentriert sie sich vor allem auf parasitische Leiden wie die Schlafkrankheit sowie HIV bei Kindern. "Das ist ein ganz anderer Ansatz als in der traditionellen Medikamentenentwicklung, bei der es in erster Linie um Gewinnmaximierung auf Kosten des Zugangs geht", sagt Pressesprecher James Arkinstall.

Ganz ohne die Pharmafirmen geht es bei DNDi aber nicht. Sie braucht die Großen der Branche, um an die Lizenzen für die Wirkstoffe zu kommen. Bei der günstigen Hepatitis-C-Therapie ist es geglückt. Sie besteht aus dem Sovaldi-Wirkstoff Sofosbuvir und dem neuen Wirkstoff Ravidasvir der US-Firma Presidio Pharmaceuticals. Nun laufen die klinischen Studien. Die Zwischenergebnisse sind vielversprechend. 97 Prozent der 301 Patienten wurden geheilt, darunter sogar schwer behandelbare Fälle, die an weiteren Krankheiten wie Leberzirrhose oder Aids leiden. Darüber hinaus ist die Wirkstoffkombination bei vielen genetischen Krankheitsvarianten effektiv. Die Organisation hat mit der ägyptischen Firma Pharco und weiteren Unternehmen in Lateinamerika schon Produzenten gefunden. Läuft es weiter nach Plan, will DNDi die ersten Zulassungen für Mitte 2019 in Ländern wie Argentinien und Malaysia beantragen.

Die hohen Medikamentenpreise treiben inzwischen sogar Krankenhäuser dazu, die Generikaproduktion selbst in die Hand zu nehmen. Dafür haben sich Anfang dieses Jahres in den USA vier große Gruppen mit insgesamt 300 Krankenhäusern zusammengeschlossen. Sie wollen mit einem eigenen Unternehmen jenen Herstellern Paroli bieten, die mangels Konkurrenz die Preise für ihre Generika erhöht oder bewährte preiswerte Mittel aufgekauft und dann immens verteuert haben. "Alles, was uns aus der Geiselhaft solcher Hersteller befreien kann, ist eine gute Möglichkeit für uns", sagte Marc Harrison, Geschäftsführer der beteiligten Krankenhauskette Intermountain Healthcare. Daraufhin fielen die Aktienkurse von Generikaproduzenten um ein paar Prozent.

Anfang 2019 will die Initiative das operative Geschäft aufnehmen. Noch verrät sie nicht, welche Krankheiten sie angehen will und ob sie die Arzneien selbst produzieren oder die Herstellung in Auftrag geben wird. Trotzdem sehen Experten in dem Zusammenschluss bereits den Anfang einer größeren Umwälzung. Sie halten es für wahrscheinlich, dass weitere Krankenhäuser dem Beispiel folgen werden.

(bsc)