Schöner scheitern
70.000 Mark verdienten sie mit Steganos. Das war viel Geld, reichte aber nicht, um die Firma, die sie gerade gegrĂĽndet hatten, professionell aufzubauen. Sie suchten einen Investor. 2000, im Zuge des Dotcom-Hypes, floss das erste Wagniskapital in das junge Unternehmen. Alles schien gut, alles sah nach Erfolg aus, aber so empfand Yoran es nicht: Er hatte die Mehrheit seiner Anteile an die Investoren verkauft und besaĂź nur noch wenige Prozent an Steganos. "Ich hatte nichts mehr zu entscheiden, ich war ein Angestellter meiner eigenen Firma." Yoran beschlich das GefĂĽhl, gescheitert zu sein.
2004 hatte Steganos 30 Angestellte und machte einige Millionen Euro Umsatz. Yoran stieg aus, seine wenigen Prozent Anteile behielt er. "Ich beschloss, schöner zu scheitern", sagt er schmunzelnd. Danach sah es aber nicht aus, denn 2006, als Mobiltelefone zu Smartphones und soziale Netzwerke immer größer wurden, hatte er eine geniale Idee: Warum nicht soziale Netzwerke aufs Handy holen? User sollten in Echtzeit auf ihrem Smartphone sehen, wenn ihre Kontakte in der Nähe sind. "Das war ein Jahr vor dem iPhone und zwei Jahre vor Android", erzählt Yoran. "Es gab nichts an Infrastruktur." Die technischen Herausforderungen waren immens. Lange Zeit konnte aka-aki kein funktionierendes Produkt vorweisen. Trotzdem fingen die Medien Feuer und hypten die junge Firma in schwindelerregende Höhen. "Wir konnten kaum glauben, welchen Hype aka-aki auslöste", erzählt Yoran. "Das bedeutete aber überhaupt nicht, dass es auch ein gutes Geschäft war – das war es nämlich nicht."
Das Gründungsteam überlegt, was es ändern kann: "Aka-aki hatte ein breites Versprechen: Triff die Leute in deiner Nähe. Aber was hieß das?" Das Gründerteam von sieben Leuten muss sich entscheiden: Sollte aka-aki ein Dating-Dienst sein oder die Leute über Spiele miteinander verbinden? Man entschied sich für Letzteres. "Das war möglicherweise falsch", sagt Yoran. "Es war so schwierig, einen roten Faden zu erkennen. Man führte so viele Gespräche, las so viele Artikel. 95 Prozent davon waren einfach kompletter Bullshit." Aka-aki verfranste sich, die Nutzerzahlen erreichten nicht die kritische Masse. 2010 steigt Yoran aus. 2012 löst sich aka-aki auf. "Seiner Zeit weit voraus", lautete das einhellige Resümee vieler Kommentatoren. Yorans Fazit: "Traue nicht deinem eigenen Hype und hinterfrage alles."
Vor allem immer wieder das eigene Businessmodell – der entscheidende Fehler, den André Alpar im Rückblick sieht. Der Jungunternehmer gründete 2005 Hitflip, eine Tauschbörse für DVDs, Bücher und andere Güter. "Wir dachten tatsächlich dass unser Modell, das Tauschen, der dritte große Weg würde – neben Amazon und Ebay." Das wurde er nicht, der Grund war einfach: Zu wenige Leute gaben in gleichem Umfang Dinge in den Tauschpool, wie sie aus ihm entnahmen. "Wir haben einfach nicht genug über das Businessmodell nachgedacht", sagt Alpar resümierend.
Darüber hat Gunnar Berning sehr viel nachgedacht. Sein Problem war auch nicht, zu sehr gehypt zu werden. Der 39-Jährige wirkt sehr bodenständig und organisiert. Eigenschaften, denen er vermutlich verdankt, dass es seine Firma heute noch gibt. Denn Bernings Problem war einfach: Pech. Großes Pech. 2009 gründete er mit zwei Kollegen Twago, einen Online-Marktplatz und Vermittlungsplattform für Selbstständige. Das Unternehmen boomt, die Kurven gehen schnell nach oben. Ein Investor steckt eine sechsstellige Summe in das Unternehmen. Die Mitarbeiterzahl wächst bis zum Frühjahr 2012 auf 30 an. Die Firma benötigt eine weitere Finanzierungsrunde. Angesichts der guten Entwicklung fällt es Berning nicht schwer, seine Investoren davon zu überzeugen.
Alles scheint gut, drei Tage vor Vertragsabschluss fährt er in den Skiurlaub, um sich ein wenig zu erholen. Dann geht die Welt unter. Plötzlich ist der Investor nicht mehr zu erreichen, ist einfach verschwunden. Berning bricht seinen Urlaub ab und fährt nach Berlin zurück. "Wir hatten plötzlich ein Problem mit Soll und Haben", witzelt Berning locker. "Wir sollten, aber wir hatten nicht." Die Lage war dramatisch, das Geld reichte nur noch für wenige Wochen. Schnell wird klar: Die Insolvenz ist der einzige Weg. Wie werden die Angestellten reagieren? "Wir hatten nur 65 Tage Zeit, um alles zu regeln", sagt Berning. Und er regelte es – ruhig und gefasst, wo andere wohl in Panik verfallen wären.
Das Erstaunliche: Kein Mitarbeiter kündigte. "Das war das Wichtigste", sagt Berning. "Ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle geblieben wäre. Aber es war letztlich das, was die Firma gerettet hat." Weil Berning mit seinen Teamkollegen Hilfe bei einem Insolvenzberater suchte, gelang es ihnen, die Insolvenz professionell zu managen. Und er hatte Glück im Unglück. Denn trotz laufenden Insolvenzverfahrens fand er einen neuen Investor. 2,25 Millionen Euro frisches Geld flossen in Twago. Die Firma ist gerettet. Sein Beispiel zeigt, wie schmal der Grat zwischen Scheitern und Erfolg sein kann. "Die Lehre, die ich daraus gezogen habe: Verrückte Dinge passieren. Und wenn sie passieren: Bleib cool, setz dich mit ihnen auseinander, schau nicht zurück."
Denn das wird in Deutschland zu viel gemacht, wie ein Failcon-Teilnehmer aus Südamerika erzählt. "Statt nach vorn zu schauen, höre ich hier so oft: Diesen Fehler hättest du erst gar nicht machen dürfen." Sylvius Bardt, Gründer des Beraterportals adviqo, sagt in einer Diskussionsrunde: "Wir haben eine Kultur, die Versagen bestraft und den Erfolg nicht anerkennt." Wem nicht vergeben wird, der kann nicht neu anfangen.
Gabriel Yoran hat neu angefangen – bei seiner alten Firma. Er hat Steganos aufgekauft, das sich nach seinem Weggang auf dem absteigenden Ast befand und 2010 von der Insolvenz bedroht war. "Es war eine einmalige Gelegenheit. Mein Mitgründer und ich sahen auf einen Blick, was zu tun war." Man besann sich wieder auf den Endkunden, legte Wert auf gute Produkte. Heute ist seine Firma – und jetzt ist es wirklich wieder seine Firma – zurück in den schwarzen Zahlen und knüpft mit Verschlüsselungs- und Datenschutzprogrammen an alte Erfolge an. Nicht alle Geschichten enden mit Happy End. Deswegen wird Sascha Schubert auch im nächsten Jahr wieder in die Jerusalemkirche einladen. 120 Leute waren dabei, fürs Erste eine gute Zahl, die US-Failcon startete mit 400. Die erste deutsche Konferenz über das Scheitern – sie war ein Erfolg. (jlu)