Spannung zwischen Himmel und Erde
Erfahrungswerte darüber, wie hoch die Betriebs- und Wartungskosten von Erdkabeln in der Praxis tatsächlich sind, gibt es kaum, weil sie im Höchstspannungsnetz mit bis zu 380000 Volt erst seit etwa 25 Jahren eingesetzt werden. Nur in den darunter liegenden Spannungsebenen mit bis zu 10000 Volt sind sie bereits Stand der Technik und werden gleichberechtigt mit Freileitungen verbaut. Die Betriebserfahrungen mit solchen Wechselstromkabeln für niedrigere Leistungen seien aber "nur begrenzt auf den Einsatz im Höchstspannungsnetz übertragbar", schreibt der VDE. Dirk Westermann, Professor für Elektrische Energieversorgung an der TU Ilmenau, bestätigt diese Einschätzung: "Man kann heute noch nicht sagen, ob die Höchstspannungserdkabel auch in 30 Jahren noch funktionieren."
Eines der ältesten europäischen Höchstspannungskabel ist in Berlin seit 1998 in Betrieb. Damit auf dem Vorzeigeboulevard Unter den Linden keine 60-Meter-Masten emporragen, wird die Metropole von einem elf Kilometer langen Kabeltunnel unterquert. Mit einer einfachen Erdverlegung hat das nicht viel zu tun – der Berliner Kabelkanal wird beispielsweise eigens mit einem Gebläse gekühlt. Ein weiterer Nachteil von Erdkabeln: Ihre Installation ist nach Schätzung des VDE vier- bis zehnmal so teuer wie die von Freileitungen. Die Kosten schwanken so stark, weil sie hauptsächlich von der Art des Untergrunds abhängen. In Thüringen hat unwegsames Gelände den Bau eines Erdkabels bereits verhindert. Am Anfang dieser wechselvollen Geschichte stand der Plan, eine herkömmliche Freileitung über den Rennsteig zu führen, einen beliebten Wanderweg über die Höhen des Thüringer Waldes. Als die Bürger dagegen protestierten, sollte die Rennsteig-Querung dann doch unter der Erde verschwinden. 2009 wurde sie als eines von vier Pilotprojekten in das Energieleitungsausbaugesetz aufgenommen, mit denen die Erdverkabelung im Höchstspannungsnetz hierzulande erstmals erprobt werden sollte. Die drei weiteren Pilotkabel verlaufen durch Niedersachsen.
Doch das Vorhaben wurde abgeblasen, das Auf und Ab im Mittelgebirge machte eine Verkabelung unmöglich. Im Planungsverfahren tauchte ein weiteres Problem auf, an das Elektrotechniker in ihren Laboren wohl niemals denken würden: Das Rennsteig-Kabel scheiterte auch am Auerhahn. Der nötige baum- und buschfreie Graben wäre für den scheuen Vogel eine unüberwindbare Barriere, fürchteten Tierschützer. Die Ironie an der Geschichte: Unter Freileitungen hätten genug Büsche für den Auerhahn wachsen können.
Der Netzbetreiber "50Hertz Transmission" mit Sitz in Berlin prüft nun auf Weisung der thüringischen Behörden ein Erdkabel südlich des Thüringer Waldes an der Grenze zu Bayern. Die 3000 Einwohner der Gemeinde Schalkau könnten dann in den Genuss einer neun Kilometer langen unterirdischen Leitung kommen. Das Dorf würde allerdings bis auf Weiteres eine Sonderstellung einnehmen. Im Rahmen des Gesetzespakets zur Energiewende hat der Bundestag keine neuen Möglichkeiten für Erdkabel im Höchstspannungsnetz geschaffen. Man müsse zunächst Erfahrungen mit den Pilotprojekten sammeln, hatte der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, wenige Tage vor dem Beschluss Ende Juni gesagt. Gebaut ist allerdings noch kein einziges dieser Vorhaben.
Die Parlamentarier beschlossen lediglich ein weiteres Pilotprojekt für eine in Deutschland noch nicht erprobte Technik: Erdkabel für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ). Gleichstrom-Trassen gibt es bisher vor allem in riesigen Ländern wie China oder Indien, wo viel Strom über Hunderte oder Tausende Kilometer möglichst verlustfrei transportiert werden soll. Die HGÜ-Technik könnte also gerade für die Aufgabe geeignet sein, mehrere Gigawatt Windstrom von Nord- nach Süddeutschland zu übertragen.
Allerdings fließt Gleichstrom auch in China oder Indien vorwiegend über Freileitungen, an Land sind HGÜ-Erdkabel die Ausnahme. In Europa werden Gleichstromkabel bisher nur für die Anbindung von Offshore-Windparks vor den Küsten eingesetzt. Das längste HGÜ-Landkabel liegt in Australien, es hat eine Länge von lediglich 180 Kilometern. Um Strom aus Windparks in der Nordsee nach Bayern zu transportieren, müssten allerdings Trassen von etwa 600 Kilometer Länge gebaut werden. Das australische HGÜ-Kabel wurde zudem erst 2002 verlegt, die Erfahrungen mit solchen unterirdischen Gleichstromleitungen sind also noch gering.
Viel Zeit für die Optimierung oder den Neubau von Stromleitungen bleibt den Technikern angesichts der ehrgeizigen Pläne für die Energiewende nicht. "Wir brauchen den Netzausbau jetzt", sagt Forscher Westermann. "Wenn wir weiter warten, müssen wir das Wachstum der erneuerbaren Energien stoppen." Angesichts dieser Probleme kommt der VDE mit einem neuen, pragmatischen Vorschlag um die Ecke: "Wir plädieren dafür, die Infrastrukturen zu bündeln, um die Betroffenheit der Bürger zu mindern", sagt Jochen Kreusel, Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft im VDE (siehe Interview unten). Sein Vorschlag: Stromleitungen sollen verstärkt dort gebaut werden, wo es ohnehin schon Trassen gibt – etwa entlang von Autobahnen, Eisenbahngleisen, Flüssen, Kanälen oder Pipelines. Damit könnten wohl auch Freileitungsgegner wie Peter Gosslar leben. (bsc)