Vollgas zurĂĽck?
Wie düster ist die Zukunft der grünen Energie angesichts dieser Zahlen? Noch ist die Antwort offen. Denn bei drei weiteren Säulen von Leonardo Maugeris Vision muss sich erst noch zeigen, wie standfest sie wirklich sind:
1. USA: Mit den bisherigen Techniken gilt von den riesigen Schieferöl-Vorkommen nur rund ein Zehntel als wirtschaftlich förderbar. "Der US-Schieferöl-Boom ist eine Illusion", ist Richard Miller daher überzeugt. "Ich vermute, dass viele Leute hier viel Geld verlieren werden." Seine Skepsis belegt er mit der sehr schnell sinkenden Förderquote pro Fracking-Bohrung. Schon nach einem Jahr ginge die Produktion auf etwa 40 Prozent zurück. Der Förderdurchschnitt für alle 4400 Bohrungen im Bakken-Feld liege bei unter 140 Barrel pro Tag. Tausende neuer und teurer Bohrungen seien nötig, um das anvisierte Maximum von 1,5 Millionen Barrel pro Tag bis 2020 zu erreichen. Ein dauerhafter amerikanischer Öl-Boom wäre damit kaum möglich. Ausgefeilte Verfahren könnten in Zukunft jedoch von jedem Bohrloch ein verzweigtes Netzwerk horizontal verlaufender Kanäle mit deutlich mehr aufgerissenen Spalten erzeugen. Zudem versprechen optimierte Mischungen für die Frac-Flüssigkeiten, die Förderraten länger als bisher hoch zu halten. Der Beweis, dass dies die Wirtschaftlichkeit steigern kann, steht aber noch aus.
2. Venezuela: Das südamerikanische Land sitzt auf riesigen Mengen sogenanntem Schwerstöl. "Die Ressource ist größer als in Saudi-Arabien", sagt der Londoner Ölexperte Miller. Ob sie sich heben lässt, ist allerdings ungewiss. Zwar könnte das Land von kanadischen Ölsand-Erfahrungen profitieren, weil Schwerstöl den bitumenreichen Ölsanden sehr ähnlich ist. Doch die dafür nötigen Summen gepaart mit technologischem Know-how will nach Millers Überzeugung derzeit kein Unternehmen in der Bolivarischen Republik einsetzen. Unter Präsident Hugo Chávez würden zu schlechte Bedingungen für Investoren herrschen. Es fehle unter ande- rem an Fachkräften und einer gut ausgebauten Infrastruktur.
3. Brasilien: Groß war die Euphorie, als 2006 ein gigantisches Ölfeld 250 Kilometer vor der Küste Rio de Janeiros entdeckt wurde. Der erhoffte Öl-Boom lässt jedoch auf sich warten. Der fossile Schatz mit einem geschätzten Volumen von 700 Millionen Tonnen liegt nicht nur unter 2000 Metern Wasser, sondern zusätzlich unter einer fünf Kilometer dicken Schicht aus Sand, Salz und Gestein. Mit Tiefseerobotern und ausgeklügelter Bohrtechnik können Offshore-Experten zwar bis zu den Ölspeichern vordringen. Doch gelten diese Projekte als schwierig, teuer und risikoreich, wie 2010 die "Deep-Horizon"-Katastrophe im Golf von Mexiko gezeigt hat. Ein einziger Bohrtag schlägt auf hoher See etwa mit einer halben Million Dollar zu Buche. Und bis die Gesteins- und Salzschichten durchstoßen sind, vergehen mindestens drei Monate. So liefern bisher nur erste Testbohrungen auf dem nach dem ehemaligen Präsidenten Brasiliens genannten "Lula-Ölfeld" einige Zehntausend Barrel pro Tag.
Immerhin lässt sich heute das kostspielige Risiko einer missglückten Bohrung, die auf kein lohnenswertes Ölvorkommen stößt, mit ausgefeilten Analysemethoden reduzieren – der sogenannten 3D-Seismik. Mit metergroßen Luftkanonen, den Airguns, werden von Explorationsschiffen aus künstliche Erdbebenwellen ausgesendet. Kilometerlange Schläuche mit Hunderten empfindlicher Spezialmikrofone schwimmen im Wasser und registrieren die zurückgeworfenen Signale. Nach einer aufwendigen Auswertung entstehen sehr genaue Aufnahmen von den tiefliegenden geologischen Strukturen. Geophysiker können Lage und Volumen von Ölreservoiren auf einige Dutzend Meter genau vorhersagen. Dennoch ist fraglich, ob der brasilianische Ölkonzern Petrobras mit Investition im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich sein Ziel erreichen wird, im Jahr 2020 pro Tag 500000 Barrel zu fördern.
"Eine Renaissance des Ölzeitalters sehe ich nicht", lautet daher das Fazit von Richard Miller. Ob er recht behält oder doch Harvard-Experte Maugeri, wird die Entwicklung der Schieferöl-Förderung in den kommenden Jahren zeigen. China wird diesen Prozess genau im Auge behalten. Denn auch im Land der Mitte schlummern vermutlich große Schieferöl-Vorkommen, ebenso in Russland. Selbst in Mitteleuropa können große Lagerstätten nicht ausgeschlossen werden. Für Deutschland will die BGR bis 2015 Schätzungen vorlegen.
Sollten die förderbaren Vorkommen rund um den Globus so groß sein wie vermutet, wird Öl nicht mehr so billig wie in den 80er- und 90er-Jahren – denn Förderkosten von deutlich unter fünf Dollar pro Barrel wie in Saudi- Arabien sind für die neuen Lagerstätten unerreichbar. Aber gegen ein auf Jahrzehnte stabiles Preisniveau zwischen 90 und 120 Dollar pro Barrel spricht ohne größere Krisen im Mittleren Osten wenig. Bis die Erneuerbaren preislich mit der fossilen Energie gleichziehen können, dürfte es länger dauern, als viele hofften. Das Ende des fossilen Zeitalters scheint damit vorerst aufgeschoben. Wichtigster Unterstützer dieses Trends bleibt auf absehbare Zeit allerdings das Gas. Dessen fallender Preis scheint nun auch Europa zu erreichen. Weil die USA den fossilen Brennstoff nicht mehr importieren müssen, brauchen Staaten wie Katar neue Abnehmer für ihr Flüssiggas (LNG). Das Angebot auf dem Weltmarkt wächst. Als Folge setzte unter anderem E.on in diesem Jahr bei seinem Lieferanten Gazprom Preissenkungen durch.
Noch leidet der Ausbau von Wind- und Solarkraft hierzulande kaum – dank der gesicherten Rendite über die Einspeisevergütung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Doch der Druck steigt – vor allem nach der im Oktober beschlossenen Erhöhung des EEG-Anteils am Strompreis auf 5,3 Cent. Noch mehr gilt das für Staaten, die keine vergleichbaren Subventionen über Einspeisetarife bieten. Selbst eine CO2-Steuer wird nach Meinung des Öl-Experten Miller das Blatt nicht wenden: "Wenn wir uns schon nicht auf ein Kyoto-Protokoll einigen konnten, sehe ich absolut keine Chance für eine globale CO2-Steuer."
Weiter so – ist das der Weg für die globale Energieversorgung in den nächsten zwei Jahrzehnten? Noé van Hulst, Direktor der Energy Academy Europe im niederländischen Groningen, will das trotz aller Warnzeichen nicht glauben. "In einigen Regionen wie Amerika mag das kurzfristig geschehen, doch glaube ich nicht an einen nachhaltigen Trend." Dafür sei die Entwicklung hin zu den Erneuerbaren viel zu stark. Zudem sieht er erste Anzeichen dafür, dass sich der EU-weite Handel mit Emissionsrechten in andere Länder ausdehnt: darunter Neuseeland, Australien, Südkorea und sogar in China sowie einigen US-Staaten. "Vielleicht fügt sich dieses Patchwork eines Tages zur einem globalen CO2-Handel zusammen, um den Weg zu einer nachhaltigeren Energiezukunft zu ebnen." (bsc)