Wie Strafgefangene per VR das Leben in Freiheit lernen
In Justizvollzugsanstalten werden Simulatoren eingesetzt, um inhaftierten Personen einen lebensnahen Unterricht zu ermöglichen. Aber funktioniert das?

(Bild: gemeinfrei)
- Daliah Singer
Atorrus Rainer, 41 Jahre alt, befindet sich gerade in der Mitte eines stickigen Raumes, über ihm brennt eine Leuchtstoffröhre. Ein Virtual-Reality-Headset bedeckt seine Augen wie eine überdimensionale Brille. Von Zeit zu Zeit streckt er den Arm aus und benutzt einen VR-Controller in der Hand, um während eines simulierten Supermarktbesuchs Mülltüten, eine Zahnbürste und Toilettenpapier einzusammeln.
Das Erleben dieser virtuellen Welt ist begrenzt – Rainer muss sich an eine vorher geschriebene Einkaufsliste halten und kann nur bestimmte Bereiche in dem ansonsten leeren Laden ansteuern. Trotzdem überwältigt ihn die schiere Anzahl der verfügbaren Produkte auch in dieser digitalen Welt noch. Das gilt auch für die Selbstzahlerkassen, die es 2001 noch nicht gab, als Rainer als Teenager zu mehr als 100 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Seine erste Erfahrung mit solchen Geräten ist diese virtuelle Interaktion. Sie findet in der Fremont Correctional Facility statt, einem Gefängnis der mittleren Sicherheitsstufe, das etwa zwei Stunden südlich von Denver liegt.
Rainer übt in der Hoffnung, in naher Zukunft ein echtes Geschäft betreten zu können. Dabei soll ihm eine Initiative helfen, die 2017 in Colorado als Reaktion auf Urteile des Obersten Gerichtshofs der USA ins Leben gerufen wurde. Lebenslange Haftstrafen für Jugendliche ohne Bewährung sind demnach verfassungswidrig. Personen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen – zum Beispiel, dass sie unter 21 Jahre alt waren, als sie Straftaten begangen haben und mindestens 20 bis 30 Jahre inhaftiert waren–- können sich für ein dreijähriges Projekt bewerben. Es nennt sich "Juveniles and Young Adults Convicted as Adults Program" (JYACAP) und soll ihnen bestenfalls eine Entlassung auf Bewährung ermöglichen.
Bei JYACAP geht man davon aus, dass das Erlernen grundlegender Fähigkeiten, die sie während ihrer Haft nicht erwerben konnten, diesen Gefangenen bei ihrer Entlassung die besten Chancen auf Erfolg bietet. Das ist eine gewaltige Herausforderung. Aufgrund von Sicherheitsbedenken haben sie nur begrenzten Zugang zum Internet. Obwohl die Verurteilten jetzt erwachsen sind, haben viele von ihnen noch nie ein Smartphone oder einen Laptop benutzt oder auch nur gesehen. Sie waren auch noch nie im Leben im Besitz einer Kreditkarte. "Wir mussten einen Weg finden, um ihnen die Möglichkeiten in einem eingeschränkten Umfeld anzubieten", sagt Melissa Smith, Interimsdirektorin für den Bereich Gefängnisse in der Strafvollzugsbehörde von Colorado.
Mit Virtual Reality in die Freiheit
Obwohl die Methode im Strafvollzug noch nicht weit verbreitet ist, haben sich eine Handvoll Gefängnisse von Ohio bis New Mexico dem Thema Virtual Reality (VR) zugewandt. Die Ziele reichen von der Verringerung aggressiven Verhaltens über die Förderung von Empathie mit den Opfern bis hin zur Reduzierung der Rückfälligkeit. Letzteres gilt etwa für Colorado. Obwohl sich das Gefängnisbudget des Bundesstaates auf fast eine Milliarde US-Dollar beläuft, hat der Bundesstaat mit rund 50 Prozent aller Entlassenen eine der schlechtesten Rückfallquoten des Landes. Landesweit werden bis zu zwei Drittel der 600.000 Personen, die jedes Jahr aus Gefängnissen auf US-Bundes- oder Staatenebene entlassen werden, innerhalb von drei Jahren erneut verhaftet.
Ist VR das lange vermisste Puzzleteil in einem unübersichtlichen Spiel mit Ressourcen und Programmen, die dazu beitragen sollen, diese Statistik umzudrehen? Oder handelt es sich wieder nur um ein Experiment, das inhaftierte Personen nicht angemessen auf das Leben nach der Haft vorbereiten wird? "Es wird nicht das Allheilmittel sein, aber es ist ein Instrument, das meiner Meinung nach für viele Menschen sehr wirkungsvoll ist, weil sie nie zuvor die Möglichkeit hatten, das zu üben, was wir ihnen beizubringen versuchen", sagt Bobbie Ticknor, außerordentlicher Professor für Strafjustiz an der Valdosta State University. "Ich denke, wir sollten alles nutzen, was es gibt und sehen, was am besten funktioniert."
Kulisse des modernen Lebens – durch VR
Befürworter wie Ticknor sind der Meinung, dass Gefangene durch VR in die Kulisse des modernen Lebens eintauchen können. Das soll ihnen ermöglichen, in einer sicheren Gefängnisumgebung digitale Kompetenzen zu entwickeln. "Wenn man Rollenspiele macht oder neue Fähigkeiten erlernt, werden die umso besser, desto näher man sie an das heranbringen kann, was die Menschen in der realen Welt erleben", sagt Ethan Moeller, Gründer und Geschäftsführer von Virtual Training Partners, das Organisationen bei der erfolgreichen Implementierung von Virtual-Reality-Werkzeugen hilft. "VR kann das besser als jedes andere Schulungsmedium."
Andere sind eher skeptisch. So wie Dr. Cyndi Rickards, außerordentliche Professorin an der Drexel University, die regelmäßig Kurse im Bereich Kriminologie in den Gefängnissen von Philadelphia leitet. Menschen, die inhaftiert sind, trügen das Abzeichen des Häftlings auf ihren Rücken. "Das ist ein entmenschlichendes System", sagt sie. "Wenn man also vorschlägt, dass VR sie in die Gesellschaft reintegriert, nachdem sie in einem Strafsystem waren, macht das die Leute noch mehr zum Objekt." Es setze das Muster der Entmenschlichung der Leute fort. "Ich habe keine zwingenden Beweise dafür gesehen, dass dies der Weg ist, den wir gehen sollten, die Leute zu integrieren, damit sie Mitglieder einer gesunden Gesellschaft werden, in der alle etwas beitragen", sagt Rickards.
VR als Training fĂĽr den Alltag in Freiheit
Rainer glaubt, dass die Simulation im Lebensmittelladen nützlich war, ist sich aber bewusst, dass sich die reale Welt, sollte er sie wirklich wieder betreten, sehr von dieser Videospiel-ähnlichen Version unterscheiden wird, mit der er im Gefängnis interagiert. "Wenn ich in die Gesellschaft zurückkehre, möchte ich aber nicht einfach in einem Lebensmittelladen erstarren und dann nicht wissen, was ich kaufen soll, weil es so viele Möglichkeiten gibt", sagt er. Er arbeite nicht gerne am Computer, aber er wisse, dass er das müsse.
Da die VR-Technologie immer erschwinglicher wird, werden solche Programme zu einer budgetfreundlichen Option für US-Bundesstaaten, die bereits mit einem anhaltenden Mangel an Arbeitskräften im Justizsystem zu kämpfen haben. "Wenn wir die Rückfallquoten senken würden, hilft das der Gesellschaft", erklärt Sarah Rimel, ehemalige Programmmanagerin für Technikforschung beim National Mental Health Innovation Center von Colorado. Dadurch lande weniger Geld in den Gefängnissen.
VR hat sich auch als vorteilhaftes therapeutisches Instrument erwiesen, das helfen kann, die Depressionsrate zu senken, Ängste zu reduzieren, Phobien zu überwinden, emotionales Einfühlungsvermögen zu fördern und posttraumatischen Stress zu bewältigen – zumindest in einigen Studien. So wurde etwa die sogenannte VR-Expositionstherapie erfolgreich eingesetzt, um Bevölkerungsgruppen wie Kriegsveteranen oder Überlebenden von sexuellen Übergriffen zu helfen, ihre Trigger und Traumata zu konfrontieren und damit besser zu bewältigen. Alle diese Forschungsarbeiten basieren jedoch auf Versuchen, die mit Menschen durchgeführt wurden, die nicht inhaftiert waren.
Die derzeit verfügbare Evidenz zu dem Ansatz in Justizvollzugsanstalten ist begrenzt und meist anekdotisch. Es gibt jedoch einige positive Ergebnisse. So führte beispielsweise eine kurzfristige Pilotinitiative in Alaska, bei der das Erlernen von Achtsamkeitstechniken durch VR ersetzt wurde, zu einem Rückgang der Berichte über depressive Gefühle oder Angst – und zu weniger Disziplinarmaßnahmen.
Virtuelles Vorstellungsgespräch
In Michigan wurde ein Virtual-Reality-Tool für das Training von Vorstellungsgesprächen, das ursprünglich für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen entwickelt worden war, in einem Pilotprojekt mit 44 Männern getestet, die im Justizsystem steckten. Die Ergebnisse, die im März 2022 veröffentlicht wurden, zeigten, dass 82 Prozent der Teilnehmer, die das Tool nutzten, innerhalb von sechs Monaten nach ihrer Entlassung einen ersten Arbeitsplatz fanden, verglichen mit 69 Prozent anderer Programmteilnehmer.
Unter Berücksichtigung von Variablen wie Alter, Rasse und verbüßter Haftzeit ergaben die Daten, dass diejenigen, die das Programm nutzten, eine 7,4-mal höhere Chance hatten, einen Arbeitsplatz zu finden. "Abgesehen von der Beschäftigungsquote wiesen diejenigen, die ein Vorstellungsgespräch mit Molly [der virtuellen Personalmanagerin] führten, im Laufe der Zeit bessere Fähigkeiten für Vorstellungsgespräche auf, verringerten ihre Angst vor Vorstellungsgesprächen und steigerten ihre Motivation, ein Vorstellungsgespräch zu beginnen", sagt Matthew Smith, Professor für Sozialarbeit an der Universität von Michigan, der die Studie leitete. Er und sein Team nehmen jetzt eine größere Gruppe in eine Validierungsstudie auf.
VR fĂĽr eine spezielle Zielgruppe
Colorado verfügt über keine Daten, auf die man sich in Sachen Erfolg oder Misserfolg berufen könnte. Nur eine der 16 im Laufe von fast drei Jahren durch JYACAP entlassenen Personen wurde bislang erneut verhaftet. Zwei dieser 16 Personen wurden noch bevor sie das gesamte Programm absolviert hatten, auf Bewährung entlassen. "Wenn die richtigen Szenarien verwendet werden", sagt Cheryl Armstrong, eine der ersten JYACAP-Absolventen, "ist es [VR] zumindest bis zu einem gewissen Grad hilfreich, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was auf einen zukommen wird."
Ticknor von der Valdosta State University schätzt, dass derzeit weniger als 10 Prozent der Justizvollzugsanstalten VR-Simulatoren bei inhaftierten Personen einsetzen. Es wird aber erwartet, dass sich das bald ändert. "Es würde mich sehr überraschen, wenn dies innerhalb von fünf Jahren nicht eine ganz normale Behandlungsmethode für diese spezielle Zielgruppe wäre", sagt sie.
(jle)