Zahlen, bitte! Die TU-144 – das erste zivile Überschallflugzeug der Welt

Seite 2: Silvester 1968 – Jungfernflug der TU-144

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Am 31. Dezember 1968 rollte der erste Prototyp auf die Startbahn: Die TU-144 mit der sowjetischen Kennung CCCP-68001 hob erstmals ab, zwei Monate vor dem Erstflug der Concorde. Sie schafften es tatsächlich, den Europäern die Show zu stehlen. Am 26. Mai 1970 flog der gleiche Prototyp als erstes ziviles Flugzeug mit zweifacher Schallgeschwindigkeit (Mach 2).

Ein schwerer Rückschlag bedeutete der Absturz einer TU-144 während der Flugschau von Le Bourget bei Paris 1973. Die erste Serienmaschine, eine TU-144S, stieg bei einem Demonstrationsflug zunächst mit vollem Schub auf über 1200 Meter, um urplötzlich in den Sturzflug überzugehen. Während die Piloten versuchten, das Flugzeug abzufangen, zerbrach es in der Luft, weil es für diese Belastung nicht vorgesehen war. Die TU-144 krachte in ein kleines Dorf nahe dem Flugplatz. Insgesamt 14 Menschen starben: 6 Besatzungsmitglieder und 8 Dorfbewohner.

Die Unglücksursache ist bis heute umstritten; Spekulationen schossen ins Kraut. Von einem Mirage-Kampfflugzeug, das die Besatzung zu einem verhängnisvollen Ausweichmanöver zwang, ist ebenso die Rede, wie von Pilotenfehlern, weil sie die zuvor durch die Concorde geflogene Darbietung noch übertreffen wollten.

Da der Protoyp unter enormen Zeitdruck entwickelt wurde und konstruktive Schwächen aufwies, unterschieden sich spätere Versionen stark in Form und Größe. Neben dem Prototyp entstanden 15 weitere TU-144 Versionen in insgesamt vier Varianten.

Die modernste Version der TU-144: Die TU-144 LL im Juli 1997

(Bild: NASA)

Die mangelnde Supercruise-Fähigkeit wurde viel später erst mit der TU-144LL behoben, die als Forschungsflugzeug für die NASA zwischen 1996 und 1998 mit neuen NK-321-Triebwerken 27 Testflüge flog und in dieser Konfiguration der Concorde ebenbürtig gewesen wäre. Da sie lange nach dem Serienbetrieb umgerüstet wurde, hatte die Modifikation für das Programm keine Bedeutung mehr.

Den Serienbetrieb nahm die TU-144 ab Dezember 1975 auf: Erst als Post und Frachtflugzeug, ab 1977 auch mit Passagieren. Einmal in der Woche flog Aeroflot eine Direktverbindung von Moskau nach Alma-Ata – dem heutigen Almaty, der größten Stadt Kasachstans. Dabei musste ein Sowjetbürger tief in die Tasche greifen, um flott zu reisen: 82 Rubel waren fällig - durchschnittlich ein halber Monatslohn in der damaligen UdSSR. Und dennoch deckte der Betrag nicht annähernd die Kosten, die während eines Fluges anfielen.

Mehr Infos

Passagiere: 98 - 120
Länge: 59,50 m - 65,70 m
Höhe: 11,35 m - 12,50 m
Spannweite: 27,65 m - 28,80 m

Flügelfläche: 438,04 m² - 506,35 m²
Leermasse: 85.000 kg - 103.000 kg
Reisegeschwindigkeit: 2430 km/h (Prototyp), 2200 km/h (TU144S), 2120 km/h (TU144D), 2300 km/h (TU144LL wi)
Reichweite: 2920 km (Prototyp) - 6200 km (TU144D bei 7 t Nutzlast)

Technische Daten Concorde:
Passagiere: 92 (Air France) 100 (British Airways)
Länge: 61,66 m
Höhe: 12,20 m
Spannweite: 25,60 m
Flügelfläche: 358,25 m²
Reichweite: 7250 km (bei Standardstartmasse)

Neben der fehlenden Rentabilität ist das zweite schwere Flugunglück einer TU-144 dem Flugzeug zum Verhängnis geworden. Am 23. Mai 1978 leckte eine Leitung; dadurch sammelte sich im dritten Triebwerk eines TU-144D Erprobungsflugzeugs mehrere Tonnen Treibstoff. Das Triebwerk geriet in Brand und zwang das Flugzeug zur Notlandung auf einem Feld. Dabei kamen zwei Besatzungsmitglieder ums Leben. Kurze Zeit später war schon wieder Schluss mit dem Linienbetrieb.

Letztlich war die TU-144 in erster Linie ein Prestigeobjekt. Die fortwährenden technischen Probleme, die fehlenden Absatzmärkte im kommunistischen Osten, sowie der enorme Ressourcenverbrauch brachten der TU-144 schnell das Aus, während die westliche Konkurrenz bis 2003 im Einsatz war.

Insgesamt schaffte die TU-144 102 kommerzielle FlĂĽge, davon 55 mit zusammen 3284 Passagieren. (mawi)