Zahlen, bitte! Wie der IT-Support die Mondlandung von Apollo 14 rettete

Seite 2: Schön geklopft, doch das Problem blieb

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Fred Haise, selbst Astronaut und Houstons Ansprechpartner fĂĽr die Crew, schlug vor, mal um die Abbruch-Taste herum zu klopfen.

  1. 105:46:23 Haise: Sind wir, Kitty Hawk. (zu Ed) Und solang diese Anzeige aktiv ist, Ed. Könntest du um die Abbruch-Taste (Paneel 1) herum auf die Verkleidung klopfen? Vielleicht lockert sich etwas.
  2. 105:46:52 Mitchell: Tatsächlich, Houston. Beim Klopfen hat sich was geändert.
  3. 105:46:54 Haise: Schön geklopft.
  4. 105:47:00 Mitchell: Ja, darin bin ich ganz gut. (Pause)

Das Klopfen half, die scheinbare Schalterstellung wieder zu korrigieren. Die Freude währte aber nicht lange, da nach einer halben Stunde die Abbruch-Taste wieder das falsche LETABORT-Bit setzte. Es schien, dass ein Wackelkontakt oder ein schwebendes Metallteil (etwa eine Lötzinnkugel) den Fehler provozierte. Das wäre während des Landevorgangs fatal, da dann unbeabsichtigt der Computer das Landeprogramm P-63 auf das Abort-Programm P-70/71 ändern und die ganze Mission abbrechen könnte. Die Konsequenzen wären, dass das Landegestell vom Landemodul gesprengt und die Rückflugphase gestartet wird, was im falschen Moment der Landung lebensgefährlich für die Besatzung hätte werden können.

Im Panel des Kommandanten, der links im Landemodul steht, befindet sich der Abortschalter, in der Illustration die gelb-schwarz umrandeten Tasten. Dort bedrohte ein Wackelkontakt die ganze Mission.

(Bild: NASA)

Eine Lösung musste her, denn sonst würde die zweite Apollo-Mission hintereinander scheitern – und diesmal sang- und klanglos. Solch eine erneute Pleite des Milliardenprojekts so kurz vor der Landung würde niemand feiern. Der Druck war enorm. Und es blieben insgesamt nur knapp dreieinhalb Stunden, um eine Lösung zu finden.

Die fand Don Eyles, ein damals 27-jähriger Softwareentwickler, der den Code geschrieben hatte. Der Apollo Guidance Computer wurde über Verb-Noun-Eingabe gesteuert: mit Drücken der Taste Verb, Eingabe einer Zahl sowie Drücken der Taste Noun als weitere Eingabe von Aktionen. Die Eingaben wurden über die DSKY-Tastatur eingegeben und unter dem Modusregister (Prog) die Programmnummer, sowie unter den jeweiligen Anzeigen die Verb-Noun-Eingaben im Display angezeigt.

Zunächst sollten die Astronauten bei einer unbeabsichtigten Auslösung in die DSKY-Tastatur folgenden Befehl eingeben: Verb 25 (Load Data) Noun 07: 105 (Adresse), 400 (BIT-ID), 0 (Action) und damit das LETABORT-Bit zurücksetzen. Allerdings gab es dabei zwei Probleme: Es würde die ohnehin schon stressigen und gefährlichsten Abschnitt der Landung noch komplizierter machen, und die Zündungsroutine würde nach 0,2 Sekunden das Bit wieder automatisiert umstellen.

Don Eyles (rechts, mit amtlicher Nerd-Frisur) empfängt eine Auszeichnung für seinen erfolgreichen Software-Hack, der die Apollo-14-Mission rettete.

(Bild: Youtube)

Die Lösung war eine andere: Das Modus-Register spielte dabei die zentrale Rolle. Dort war die Nummer des gerade arbeitenden Programms eingetragen. Glücklicherweise griff auch der Abbruchmonitor darauf zu, um zu prüfen, ob bereits eine Abbruchsequenz läuft.

Letztlich sollte der Abbruchmechanismus getäuscht werden: In der Abstiegsphase sollten die Astronauten den Abbruch durch P-71 im MODREG vorgaukeln (VERB 21 NOUN 1 ENTER 1010 ENTER, 107 ENTER), sodass der Computer auch bei einem neuen falschen Alarm nicht den Abbruch einleiten, und dabei die Zündung 26 Sekunden manuell arbeiten lassen würde.

Shepard könnte dann den Schub manuell auf volle Leistung stellen, Mitchell währenddessen per erneuter Verb-Noun-Eingabe (VERB 25 NOUN 7 ENTER 101 ENTER, 200 ENTER 1 ENTER) das ZOOMFLAG-Bit aktivieren, das dem Computer befiehlt, die automatische Steuerung des Triebwerks wieder zu übernehmen.

Danach wĂĽrde das LETABORT-Bit zurĂĽckgesetzt (VERB 25 NOUN 7 ENTER 105 ENTER, 400 ENTER 0 ENTER), um einen realen Abbruch zu vermeiden, und zum Schluss (via VERB 21 NOUN 1 ENTER 1010 ENTER, 77 ENTER) das Landeprogramm P-63 wieder eingetragen und der Schub weggenommen, damit der Computer diesen wieder automatisiert steuern kann.

Somit wurde der unberechenbare Abbruchschalter in der kritischsten Phase der Mondlandung praktisch überbrückt. Ein Software-Hack für ein Hardware-Problem. Falls es dennoch zum Notfall gekommen wäre, hätte die Crew mit VERB 25, NOUN 7, 105, 400, 1 LETABORT einfach wieder aktivieren können. Oder – bei Zeitdruck – hätte das Abort Guidance System als Reservesystem zur Verfügung gestanden. Das ist genau für den Fall gedacht, wenn der AGC aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage gewesen wäre, den Abbruch durchzuführen.

Die Computer in Apollo-Raumkapseln (5 Bilder)

Der Apollo Guidance Computer mit der DSKY-Bedieneinheit.

Somit landeten Shepard und Mitchell sicher und wie vorgesehen in Fra Mauro. Von Kleinigkeiten abgesehen, wurde die Mission ein Erfolg und brachte viele Erkenntnisse ĂĽber die Geologie des Mondes mit. Apollo 14 war von den drei ersten bemannten Mondlandungen die wissenschaftlich ergiebigste Mission.

Die Astronauten besuchten in zwei Außeneinsätzen (EVA – Extra-Vehicular Activity) 13 Orte und führten dabei in 9 Stunden und 21 Minuten zehn Experimente durch. Dabei wurden alleine vier Seismografen aufgestellt, ein Granatwerfer, um kleine Beben auszulösen, sowie Experimente zum Aufspüren von Gasen und der Messung des minimalen Mondatmosphärendrucks.

Die Landestelle von Apollo 14 als Panorama, aus mehreren Einzelbildern gestitcht.

(Bild: NASA)

Zwar schafften die Raumfahrer es nicht, einen mit Instrumenten vollgestopften Handwagen bis zum Rand des Kraters Crone hochzuziehen (der Mondrover, der die Reichweite dramatisch erweitern sollte, war erst ab Apollo 15 verfĂĽgbar), aber trotzdem wurde die Mission ein voller Erfolg. Apollo 14, die auf den Tag genau vor 50 Jahren wieder zur Erde zurĂĽckkehrte, brachte 42,9 Kilogramm Mondgestein zurĂĽck, sowie 200 Baumsamen, die sie zum Mond mitgenommen hatte und deren irdische Standorte jetzt gesucht werden. Zeit fĂĽr etwas Mondgolf blieb auch noch.

Der Blick auf die Erde ergriff Alan Shepard so emotional, dass ihm beim ersten Ausstieg die Tränen kamen. Der war aber überhaupt nur möglich dank eines IT-Supports der besonderen Art und einem Nerd, der mit einem cleveren Software-Hack ein Hardware-Problem löste.

(mawi)