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EMail-Protokolle im Vergleich
Die Verfahren zum Empfang elektronischer Mail lassen sich laut RFC 1733 in drei Kategorien einordnen: Offline-, Online- und Disconnected-Verfahren.
Bei der Offline-Variante prüft der Client regelmäßig beim Server, ob neue EMail vorhanden ist. Gibt es neue Nachrichten, werden diese zum Client kopiert und auf dem Server gelöscht. Die weitere Verarbeitung geschieht allein auf Client-Seite. So funktioniert unter anderem das weitverbreitete POP-Protokoll.
Beim Online-Verfahren bleibt die EMail auf dem Server und wird dort vom Mail-Client im Rahmen einer Online-Sitzung bearbeitet. Das IMAP-Protokoll bietet sehr effiziente Möglichkeiten, diese Form des Zugangs zu realisieren.
Das Disconnected-Verfahren schließlich ist eine Mischung der beiden anderen. Der Mail-Client kopiert eine Auswahl der Nachrichten von der Server- zur Client-Maschine. Hier werden die EMails bearbeitet und bei der nächsten Verbindung mit den Originalen auf dem Server synchronisiert.
Obwohl von der Anlage her ein typisches Online-Protokoll, bietet IMAP auch die Möglichkeit, die anderen Verfahren ohne Erweiterung oder Umgehung des Protokolls abzubilden. Wieweit dies realisiert ist, bleibt der Implementierung des Client-Programms überlassen. Für typische Notebook-Nutzer wie Außendienstmitarbeiter wird man ein Programm wählen, das Disconnected- und Online-Zugang im Wechsel ermöglicht.
VorzĂĽge des IMAP-Protokolls
Messaging-Systeme wie Lotus Notes oder Netwares MHS (Message Handling System) werden hier nicht weiter erörtert, da sie alle Nachteile proprietärer Protokolle mit sich bringen. Genauso bleiben die klassischen Unix-Verfahren des Direktzugriffs auf eine (meist per NFS eingebundene) Mailspool-Datei außen vor, da es bei diesem Online-Verfahren leicht zu Interoperabilitätsproblemen mit anderen Betriebssystemen kommen kann.
Als offene Standards zum EMail-Transfer über TCP/IP-Netzwerke bieten sich das altbekannte POP-Protokoll in der aktuellen Version 3 (RFC 1939) und das bislang weniger populäre IMAP an. Die aktuelle Version ist IMAP4rev1, dazu gibt es Erweiterungen (Extensions) wie ACL, Quota, Uidplus.
POP bietet gegenĂĽber IMAP nur zwei Vorteile:
- Das Protokoll ist sehr einfach, und deshalb sind POP-Clients sehr leicht zu programmieren. Es ist allerdings nicht zu erwarten, daß POP3 in seinen Möglichkeiten wesentlich erweitert wird
- Es gibt mittlerweile sehr viele Mail-Programme, die POP unterstĂĽtzen.
Demgegenüber warter IMAP gleich mit einer Vielzahl von Vorteilen auf, die zwölf wichtigsten:
- Der Zugriff auf die Message-Datenbasis ist von verschiedenen Rechnern aus möglich - ideal für Nutzer, die vom Büro, von zu Hause und unterwegs auf ihre EMail zugreifen müssen.
- Man kann mit unterschiedlichen Mail-Clients arbeiten, je nach Bedarf oder Arbeitssituation. Der Wechsel ist jederzeit möglich, ohne den Zugriff auf alte EMail zu verlieren. Eine Konvertierung der Mail-Folder entfällt. Auch bei einem Versionswechsel des Mail-Clients ist kein Mail-Verlust durch fehlerhafte Übertragung zu befürchten.
- IMAP-Server sind prinziell tolerant gegenüber Fehlern von Mail-Clients (kein Mail-Verlust durch Absturz), der Client kann die Server-Folder nicht zerstören.
- Mit besonders angepaßten Clients läßt sich EMail auch mit eher leistungsschwachen Geräten (PalmPilot) oder über Verbindungen mit geringer Bandbreite akzeptabel lesen. Man kann dann sehr dediziert einzelne Bestandteile einer Mail vom Server holen.
- Das Backup der Mail-Folder bleibt nicht dem einzelnen Benutzer ĂĽberlassen, sondern kann zentral im Rahmen der Sicherung der Serverdaten geschehen.
- Die Verbindung zum IMAP-Server kann per SSL (TLS) verschlĂĽsselt werden - damit sind weder die PaĂźworte noch die ĂĽbertragenen Mail-Inhalte lesbar.
- Suchvorgänge sind auf den meist leistungsstärkeren Servern performanter auszuführen.
- Es können auch andere Daten als EMail auf dem IMAP-Server vorgehalten werden; NetNews oder Dokumente erweitern den Mail-Server zum Messaging-System.
- Es lassen sich Shared-Folder definieren, deren Inhalt gemeinsam bearbeitet werden kann. Hierdurch ist Workgroup-Messaging realisierbar, etwa fĂĽr Helpdesk- oder andere Arbeitsgruppen.
- Benutzer oder Anwendungen können selbst Flags zur Kennzeichnung von Nachrichten definieren - beispielsweise zum Festhalten unterschiedlicher Bearbeitungsstufen von Anfragen an Helpdesks.
- Per IMAP-Extensions (IMAP-Referrals, RFC 2193) ist die Last in groĂźen Umgebungen fĂĽr den Mail-Client und den Benutzer transparent auf mehrere Server verteilbar.
- Im Gegensatz zu beispielsweise Lotus Notes, Netwares MSH oder auch X.400-basierten Messaging-Systemen hat das Internet-orientierte IMAP keine Probleme mit Gateways oder der Adressierung.
Da im Lieferumfang der Cyrus-Distribution auch POP-2- und POP-3-Server enthalten sind, die auf die Cyrus-Message-Basis zugreifen, ist ein fließender Umstieg jederzeit möglich. Der POP-3-Server der neuesten Cyrus-Version 1.5.19 geht in seiner Leistungsfähigkeit sogar über viele dedizierte POP-Mail-Server hinaus. So implementiert er den recht aktuellen RFC 2449 (November 1998), der einen POP3-Extensions-Mechanismus beschreibt. Diese Ergänzungen ermöglichen eine verschlüsselte Authentifizierung und Übertragung der EMail nach RFC 2222 - Simple Authentication and Security Layer (SASL). Ebenso läßt sich das kleinste Intervall, innerhalb dessen POP-Clients neue EMail abrufen können, einstellen - ein guter Ressourcen-Schutz gegen Benutzer, die ihren POP-Client auf minütlichen Mail-Check eingestellt haben.