10 Jahre Wikileaks: Enthüllungen zu US-Wahlkampf, Google und Massenüberwachung angekündigt

Julian Assange hat anlässlich des Wikileaks-Jubiläums weitere Enthüllungen versprochen. Die Bedeutung des bisherigen Archivs verglich er mit der Bibliothek von Alexandria.

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10 Jahre Wikileaks: Enthüllungen zu US-Wahlkampf, Google und Massenüberwachung angekündigt

Julian Assange in der Live-Schaltung

(Bild: heise online / Stefan Krempl)

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Inhaltsverzeichnis

Am 4. Oktober 2006 registrierte Julian Assange die Domain wikileaks.org. Zehn Jahre später zog der Mitinitiator der Enthüllungsplattform in einer Live-Videoschaltung aus seinem Londoner "Domizil" in den Roten Salon der Volksbühne in Berlin Resümee und kündigte für die nächsten zehn Wochen umfangreiche weitere Publikationen an. Es werde um den US-Wahlkampf, Krieg, Öl, Google und Massenüberwachung gehen. Mit dem ersten Set sei noch im Lauf der Woche zu rechnen. Wikileaks sitze insgesamt auf einem Fundus von einer Million unveröffentlichter Dokumente.

Vorab gab es Gerüchte, dass Assange schon zum Geburtstag selbst Materialien veröffentlichen werde, die für Hillary Clinton weitere Steine auf dem Weg zur US-Präsidentschaft werden könnten. Zu ihrer Zeit als Außenministerin hatte sie das Gesicht von Wikileaks zum US-Staatsfeind erhoben, nachdem 2010 auf der Seite nicht nur tausende brisante Dokumente zum Irak- und Afghanistan-Krieg aufgetaucht waren, sondern auch rund 250.000 diplomatische US-Depeschen rund um ihr Ressort das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollten.

Assange habe nicht vor, Clinton "zu zerstören". Mit dieser Behauptung sei er wieder einmal falsch zitiert worden. Anhänger des republikanischen Herausforderers Donald Trump sei er nicht. Wikileaks hatte im Juli bereits zehntausende E-Mails des Democratic National Committee (DNC) als ersten Teil einer Hillary-Serie ins Netz gestellt. Daraufhin warf die Vorsitzende der Dachorganisation der Demokraten, Debbie Wasserman Schultz, das Handtuch. Die Clinton-Kampagne äußerte den Verdacht, dass hinter dem Leak russische Hacker und "staatliche Akteure" steckten.

Sarah Harrison

(Bild: heise online / Stefan Krempl)

Assanges rechte Hand Sarah Harrison warf den von Wikileaks Getroffenen vor, im Umfeld neuer Veröffentlichungen nicht nur technische DDoS-Angriffe, sondern auch "viele Propaganda-Attacken" auf die Plattform zu koordinieren. Den Aktivisten werde vorgehalten, Blut an den Händen zu haben, obwohl es genau andersherum sei. Selbst die US-Regierung habe bislang keinen Beweis erbracht, dass Wikileaks-Enthüllungen menschlichen Schaden angerichtet hätten.

Über zehn Millionen Dokumente mit mehr als zehn Milliarden Worten hätten sie in den zehn Jahren veröffentlicht, betonten die Wikileaks-Sprecher. Dies seien mehr Geheimpapiere, als alle anderen Medienhäuser weltweit zusammen ins kollektive Gedächtnis eingebracht hätten. "Ich und meine Quellen glauben an eine Art romantisches Ideal", erklärte Assange das aufklärerische Motiv hinter der "Jagd nach Wissen": "Es sollte möglich sein, die Welt rational zu verstehen." So hätten er und seine Mitstreiter eine "große globale Bibliothek" wie einst die von Alexandria aufgebaut. Enthalten seien aber lauter Originaldokumente und keine Kopien.

Durchschnittlich 3000 publizierte Papiere pro Tag seien nicht ernsthaft zu sichten, räumte Assange ein. Seit Wikileaks ganze themenbezogene "Sammlungen" an Dokumenten online stelle, sei es aber wichtiger, deren Quellen zu verifizieren und nicht jedes einzelne Papier. Bei Anschuldigungen, etwa Malware mit den Mails der türkischen Regierungspartei AKP über die Seite zu verbreiten, müsse genau hingeschaut werden. Im Kern drehe es sich auch dabei um Verleumdungen, zumal viele der elektronischen Nachrichten nebst Anhängen zuvor schon von dritter Seite verbreitet worden seien.

Assange hatte eigentlich eine Ansprache vom Balkon der Botschaft Ecuadors halten wollen, in die er 2012 geflohen war, um einer drohenden Auslieferung an die USA zu entgehen. Sicherheitsleute der Botschaft hätten ihm aber davon abgeraten. Persönlich fühle er sich am Ort seines Asyls ein wenig wie auf einer Raumstation und er sei "ein bisschen blass" geworden, da er die Sonne seit vier Jahren nicht mehr gesehen habe. Anderen Unterstützern wie Chelsea Manning gehe es aber keineswegs besser.

Öffentlich zelebriert wird das Jubiläum nun vor allem mit einem Video, das die "Top-Ten-Publikationen" der Plattform zusammenfassen soll (siehe unten). Die Kritik an der radikalen Veröffentlichungslinie aus den alten Medien, mit denen viele "Partnerschaften" nicht lange gehalten haben, reißt derweil nicht ab. "Das Instrument radikaler Transparenz" habe die Glaubwürdigkeit von Wikileaks unterminiert, schreibt etwa die Berliner Zeitung. Zu erleben seien "die letzten Zuckungen" einer sich "im Todeskampf befindlichen Organisation".

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(anw)