20 Jahre World of Warcraft: RĂĽckblick eines Azeroth-Bewohners
Seite 3: Privatserver als Ausweg
Ich suche mir einen großen Privatserver und probiere es aus. Und: Es klappt. Alles ist zurückgesetzt auf den Stand von "Lich King". Die alte Welt vor dem Kataklysmus, die Talentbäume, die Levelstufen der Zonen. Es sieht aus wie früher, fühlt sich an wie früher und macht Spaß wie früher.
Wie Privatserver funktionieren, wäre interessant zu erfahren. Die Spieler verwenden den originalen Client, nur eben auf einem älteren Stand. In einer Textdatei wird die Adresse des alternativen Servers eingetragen. Der Client enthält bereits die Grafiken, die Sounds, die gesamte Spielwelt. Simuliert wird "nur" alles Serverseitige.
Mittlerweile spiele ich seit 10 Jahren auf dem Server, auf dem die Zeit stillsteht. Es kommen keine neuen Inhalte; und damit entsteht kein Druck, nach einer Pause aufholen zu mĂĽssen.
Langeweile gibt es nicht: Ich habe meine Liebe zu PVP entdeckt (nahezu alle Privatserver sind PVP) und greife Horde-Spieler an, wo immer ich sie treffe. Bei den drei PVP-Forts in der Höllenfeuerhalbinsel, die für eine Quest erobert werden müssen, habe ich mir ein regelrechtes System erarbeitet, um so nervig zu möglich zu sein. Durch Angriffe, Taktik, Täuschung und Manipulation – und mit oft mehreren Accounts. Ein diebischer Spaß. Erleichtert wird das durch das Fehlen von Abo-Gebühren. Man kann leicht mehrere Accounts erstellen und sogar mit mehreren Charakteren auf einem PC gleichzeitig online sein: Man startet WoW mehrfach und wechselt mit Alt-Tab.
Eine internationale Community
Vor allem mag ich die Internationalität des Servers, die Blizzard nicht bieten kann. Fragt man einen Spieler, woher er kommt, hört man nicht selten Länder wie Brasilien, Rumänien, Iran oder Philippinen. Das bedeutet auch, dass man rund um die Uhr immer genügend Mitspieler findet. Wofür auch immer.
Manche Spieler vermissen, wie ich, die alten Zeiten. Manche wohnen in Ländern, in denen sie WoW regulär gar nicht spielen können. Manche haben nur einen alten PC und könnten das aktuelle WoW gar nicht zum Laufen bringen. Manche spielen ein paar Wochen. Manche sind, wie ich, seit Jahren dabei. Natürlich habe ich mittlerweile andere Online-Spiele ausprobiert, aber ich komme immer wieder zurück nach Azeroth. Zum vielseitigsten und besten Spiel aller Zeiten.
Epilog
Der Redakteur fragt noch, welchen Einfluss das Spiel auf das Privatleben hatte und hat. Freilich hatte ich bei weitem zu viel WoW gespielt und damit andere Spiele und andere Dinge verpasst – aber auch neue Freunde gefunden und Zeit mit unseren Kindern in Azeroth verbracht. WoW kann Fluch und Segen zugleich sein. Ich kenne Spieler, die für WoW das reale Leben geopfert haben, mit ernsten Konsequenzen wie dem Scheitern des Studiums. Und ich kenne Spieler, die bisher kein erfülltes reales Leben hatten und erst durch WoW Freunde und feste Partner fanden und Erfolge feierten. Das Leiten einer Gilde und mehrere wöchentliche Raids mit der Gilde auf dem Blizzard-Server nahmen bei mir überhand. So achte ich auf dem Privatserver darauf, mir keine Verpflichtungen aufzubürden. Wenn ich merke, dass ich es übertreibe, baue ich Hürden auf: Ich versetze meine Charaktere in "Urlaubsregionen", wo ich nicht auf andere Spieler treffe oder lösche die Verknüpfung der WoW.exe vom Desktop oder direkt die Datei oder als letzte Konsequenz den entscheidenden Ordner.
(nie)