Bundesbehörden handhaben Informationsfreiheit zunehmend restriktiv
Die Zahl der AntrÀge auf Akteneinsicht bei der Bundesverwaltung gemÀà Informationsfreiheitsgesetz ist 2008 zwar wieder leicht auf 1548 AntrÀge gestiegen, mehr als verdoppelt hat sich aber die Zahl der Ablehnungen.
Die Bilanz der Bundesregierung zur Nutzung des Informationsfreiheitsgesetzes [1] (IFG) des Bundes fĂ€llt auch in diesem Jahr wieder zwiespĂ€ltig aus. Wie aus einer heise online vorliegenden Antwort des federfĂŒhrenden Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der GrĂŒnen im Bundestag [2] hervorgeht, ist die Zahl der Anfragen auf Akteneinsicht 2008 zwar wieder leicht auf 1548 AntrĂ€ge gestiegen. Im Jahr zuvor [3] gab es nur 1265 Anfragen nach 2278 Eingaben 2006. Zugleich hat sich aber die Zahl der Ablehnungen von AntrĂ€gen auf Informationszugang von 247 im Jahre 2007 auf 536 FĂ€lle im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. Die Menge der vollstĂ€ndig beantworteten Anfragen ging im gleichen Zeitraum von 681 auf 618 zurĂŒck. Bei den unvollstĂ€ndig beantworteten AntrĂ€gen stieg die Zahl wiederum vom 128 auf 193.
Diese Entwicklung ist laut Silke Stokar [4], innenpolitische Sprecherin der Fraktion der GrĂŒnen im Bundestag, "von der Bundesregierung gewollt". Sie zeige, "dass die groĂe Koalition dem Gesetz die Luft abdrehen will". Immer kleinlichere VerfahrenshĂŒrden und ein wachsender Unwille, das Gesetz zu befolgen, seien nicht lĂ€nger hinnehmbar. Ins Bild passe dabei auch, dass die Bundesregierung sich nicht einmal dazu durchringen könne, den Bundesrat dabei zu stoppen, eine Sperre sĂ€mtlicher Informationen aus dem Bereich der Finanz-, Wertpapier- und Versicherungsaufsicht in das Gesetz zu schreiben, verweist die Innenexpertin auf den jĂŒngsten VorstoĂ [5] der LĂ€nder zur EinschrĂ€nkung der Informationsfreiheit.
"Die Bundesregierung tut alles, das Gesetz lahm zu legen und die BĂŒrger davon abzuschrecken, ihr Fragerecht zu nutzen", empört sich Stokar weiter. Dementsprechend sehe Berlin auch keine Veranlassung, verstĂ€rkt fĂŒr das Gesetz zu werben und die Internetseiten der öffentlichen Stellen so zu gestalten, dass die Menschen ĂŒber ihre Rechte aufgeklĂ€rt werden.
Aus der Antwort der Bundesregierung geht auch hervor, dass BĂŒrger 2008 in 85 FĂ€llen bei den Bundesministerien und deren nachgeordneten Behörden Widerspruch gegen Entscheidungen ĂŒber AntrĂ€ge auf Informationszugang eingelegt haben. Aber nur in drei FĂ€llen sei der erneuten Eingabe vollstĂ€ndig, in 16 FĂ€llen teilweise abgeholfen worden. 37 FĂ€lle seien noch nicht abgeschlossen. Zudem seien 22 Klagen anhĂ€ngig, wĂ€hrend zweien bereits stattgegeben, ebenfalls zwei sich auf sonstige Weise erledigt hĂ€tten und eine abgewiesen worden sei. Ferner hĂ€tten enttĂ€uschte BĂŒrger den Bundesbeauftragten fĂŒr die Informationsfreiheit nach dessen Angaben im vergangenen Jahr in 133 FĂ€llen als Vermittler angerufen. Davon richteten sich dem Papier zufolge 83 Eingaben konkret gegen einen ablehnenden Bescheid einer öffentliche Stelle des Bundes. Die Mehrzahl dieser FĂ€lle sei noch nicht abgeschlossen wegen unterschiedlicher Rechtsauffassungen. In etwa der HĂ€lfte der erledigten Angelegenheiten habe der Beauftragte festgestellt, dass der Informationszugang zurecht abgelehnt worden war. In fast allen anderen FĂ€llen sei die Akteneinsicht schlieĂlich ganz oder teilweise gewĂ€hrt worden.
Zu den fĂŒr die BĂŒrger entstandenen Kosten hĂ€lt das Innenministerium fest, dass die von AntrĂ€gen betroffenen Verwaltungsstellen 109 Mal eine GebĂŒhr fĂŒr die GewĂ€hrung des Informationszugangs erhoben hĂ€tten. Die Höhe habe in 39 FĂ€llen bei bis zu 50 Euro, in 24 FĂ€llen bis zu 100 Euro und in 46 FĂ€llen sogar mehr als 100 Euro betragen. Die Behörden hĂ€tten weiter in 63 FĂ€llen die Erstattung von Auslagen verlangt, davon in 21 FĂ€llen mehr als zehn Euro. Ob sich WidersprĂŒche lediglich gegen den Kostenbescheid richten, erhebt die Bundesregierung nach eigenen Angaben nicht. Generell habe es keine besonders hĂ€ufig genannten oder zu verallgemeinernde GrĂŒnde fĂŒr die Ablehnung von Anfragen gegeben.
Zur Informationsfreiheit in Deutschland siehe auch:
- Protest gegen weitere EinschrÀnkung der Informationsfreiheit [6]
- Bundesrat will Informationsfreiheit im Finanzsektor deutlich einschrÀnken [7]
- Zugang zu Daten der öffentlichen Verwaltung soll einfacher werden [8]
- Sachsen-Anhalts Informationsfreiheitsgesetz: kein Ansturm auf Behördenakten [9]
- BĂŒrgerrechtler fordern Wahrung der Informationsfreiheit im EU-Telecom-Paket [10]
- GrĂŒne wollen Datenschutz im Grundgesetz festschreiben [11]
- BĂŒrgerrechtler: EU-Kommission will Informationsfreiheit einschrĂ€nken [12]
- Beschwerdestatistik zum Informationsfreiheitsgesetz des Bundes [13]
- Zehn Jahre gesetzliche Informationsfreiheit in deutschen Landen [14]
- Zahl der AntrÀge auf Akteneinsicht bei der Bundesverwaltung bricht ein [15]
- Studie zur Abfrage von Verbindungsdaten bleibt unter Verschluss [16]
- SPD will Grundrecht auf Informationsfreiheit im Internet einfĂŒhren [17]
- Wahlcomputer und die Grenzen der Informationsfreiheit [18]
- Ein Jahr Informationsfreiheitsgesetz in Mecklenburg-Vorpommern [19]
- ThĂŒringen und Bayern beharren auf Amtsgeheimnis [20]
- Sachsen-Anhalt soll Informationsfreiheitsgesetz bekommen [21]
- Informationsfreiheitsbeauftragte mahnen blockadefreies Informieren an [22]
- GroĂe Koalition lehnt Kostenreduzierung fĂŒr die Informationsfreiheit ab [23]
- Bundestagsverwaltung weist Akteneinsichtswunsch von Transparency zurĂŒck [24]
- Rechtsprofessor: Informationsfreiheit soll ins Grundgesetz [25]
- Statistische Bilanz zum Informationsfreiheitsgesetz veröffentlicht [26]
- Beauftragter fĂŒr Informationsfreiheit fordert mehr Transparenz [27]
- Informationsfreiheit gilt nicht fĂŒr Wowereits Terminkalender [28]
- Mecklenburg-Vorpommern verteidigt hohe Kosten fĂŒr Informationsfreiheit [29]
- Informationsfreiheit kann in Mecklenburg-Vorpommern teuer werden [30]
- Proteste gegen EinschrÀnkung der Informationsfreiheit in Schleswig-Holstein [31]
- Bundesregierung verteidigt breite Ausnahmen bei der Informationsfreiheit [32]
- Neuer Anlauf fĂŒr Informationsfreiheit in ThĂŒringen [33]
- Verwaltungen in Bremen und Hamburg werden transparenter [34]
- Informationsfreiheit auch fĂŒr Mecklenburg-Vorpommern [35]
- Saarland verabschiedet Informationsfreiheitsgesetz [36]
- Sozialhilfeverein gewinnt im Rechtsstreit um Informationsfreiheit [37]
- Schleswig-Holstein: Keine Informationsfreiheit fĂŒr fiskalische Handlungen [38]
- Deutsche Gesellschaft fĂŒr Informationsfreiheit gegrĂŒndet [39]
- Innenministerium hĂ€lt an hohen GebĂŒhren fĂŒr Akteneinsicht fest [40]
- VertrÀge zur LKW-Maut bleiben geheim [41]
- Mit dem Urheberrecht gegen die Informationsfreiheit [42]
- Aktensammelstelle zum Informationsfreiheitsgesetz geht online [43]
- Bundestag streitet ĂŒber Kosten fĂŒr Informationsfreiheit [44]
- Saftige GebĂŒhren beim Informationsfreiheitsgesetz in der Kritik [45]
- 22C3: "Grenzen des Informationsfreiheitsgesetzes ausloten" [46]
- Informationsfreiheitsbeauftragter: Verwaltung muss sich umstellen [47]
- Bundesrat gibt grĂŒnes Licht fĂŒrs Informationsfreiheitsgesetz [48]
- Bundestag verabschiedet Informationsfreiheitsgesetz [49]
- Brandenburg: Bilanz zum Informationsfreiheitsgesetz [50]
(Stefan Krempl) / (jk [51])
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[4] http://www.stokar.de/
[5] https://www.heise.de/news/Bundesrat-will-Informationsfreiheit-im-Finanzsektor-deutlich-einschraenken-197683.html
[6] https://www.heise.de/news/Protest-gegen-weitere-Einschraenkung-der-Informationsfreiheit-202435.html
[7] https://www.heise.de/news/Bundesrat-will-Informationsfreiheit-im-Finanzsektor-deutlich-einschraenken-197683.html
[8] https://www.heise.de/news/Zugang-zu-Daten-der-oeffentlichen-Verwaltung-soll-einfacher-werden-219460.html
[9] https://www.heise.de/news/Sachsen-Anhalts-Informationsfreiheitsgesetz-kein-Ansturm-auf-Behoerdenakten-214862.html
[10] https://www.heise.de/news/Buergerrechtler-fordern-Wahrung-der-Informationsfreiheit-im-EU-Telecom-Paket-207260.html
[11] https://www.heise.de/news/Gruene-wollen-Datenschutz-im-Grundgesetz-festschreiben-214773.html
[12] https://www.heise.de/news/Buergerrechtler-EU-Kommission-will-Informationsfreiheit-einschraenken-204037.html
[13] https://www.heise.de/news/Beschwerdestatistik-zum-Informationsfreiheitsgesetz-des-Bundes-197417.html
[14] https://www.heise.de/news/Zehn-Jahre-gesetzliche-Informationsfreiheit-in-deutschen-Landen-191559.html
[15] https://www.heise.de/news/Zahl-der-Antraege-auf-Akteneinsicht-bei-der-Bundesverwaltung-bricht-ein-177549.html
[16] https://www.heise.de/news/Studie-zur-Abfrage-von-Verbindungsdaten-bleibt-unter-Verschluss-172350.html
[17] https://www.heise.de/news/SPD-will-Grundrecht-auf-Informationsfreiheit-im-Internet-einfuehren-196880.html
[18] https://www.heise.de/news/Wahlcomputer-und-die-Grenzen-der-Informationsfreiheit-186395.html
[19] https://www.heise.de/news/Ein-Jahr-Informationsfreiheitsgesetz-in-Mecklenburg-Vorpommern-157359.html
[20] https://www.heise.de/news/Thueringen-und-Bayern-beharren-auf-Amtsgeheimnis-154313.html
[21] https://www.heise.de/news/Sachsen-Anhalt-soll-Informationsfreiheitsgesetz-bekommen-150565.html
[22] https://www.heise.de/news/Informationsfreiheitsbeauftragte-mahnen-blockadefreies-Informieren-an-138860.html
[23] https://www.heise.de/news/Grosse-Koalition-lehnt-Kostenreduzierung-fuer-die-Informationsfreiheit-ab-154654.html
[24] https://www.heise.de/news/Bundestagsverwaltung-weist-Akteneinsichtswunsch-von-Transparency-zurueck-148634.html
[25] https://www.heise.de/news/Rechtsprofessor-Informationsfreiheit-soll-ins-Grundgesetz-141206.html
[26] https://www.heise.de/news/Statistische-Bilanz-zum-Informationsfreiheitsgesetz-veroeffentlicht-134682.html
[27] https://www.heise.de/news/Beauftragter-fuer-Informationsfreiheit-fordert-mehr-Transparenz-130281.html
[28] https://www.heise.de/news/Informationsfreiheit-gilt-nicht-fuer-Wowereits-Terminkalender-127382.html
[29] https://www.heise.de/news/Mecklenburg-Vorpommern-verteidigt-hohe-Kosten-fuer-Informationsfreiheit-121921.html
[30] https://www.heise.de/news/Informationsfreiheit-kann-in-Mecklenburg-Vorpommern-teuer-werden-112309.html
[31] https://www.heise.de/news/Proteste-gegen-Einschraenkung-der-Informationsfreiheit-in-Schleswig-Holstein-164573.html
[32] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-verteidigt-breite-Ausnahmen-bei-der-Informationsfreiheit-150104.html
[33] https://www.heise.de/news/Neuer-Anlauf-fuer-Informationsfreiheit-in-Thueringen-148044.html
[34] https://www.heise.de/news/Verwaltungen-in-Bremen-und-Hamburg-werden-transparenter-148082.html
[35] https://www.heise.de/news/Informationsfreiheit-auch-fuer-Mecklenburg-Vorpommern-146120.html
[36] https://www.heise.de/news/Saarland-verabschiedet-Informationsfreiheitsgesetz-142308.html
[37] https://www.heise.de/news/Sozialhilfeverein-gewinnt-im-Rechtsstreit-um-Informationsfreiheit-141230.html
[38] https://www.heise.de/news/Schleswig-Holstein-Keine-Informationsfreiheit-fuer-fiskalische-Handlungen-133187.html
[39] https://www.heise.de/news/Deutsche-Gesellschaft-fuer-Informationsfreiheit-gegruendet-128976.html
[40] https://www.heise.de/news/Innenministerium-haelt-an-hohen-Gebuehren-fuer-Akteneinsicht-fest-127425.html
[41] https://www.heise.de/news/Vertraege-zur-LKW-Maut-bleiben-geheim-126510.html
[42] https://www.heise.de/news/Mit-dem-Urheberrecht-gegen-die-Informationsfreiheit-123519.html
[43] https://www.heise.de/news/Aktensammelstelle-zum-Informationsfreiheitsgesetz-geht-online-108205.html
[44] https://www.heise.de/news/Bundestag-streitet-ueber-Kosten-fuer-Informationsfreiheit-177142.html
[45] https://www.heise.de/news/Saftige-Gebuehren-beim-Informationsfreiheitsgesetz-in-der-Kritik-163732.html
[46] https://www.heise.de/news/22C3-Grenzen-des-Informationsfreiheitsgesetzes-ausloten-161489.html
[47] https://www.heise.de/news/Informationsfreiheitsbeauftragter-Verwaltung-muss-sich-umstellen-114411.html
[48] https://www.heise.de/news/Bundesrat-gibt-gruenes-Licht-fuers-Informationsfreiheitsgesetz-114268.html
[49] https://www.heise.de/news/Bundestag-verabschiedet-Informationsfreiheitsgesetz-107524.html
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