Globale Schlacht um die DVD-Nachfolge

Bislang konnten die Verfechter des DVD-Nachfolgers HD DVD mit der Situation in Europa recht zufrieden sein. Doch der hiesige Verkaufsstart der Playstation 3 dürfte sie schmerzlich daran erinnern, dass sich die früher ebenfalls so positive Lage in Nordamerika nach Erscheinen der Sony-Konsole als preiswertesten Blu-ray-Player drastisch änderte.

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Hochaufgelöste Filme auf HD DVD verkaufen sich nach Händlerangaben in Europa bislang wesentlich besser als auf Blu-ray Disc. Gerade erschien mit dem deutschen Erfolgsfilm „Das Parfum“ die erste HD DVD aus dem Hause Constantin/Highlight, während die in [1] angekündigte Fassung für die Konkurrentin um die DVD-Nachfolge auf ungewisse Zeit verschoben wurde. Ab 21. Juni soll man sogar die Doppel-HD-DVD-Edition des Films „Dreamgirls“ aus dem Hause Dreamworks in Deutschland bekommen.

Auch bei der Hardware liegt das Format gut im Rennen: Microsoft nennt das externe HD-DVD-Laufwerk für seine Xbox 360 das meistverkaufte Konsolen-Accessoire in der Preisklasse über 100 Euro, während Toshiba auf der CeBIT für Mai bereits seinen dritten europäischen Stand-alone-Player ankündigte. Zum Listenpreis von 700 Euro soll das HD-EP10 genannte Gerät Vollbildausgabe in der höchsten HD-Auflösung mit 1920 x 1080 Bildpunkten (1080p) bieten. Blu-ray-Player hatten bislang zum Verkaufsstart einen Listenpreis um 1200 Euro.

Das Blu-ray-Lager erwartet mit dem Europastart der Playstation 3 (siehe Seite 16) in Kombination mit einem allgemein breiteren Titelangebot allerdings die gleiche Entwicklung wie in den USA, wo vom ehemals schwächelnden Format seit Januar rund doppelt so viele Scheiben abgesetzt werden wie von HD DVD. Sonys exklusiv auf Blu-ray Disc veröffentlichter James-Bond-Film „Casino Royale“ schaffte es sogar als erste HD-Disc überhaupt in die Top 10 der DVD-Verkaufs-Charts von Amazon.com. Absolute Zahlen fehlen noch, Experten gehen aber davon aus, dass sich die Blu-ray Disc alleine in der ersten Woche in den USA über 100 000 Mal verkaufte.

Die Filmstudios nutzen daher den PS3-Start, um in Europa Gas zu geben: Sony schickt die Blu-ray Disc von „Casino Royale“ den ersten 500 000 registrierten europäischen PS3-Käufern kostenlos zu und Fox plant Promo-Aktionen rund um die Konsole. Auch Disneys Entschluss, am 5. April als letzter Major in Deutschland hochaufgelöste Filme (exklusiv) auf Blu-ray Disc anzubieten, dürfte mit dem Debüt der Konsole in Verbindung stehen.

So verwundert es kaum, dass die HD DVD Promotion Group auf der CeBIT nicht nur einen europäischen Ableger zur Stärkung ihrer Position in der alten Welt ankündigte, sondern auch den bei Universal Home Entertainment für die HD DVD zuständigen Manager Ken Graffeo nach Hannover holte, der durch den Ausspruch bekannt wurde: „Wenn dank der PS3 das Verkaufsverhältnis zwischen Blu-ray- und HD-DVD-Playern bei 5:1 liegt, warum schlägt die Blu-ray Disc die HD DVD bei den Softwareverkäufen dann nicht im gleichen Verhältnis?“ Erwartungsgemäß erklärte Graffeo, dass es völlig verfrüht sei, das eine oder das andere Format zum Sieger zu erklären.

Doch die Playstation 3 sorgt auch im Blu-ray-Lager für Unruhe: Gerieten die Stand-alone-Player - wohl wegen der niedrigen Nachfrage - in Deutschland schon vor dem PS3-Start stark unter Druck (der Straßenpreis des Samsung BD-P1000 sank innerhalb der vergangenen drei Monate von knapp 1100 auf 600 Euro), müssen sie sich nun noch an der Konsole messen lassen, die „nebenbei“ auch noch für Spiele in High Definition taugt.

Wie Hersteller von Stand-alone-Geräten gegenzuhalten versuchen, zeigt Sharp mit seinem ersten Blu-ray-Player BD-HP10S, der mit Features auftrumpfen soll, die die Sony-Konsole (noch) nicht bietet. Dazu zählt die Fähigkeit, Filme von der Blu-ray Disc in der höchsten HD-Auflösung von 1920 x 1080 Bildpunkten mit 24 Vollbildern pro Sekunde (1080p/24) an geeignete Displays auszugeben. Ein leistungsfähiger Audio-Chip soll den Player dazu befähigen, Dolby Digital Plus, TrueHD und DTS-HD zu dekodieren und digital via HDMI als PCM-Datenströme sowie analog mit bis zu 7.1 Tonkanälen auszugeben. Dank HDMI-Ausgang in der Fassung 1.3 gibt der Sharp wie die PS3 alle Audioformate alternativ auch als ungewandelte Bitstreams an einen Audio/Video-Verstärker mit einem entsprechenden Eingang weiter.

Berichte, der Player erscheine im Mai zu einem Preis um 1200 Euro, wollte Sharp gegenüber c't nicht bestätigen. Vielmehr warte man die Marktentwicklung ab - eine Haltung, die offenbar auch Panasonic und Samsung bei ihren Playern der zweiten Generation einnehmen. Offen blieb bis zum Redaktionsschluss, ob Sony in Europa noch seinen ersten Blu-ray-Player BDP-S1 herausbringen wird, den das Unternehmen in Nordamerika zum Listenpreis von 1000 US-Dollar anbietet. Wahrscheinlicher ist, dass gleich der Nachfolger BDP-S300 erscheint, der in den USA für 600 Dollar angekündigt wurde.

Doch die kommenden Player werden nicht nur billiger: Gerade hat die Blu-ray Disc Association festgelegt, dass alle nach dem 31. Oktober 2007 veröffentlichten Player zwei Videoströme parallel dekodieren können müssen. Pflicht wird zudem ein nicht-flüchtiger Speicher von mindestens 256 MByte, der bei Blu-ray-Playern mit Ethernetanschluss sogar eine Mindestkapazität von 1 GByte besitzen muss, um die Speicherung von Inhalten aus dem Internet zu ermöglichen.

Diese Merkmale sind beim Konkurrenzformat HD DVD bereits seit dem Formatstart Pflicht und ermöglichen beispielsweise bei einigen HD DVDs von Warner und Universal die interaktiven Funktionen wie „In-Movie Experience“ (IME) oder „U-Control“ [1].

Ganz überraschend kommt die Entscheidung der Blu-ray Disc Association nicht: Im Februar hatte Fox’ Vizepräsident Danny Kaye in einem Gespräch mit c't eine entsprechende Änderung der Blu-ray-Spezifikation angekündigt [2] - parallel zu den ersten Discs des Studios mit Videokommentaren und Internetspielen. Early Adopters werden diese Funktionen mit ihren Playern der ersten Generation aber wohl nicht nutzen können. Nach US-Presseberichten ist entgegen bisheriger Vermutungen nicht einmal Sonys Playstation 3 zur Bild-in-Bild-Darstellung in der Lage.

Auch die 1080p/24-Ausgabe wird immer mehr zum Thema in beiden Lagern. Anfangs hatten die Hersteller die Ruckler, die durch den bei der Umrechnung auf 60 Hertz Ausgabefrequenz nötigen 3:2-Pulldown entstehen [3], heruntergespielt - gerne mit dem Hinweis, dass Amerikaner und Japaner schon bei der DVD damit zu leben gelernt hätten. Nun will Toshiba im Juni für seinen bereits erhältlichen HD-DVD-Player HD-XE1 und das kommende Modell HD-EP10 ein kostenloses Firmware-Update zur Verfügung stellen, das die Geräte zur 1080p/24-Ausgabe befähigt. Für das Modell HD-E1 wird es mangels 1080p-Ausgabe kein entsprechendes Update geben.

Doch auch bei der Ausstattung der HD-Filme ist noch Luft drin: So liegt bei den ersten Blu-ray-Titeln von Disney und Fox lediglich der englische Original-Soundtrack als unkomprimierte PCM- beziehungsweise verlustfrei komprimierter DTS-HD-Tonspur [4] vor. Bei den deutschen Synchronfassungen muss sich der Zuschauer hingegen jeweils mit einer gewöhnlichen Dolby-Digital- oder DTS-Spur zufrieden geben.

[1] Nico Jurran, SpielwĂĽtige HD-Fans - Beide HD-Disc-Formate wollen nun mit interaktiven Features punkten, c't 4/07, S. 38

[2] Nico Jurran, Fox schaut optimistisch in die Blu-ray-Zukunft

[3] Nico Jurran, Ruckeln auf höchstem Niveau, Die Wiedergabeprobleme von Blu-ray Disc und HD DVDs, c't 3/07, S. 192

[4] Nico Jurran, Surround von allen Seiten, DTS-HD: Mit hochwertigem Klang und flexibler Technik gegen Dolby Digital Plus und TrueHD, c't 6/07, S. 230 (nij)