Glosse: Wo bleibt der Männerakt?
Unbekleidete Frauen sind in der aktuellen Fotokunst allgegenwärtig. Textilfreie Männerkörper gibt es auch zu bewundern, aber nur in vergleichsweise homöopathischen Dosierungen. Fragt sich nur, warum?
- Sascha Steinhoff
Unbekleidete Frauen sind in der aktuellen Fotokunst allgegenwärtig. Textilfreie Männerkörper gibt es auch zu bewundern, aber nur in vergleichsweise homöopatischen Dosierungen. Fragt sich nur, warum?
Die Fotografie unbekleideter Menschen erfreut sich zumindest in der westlichen Welt großer Beliebheit. Ob in der Werbung, in der Kunst, in den Medien oder in sozialen Netzwerken: Nackte Körper sind omnipräsent. Genauer gesagt: Zu sehen sind vor allem Frauenakte.
Natürlich mogelt sich auch ab und an ein nackerter Adonis dazwischen, aber der Männerakt als solcher ist eindeutig unterrepräsentiert. Wer's nicht glaubt, kann einmal Aktfoto Mann und Aktfoto Frau in die Suchmaschine seines Vertrauens eingeben. Mit 36.500 zu 109.000 Treffern zieht das starke Geschlecht hier klar den Kürzeren. Wer am Bahnhofskiosk den Blick über die dort ausgestellten Titelbilder wandern lässt, wird eine noch krassere Schieflage feststellen.
In der Fotokunst sieht es nicht anders aus. Eine Ausstellung der Newton'schen Frauenakte ist ein Publikumsmagnet für beide Geschlechter. Ein Robert Mapplethorpe, der so ziemlich zeitgleich eine ähnlich kompromisslose Aktfotografie wie Newton mit männlichen Models umsetzte, ist außerhalb der Kunstszene eher als Geheimtipp einzuordnen. Newton provozierte oft und gerne, aber nur die Fotos von Mapplethorpe bekamen das Prädikat als gefährlichste Bilder der Kunstgeschichte verpasst.
Sind Männerakte wirklich per se gefährlicher? Oder ist einfach nur die Zielgruppe für diese Subgenre der Aktfotografie kleiner? Auf der Suche nach einer Antwort habe ich mich ganz traditionell durch einige Festmeter mit Illustrierten geblättert. Die Zeitschriften ließen sich grob in drei Kategorien einteilen. Magazine die sich an eine vorwiegend männliche Zielgruppe richten, Magazine die sich an eine vorwiegend weibliche Zielgruppe richten und natürlich gibt es auch Magazine, die diesbezüglich nicht festgelegt sind.
Bilderlastige Nachrichtenmagazine wie der Stern richten sich zwar an beide Geschlechter, trotzdem gilt auch hier: Wenn beispielsweise ein Gesundheitsreport beworben werden soll, posiert meistens eine barbusige Frau für das Titelbild. Für Männerakte ist da wenig Platz. Noch interessanter ist, wie Zeitschriften, die sich ausschließlich an ein Geschlecht richten, ihre jeweilige Zielgruppe ansprechen.
Um die Schieflage im Geschlechterproporz mathematisch präzise zu erfassen, habe ich in jeweils einer Ausgabe einer klassischen Frauenzeitschrift (Brigitte) und eines klassischen Männermagazins (Playboy) Bilder ausgewertet. Im Playboy zeigten 68,84 Prozent der Bilder Frauen und nur 31,16 Prozent Männer. Der weitaus größte Teil der Männer im Playboy war angezogen, der weitaus größte Teil der abgebildeten Frauen war spärlich oder auch gar nicht bekleidet. Das ist soweit auch zu erwarten gewesen, Männer interessieren sich eben für Frauen.
Überraschend war hingegen der Geschlechterproporz in der Brigitte. Hier waren mit 78,6 Prozent sogar noch mehr Frauen abgebildet als im Playboy. Die Männer waren mit 21,4 Prozent in der Brigitte deutlich unterrepräsentiert. Alle abgebildeten Personen in der Brigitte waren zumindest leicht bekleidet. Frauen, so muss man das wohl zusammenfassen, interessieren sich offenkundig weniger für Männer, sondern vielmehr für Frauen.
Für den Männerakt ist das nicht ideal. Selbst ein Prachtkerl wie der fußballernde Ronaldo schafft es hüllenlos allenfalls als lebende Hintergrundtapete für seine Freundin auf das Cover einer Frauenzeitschrift. In der aktuellen Ausgabe c't Digitale Fotografie 6/2014 ist übrigens ein umfangreiches und opulent bebildertes Special von Pascal Baetens zum Thema Aktofografie enthalten. Dreimal dürfen Sie raten, wie es hier mit dem Geschlechterverhältnis aussieht.
Altmeister Karl Lagerfeld hat die Misere einmal recht treffend zusammengefaßt: "Viele Leute haben ja etwas dagegen, nackte Männer zu sehen. Das finden die politisch unkorrekt." (sts)