Missing Link: Die unerträgliche Leichtigkeit der Thermodynamik - von KI und dem Erbe der Aufklärung

Seite 2: Aufklärung zwischen Wärmetod, Nietzsche und Adorno

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Die Kehrseite dieser Verklärung von Vernunft und Wissenschaft ist die Schärfe gegenüber Kritikern der Aufklärung, die sich mit den Defiziten dieser Entwicklung befasst haben. Für Denker wie Michael Foucault und seine Theorie der Biopolitik oder Zygmunt Bauman und seiner Kritik an der Überwachungsgesellschaft hat Pinker nur Hohn und Spott übrig.

Ganz schlimm sei es bei der "quasimarxistischen" Frankfurter Schule und ihrer Kritik an der Dialektik der Aufklärung, in der die negativen Folgen der Aufklärung erklärt werden. Das bringt uns zum schlimmsten Denker, der nach Pinker die Aufklärung bekämpfte: Friedrich Nietzsche, der mit seinen Gedanken über eine zukünftige Moral so ziemlich zu allem quer steht, was Pinker vermitteln will.

Pinkers Forderung: "Eine in einer kosmopolitischen Welt umsetzbare Moralphilosophie darf nicht aus Schichten komplizierter Argumentation bestehen oder auf tiefgründigen metaphysischen oder religiösen Überzeugungen beruhen. Sie muss ihre Kraft aus einfachen, transparenten Prinzipien beziehen, die jeder verstehen und akzeptieren kann. Solche einfachen Prinzipien sucht Pinker in den Naturwissenschaften und ihrem Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis.

Ganz so einfach geht es freilich nicht, wenn es um den Sinn des Lebens geht. Schließlich entwickelten sich menschliche Gemeinschaften lange vor der heilsbringenden Aufklärung in alle möglichen Richtungen. Hier hat der Psychologe Pinker eine originelle Antwort parat, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Seit dem Urknall strebe das Universum gemäß dem Hauptsatz der Entropie zu, in anderen Begriffen auch als Wärmetod des Weltalls bezeichnet.

(Bild: Rejdan / shutterstock.com)

Leben in all seinen Formen ist der Aufstand gegen diese Entropie und mithin ein Zustand, der ständig durch Nahrungszufuhr aufrechterhalten werden muss. Dies wird in der heutigen Welt mit erheblichen technischen, politischen und erzieherischen Mitteln von Systemen geleistet, die Pinker für schier endlos ausbaufähig hält. Weshalb er unverdrossen weitere Beweise für den Fortschritt und die Überwindung existenzieller Bedrohungen durch die Wissenschaft präsentiert.

Wie der Engländer C.P. Snow ist auch Pinker der Meinung, dass jeder gebildete Mensch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik kennen muss, weil Wissenschaft das moderne Leben prägt. In seinem Bemühen, die Wissenschaft vor pessimistischen Ansätzen, Halbwahrheiten und "fake news" zu verteidigen, geht Pinker noch ein ganzes Stück weiter. Das macht ihn freilich anfällig für jene Beweise und Berechnungen, die seit den Warnungen des Club of Rome das Ende des unbegrenzten Wachstums ins Auge fassen.

Tatsächlich gibt es Pinker-Kritiker, die für die von ihm präsentierten Fortschrittsdaten gegenteilige Fakten präsentieren. Andere werfen ihm vor, im Namen der Aufklärung das große Ganze zu überhöhen, für den Alltag einfacher Menschen aber ein kaltes Herz zu haben. Für sein Buch hofft Pinker auf eine Langzeitwirkung, wie er im Vorwort schreibt: "Der Entwurf dazu entstand bereits einige Jahre bevor Donald Trump seine Kandidatur verkündete, und ich hoffe, dass es seine Amtszeit um viele weitere Jahre überdauern wird." Im Kampf gegen den grassierenden Pessimismus und Zynismus ist es schließlich ein handlicher Ziegelstein.

Dem Leser wird schnell klar, warum Pinkers Werk das "absolute Lieblingsbuch aller Zeiten" von Bill Gates ist. Wie Gates mit seiner Stiftung optimistisch daran geht, ganze Krankheiten auszurotten, das ist eine vorbildliche humanistische Einstellung für Pinker. Wie Bill Gates, so spricht sich auch Pinker für die Nutzung von Atomkraft aus, um den Klimawandel zu stoppen.

Auch hier gibt es wieder Zahlen: die Zahlen der täglichen anfallenden Toten als Opfer von Kohlekraftwerken werden den Opfern von Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima gegenübergestellt und das Problem der Lagerung von Atommüll wird gleichzeitig auf die Größe eines einzigen Walmarts herunter gerechnet. Überdies glauben die New Optimists, zu denen Pinker gerechnet wird, an den technischen Fortschritt in einer Weise, dass auch die Atommülllager eines Tages dank wissenschaftlicher Fortschritte genutzt werden können.

Damit zurück zur Ausgangsfrage dieses "Missing Link": Als Optimist kann Steven Pinker die Debatte um die Künstliche Intelligenz gelassen angehen. Auf die Frage nach einer KI, die die Menschheit bedroht und das stoffliche Universum in eines von Büroklammern beherrschten System umzuwandeln trachtet, gibt Pinker in seinem Buch ebenfalls eine sehr optimistische Antwort gegen Denker wie Nick Bostrom oder Ray Kurzweil mit seiner technologischen Singularität: "Wenn wir Hirngespinste wie rekursives Tuning, digitale Megalomanie, augenblickliche Allwissenheit und völlige Kontrolle über jedes Molekül im Universum mal außer Acht lassen, ist künstliche Intelligenz genau wie jede andere Technologie. Sie wird in kleinen Schritten entwickelt, darauf abgestimmt, vielfältigen Bedingungen gerecht zu werden, getestet, bevor man sie einsetzt, und fortwährend auf Effizienz und Sicherheit hin optimiert." Der Rest ist die umfassende Entropie aller Moleküle im Universum nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. (tiw)