Neonazis im Internet weiter auf Vormarsch
Laut dem aktuellen Projektbericht von jugendschutz.net haben Rechtsextreme im vergangenen Jahr ihre AktivitÀten im Internet verstÀrkt. Die direkte Ansprache von Providern habe in 90 Prozent der FÀlle Abhilfe geschaffen.
Neonazis haben im vergangenen Jahr ihre AktivitÀten im Internet erneut verstÀrkt. Dies geht aus dem Projektbericht [1] (PDF-Datei) "Rechsextremismus Online" 2008 der von den BundeslÀndern finanzierten Jugendschutz-Einrichtung jugendschutz.net [2] hervor. Allein die in dem Report dokumentierten unzulÀssigen BeitrÀge in sozialen Netzwerken und Videoplattformen haben sich im Vergleich zum Vorjahr [3] auf mehr als 1500 geradezu verdoppelt. Auch gebe es derzeit so viele Szene-Websites wie nie zuvor: 1707 Angebote weltweit recherchierte jugendschutz.net nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr.
Rechtextreme nutzen demnach verstĂ€rkt die Mittel des Web 2.0, "um menschenverachtende Inhalte zu verbreiten und Jugendliche mit Videos und Musik zu ködern". GegrĂŒndet wĂŒrden auch eigene soziale Netzwerke fĂŒr Gleichgesinnte. Damit verknĂŒpft sei die Hoffnung, "ungehindert gegen Minderheiten hetzen und demokratiefeindliche Thesen verbreiten zu können". Die Szene setze dabei verstĂ€rkt auf "bunte" Webseiten, Symbole aus verschiedenen Jugendcliquen und "griffige Slogans", um vor allem jĂŒngere User anzusprechen. Vor allem Neonazi-Kameradschaften und so genannte Autonome Nationalisten, von denen jugendschutz.net 2008 insgesamt 321 Angebote sichtete, nutzten multimediale Möglichkeiten wie Filme und verschleierten ihre rassistischen und antidemokratischen Botschaften. In vielen FĂ€llen sei der rechtsextreme Kontext erst auf den zweiten Blick zu erkennen.
"FĂŒr Rechtsextreme sind Videos und Musik inzwischen das Propagandainstrument Nummer Eins", ist sich Stefan Glaser, Leiter des entsprechenden Arbeitsbereichs bei jugendschutz.net anhand der Beobachtungen sicher. Die Möglichkeiten, die sich durch Web 2.0-Plattformen fĂŒr die Verbreitung ihrer Hass-Botschaften böten, seien "schier unbegrenzt". Die Betreiber der Plattformen mĂŒssten daher "konsequent an effektiven Lösungen arbeiten, um die Verbreitung unzulĂ€ssiger Inhalte ĂŒber ihre Dienste auch eigeninitiativ zu verhindern". Der PrĂ€sident der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, Thomas KrĂŒger, ergĂ€nzte: "Damit das Medium weiterhin Demokratie und Toleranz fördern kann, muss Rechtsextremen in sĂ€mtlichen Diensten die Rote Karte gezeigt werden."
Wichtiges Ziel der Projektarbeit von jugendschutz.net ist dem Bericht zufolge, Rechtsextremen die Propagandaplattform im Netz zu entziehen und unzulÀssige Inhalte so schnell wie möglich aus dem Netz zu entfernen. Wie im Vorjahr sei dies in 80 Prozent der FÀlle gelungen. Als besonders wirksam habe sich wieder die direkte Kontaktaufnahme zu in- und auslÀndischen Providern herausgestellt. Die Angesprochenen hÀtten daraufhin zu 90 Prozent Angebote geschlossen oder abgeÀndert. Im Ausland berufe sich jugenschutz.net dabei auf die Allgemeinen GeschÀftsbedingungen der Anbieter, in denen die Verbreitung von Rassismus und Hass meist untersagt werde.
Der Anteil an nach deutschen Recht unzulĂ€ssigen Web-Inhalten unter den von jugendschutz.net gesichteten Seiten lag 2008 wie im Vorjahr bei 16 Prozent, heiĂt es in dem Report. 77 Prozent der VerstöĂe hĂ€tten sich auf strafbare Inhalte bezogen und Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (67 Prozent), volksverhetzende Aussagen (25 Prozent) oder Holocaust-Leugnung (5 Prozent) aufgewiesen. 23 Prozent stufte jugendschutz.net als jugendgefĂ€hrdend ein. Neonazis wĂŒrden dabei verstĂ€rkt wieder auslĂ€ndische Dienste in Anspruch nehmen. In Deutschland habe nur noch jede zehnte Website unzulĂ€ssige Inhalte enthalten. Im Vorjahr sei dies noch bei "jeder achten" der Fall gewesen.
Im Ausblick macht sich der Bericht nicht nur fĂŒr "eine dauerhafte und verstĂ€rkte Beobachtung von Rechtsextremismus im Internet" stark. FĂŒr nötig erachtet er zudem "insbesondere in den schnell wachsenden und bei Jugendlichen beliebten sozialen Netzwerken und Videoplattformen MaĂnahmen, die ĂŒber die Löschung einzelner unzulĂ€ssiger Inhalte hinausgehen". Eine Forderung zum Sperren rechtsextremer oder Hassseiten, wie sie unter anderem von Politikern in der Folge der Diskussion ĂŒber Websperren gegen Kinderpronografie immer wieder [4] ins Spiel gebracht wird [5], enthĂ€lt die Studie allerdings nicht. Wichtig sei AufklĂ€rung. So setzt jugendschutz.net etwa auf die mit der Hessischen Landeszentrale fĂŒr politische Bildung herausgegebene BroschĂŒre [6] "Klickt's? Geh Nazis nicht ins Netz!", um 12- bis 15-JĂ€hrige ĂŒber rechtsextreme Internet-Propaganda zu informieren.
Bundesjustizministerin Brigitte Zypries beklagte, dass "die Schnelllebigkeit und GlobalitĂ€t" des Internet die Durchsetzung der bestehenden Verbote der Verbreitung von Hass und Hetze erschwere. Die von der SPD-Politikerin initiierte Konferenz [7] zu diesem Thema im Juli habe gezeigt, "dass wir weiterhin auf einen Dreiklang aus Beobachtung, Löschung und AufklĂ€rung setzen mĂŒssen". Jugendliche mĂŒssten Bescheid wissen, damit sie Rechtsextremisten nicht auf den Leim gehen. Seit 2008 wĂŒrden daher etwa im Rahmen des Projekts "Störungsmelder on tour [8]" Prominente Schulen im Bundesgebiet besuchen, um mit den Auszubildenden ĂŒber Gefahren durch Neonazis ins GesprĂ€ch zu kommen. (Stefan Krempl) / (jk [9])
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[1] http://www.jugendschutz.net/pdf/Projektbericht_2008.pdf
[2] http://www.jugendschutz.net/
[3] https://www.heise.de/news/Rechtsextremes-Angebot-im-Internet-erreicht-Hoechststand-212817.html
[4] https://www.heise.de/news/Streitfall-Web-Sperren-entzweit-die-SPD-750185.html
[5] https://www.heise.de/news/Ausweitung-der-Web-Sperren-auf-Hasspropaganda-gefordert-6147.html
[6] http://www.jugendschutz.net/materialien/klickts.html
[7] https://www.heise.de/news/Ausweitung-der-Web-Sperren-auf-Hasspropaganda-gefordert-6147.html
[8] http://www.bmj.bund.de/230609stoerungsmelder
[9] mailto:jk@heise.de
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