Neues bei GhostBSD, Dragonfly BSD, OpenIndiana – und Sonnenuntergang bei Illumos
Seite 2: Die Nachkommen von Sun OpenSolaris
Neben GNU/Linux, den BSDs und den speziellen Unixen einiger Hersteller gibt es immer noch eine kleine aber treue Community für die Nachfolger von Sun Solaris. Da die Zusammenhänge eher unbekannt sind, hier der Versuch, einen komprimierten Überblick zu geben: Sun Microsystems hat 2004 sein kommerzielles SystemV-Unix "Solaris" als leicht abgespecktes OpenSolaris quelloffen und frei zur Verfügung gestellt. 2007 entwickelte Sun unter dem Codenamen "Project Indiana" eine OpenSolaris-Distribution, die vor allem Linux-Benutzer als Zielgruppe hatte. Leiter des Projekts war der Debian-Gründer Ian Murdock. 2009/2010 übernahm Oracle Sun Microsystems und dank Larry Ellisons vehementer Ablehnung von Open-Source-Projekten wurde OpenSolaris sofort eingestellt. Wie bei OpenOffice oder MySQL wurde auch OpenSolaris als Fork von den ehemaligen und enttäuschten Entwicklern weitergeführt.
Illumos entwickelt den OpenSolaris-Kern weiter, also Kernel, Treiber, Netzwerk-Stack, Bibliotheken und das Basis-Userland – vergleichbar mit Solaris-OS/Net. OpenIndiana baut darauf eine Desktop-Distribution mit X und einem Desktop-Environment auf und ist eher mit dem kompletten Sun OpenSolaris vergleichbar. Parallel dazu gab beziehungsweise gibt es auch andere Distributionen wie Nexenta OS (offiziell Nexenta Core Plattform), ein auf Storage-Anforderungen optimiertes Illumos mit Ubuntu-Userland, SmartOS von Joyent als minimaler Hypervisor-Host oder OmniOS, Belenix, Schilix.
Illumos stellt SPARC ein
Betrachtet man die Installationsbasis von BSD-Systemen gegenüber GNU/Linux als Nische, so muss man die Solaris-Abkömmlinge als Nische innerhalb einer Nische ansehen – wie bei den BSDs jedoch mit einer treuen Fangemeinde. Da hier auch die SPARC-Plattform, also die ehemalige Sun-Hardware, hoch angesehen wird, ist die Entscheidung von Illumos, den SPARC-Port einzustellen, sicher ein harter Schlag. Illumos wird es fortan nur noch als 64-Bit x86-Port geben.
Für die Entwickler gab es dafür mehrere Gründe. Zunächst sind die von ihnen eingesetzten UltraSPARC T2-Maschinen wie die Sun T5120 oder Sun T5220 bereits seit fast zehn Jahren ohne Support (EoL). Auch der Nachschub über Auktionsplattformen dünnt sich immer mehr aus. Wer ältere Systeme am Leben halten will, wird leicht feststellen, dass mittlerweile oft horrende Preise für vollmundig als angeblich "ultra rare!!1!" angepriesene Workstation und Server oder auch nur Teile davon gefordert werden. Neuere SPARC-Systeme von Fujitsu oder gar Oracle gestellt zu bekommen, dürfte für das Illumos-Projekt schwierig sein. Theoretisch ließe sich Illumos/SPARC unter QEMU laufen lassen, die Geschwindigkeit einer dann komplett emulierten Architektur wäre allerdings unbrauchbar langsam. Hinzu kommt, dass viele Entwicklerwerkzeuge und deren Infrastruktur heute nicht mehr zwangsläufig auf SPARC laufen oder dafür optimiert sind. Da Projekte wie Illumos oder OpenIndiana nicht gerade von Entwicklern überschwemmt sind, muss man die bittere Entscheidung hin zur gefährlichen CPU-Monokultur – auch als Sun/SPARC-Fan – wohl oder übel akzeptieren.
OpenIndiana veröffentlicht Hipster 2021.04
Immerhin gibt es beim OpenSolaris-Nachfolger OpenIndiana eine schicke neue Version namens "Hipster 2021.04". OpenIndiana ist seit Version 2017.04 nicht mehr als 32-, sondern nur noch als 64-Bit-x86-System verfĂĽgbar. Es gibt eine LiveDVD, ein Live-USB-Image und textbasierte Installations-Images.
(Bild:Â Michael Plura)
OpenIndiana 2021.04 bringt neue Pakete wie Node.js oder den WINE für Windows-Programme. Endlich gibt es auch mehrere Treiber für Nvidia-Grafikkarten (nvidia-460.67/390.414/340.108), so dass auch ältere oder moderne Karten einsetzbar sind. Firefox und Thunderbrid ESR wurden auf die Version 78 aktualisiert. Intern wurden GCC7/8/9 mit Patches versehen, um die Illumos libc SSP-Implementation für -fstack-protector zu unterstützen. OpenSSL wurde auf 1.1.1 aktualisiert und auch bei Python sind die neuen Versionen 3.7 und 3.9 verfügbar. Das problemlos startenden Live-System ist mit seinem MATE-1.24.1-Desktop sofort als Alternative beispielsweise zu Ubuntu-MATE einsetzbar.
(tiw)