Zoff beim Online-HĂ€ndler Amazon
Beim Ur-Vater aller US-Online-Shops, Amazon, hÀngt ausgerechnet mitten im wichtigen WeihnachtsgeschÀft der Haussegen schief.
Beim Online-HĂ€ndler Amazon hĂ€ngt mitten im wichtigen WeihnachtsgeschĂ€ft der Haussegen schief. WĂ€hrend das Unternehmen aus Seattle im Bundesstaat Washington an der Börse immer kritischer begutachtet wird, sind viele der amerikanischen Mitarbeiter unzufrieden. Grund fĂŒr sie, sich gewerkschaftlich zu organisieren [1]. Und das ist in den USA vor allem in der Hightech- Industrie alles andere als eine SelbstverstĂ€ndlichkeit. Die New York Times berichtete jetzt, wie energisch sich das Unternehmen gegen den Aufbau einer Arbeitnehmervertretung wehrt.
Amazon-GrĂŒnder Jeff Bezos nimmt kein Blatt vor den Mund. "Jeder in unserer Firma ist ein Mitbesitzer. Wir brauchen keine Gewerkschaft", sagte der Chef unlĂ€ngst den Arbeitern eines Vertriebslagers in Nevada. Bezos verweist damit auf die Aktienoptionen, die jeder Mitarbeiter erhĂ€lt. Dieses Programm hat Amazon-Mitarbeiter der ersten Stunde zu MultimillionĂ€ren gemacht. Beim stetig sinkenden Kurs des Amazon-Papiers haben diese Optionen aber zurzeit kaum Wert. Das ist fĂŒr viele Mitarbeiter besonders bitter, da sie auf einen stetig steigenden Kurs spekulierten und sich deshalb auf geringere Löhne einlieĂen.
Auch in Deutschland sitzen die 700 Mitarbeiter der Amazon.de GmbH auf ihren Aktienoptionen. Probleme mit den Gewerkschaften wie in den USA sind fĂŒr Firmensprecher Andre Schirmer dagegen nicht in Sicht. Die innerbetriebliche Mitbestimmung sei in Deutschland ganz anders geregelt â ĂŒber gewĂ€hlte BetriebsrĂ€te etwa, die es in den USA nicht gebe. Die gelegentlich geĂ€uĂerte Kritik, dass Amazon.de weniger zahle als tariflich ĂŒblich, weist Schirmer zurĂŒck: Unternehmen neuer MĂ€rkte seien so neu, dass es ĂŒberhaupt noch keine tariflichen Richtlinien gebe. Zudem zahle Amazon im Vertriebszentrum Bad Hersfeld mehr als andere örtliche Unternehmen.
In den USA sorgen sich die Amazon-Angestellten auch um ihre ArbeitsplĂ€tze. Im vergangenen Jahr waren im Januar nach dem Ende des Weihnachtstrubels etwa 150 Kollegen entlassen worden. Gewerkschaftsvertreter stieĂen deshalb auf offene Ohren, als sie damit begannen, in der Seattler Firmenzentrale neue Mitglieder zu rekrutieren. 400 Kundendienstmitarbeiter werden zurzeit von der Technologie-Gewerkschaft Washington Alliance of Technology Workers (WashTech [2]) umworben. An die 5.000 Arbeiter in den acht US-Vertriebslagern des EinzelhĂ€ndlers wendet sich im Namen der Gewerkschaften der Prewitt Organizing Fund, der auch deutsche und französische Amazon- Angestellte gewerkschaftlich organisieren will.
Die Gewerkschafter erhoffen sich vor allem in den USA von ihrer Kampagne Signalwirkung. "Amazon ist der MarktfĂŒhrer im Online- Einzelhandel, und die gesamte Industrie wird dem Beispiel dieser Firma folgen", sagt Duane Stillwell, der die Kampagne in den Vertriebslagern leitet. Zeitpunkt und Ort der Aktion sind mit Bedacht gewĂ€hlt. Bei Amazon hat jetzt als Höhepunkt des GeschĂ€ftsjahres die Weihnachtssaison begonnen, und Betriebsstörungen hĂ€tten katastrophale Folgen. Deshalb hoffen die Gewerkschafter, dass ihre aktuelle Rekrutierungskampagne von der GeschĂ€ftsleitung zĂ€hneknirschend geduldet wird.
Von einem Streik ist beim Online-Handelsriesen zurzeit keine Rede, und das soll nach dem Willen der GeschĂ€ftsleitung auch so bleiben. Sie versorgt ihre Manager mit Argumentationshilfen. Unzufriedene Arbeitnehmer sollen etwa davon ĂŒberzeugt werden, dass es zu ihrem Vorteil sei, wenn Lohnverhandlungen nicht auf dem Umweg ĂŒber eine Gewerkschaft stattfinden. Die New York Times prĂ€sentierte jetzt betriebsinterne Amazon-Dokumente, die dem Blatt von einem Angestellten zugespielt worden waren. Die Dokumente richten sich an die Manager, unter der Ăberschrift "GrĂŒnde warum eine Gewerkschaft unerwĂŒnscht ist": Es werde "Misstrauen gegenĂŒber Vorgesetzten" gesĂ€t, auĂerdem seien gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter weniger kooperativ. Amazon-Sprecherin Patty Smith bestĂ€tigte die Existenz der Warnschrift. "Wir glauben nicht, dass unsere Mitarbeiter oder unsere Kunden von einer Gewerkschaft profitieren", betont Smith.
Siehe dazu auch den Artikel Weihnachten bald auch fĂŒr Amazon-Mitarbeiter? - Die Elfen proben den Aufstand [3] in Telepolis [4]. (Tilman Streif, dpa) (jk [5])
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[1] https://www.heise.de/news/Mitarbeiter-bei-Amazon-com-wollen-Gewerkschaft-gruenden-28959.html
[2] http://www.washtech.org/
[3] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/4370/1.html
[4] http://www.heise.de/tp
[5] mailto:jk@heise.de
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