Kaufberatung: Objektive
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Achtung Crop-Faktor
Zu Analogzeiten mussten sich die Fotografen die Frage nach dem Crop-Faktor nicht stellen - da gab es nahezu nur Spiegelreflexkameras (SLR) für Kleinbildfilme. In der Digitalfotografie sieht das anders aus. Hier gibt es unterschiedliche Sensorformate, die maßgeblichen Einfluss auf die Objektivwahl haben. Eine Standardbrennweite, die in ihrem Bildwinkel dem menschlichen Blickbereich entspricht, liegt bei Sensoren im Kleinbildformat (36 mm x 24 mm) wie zu Analogzeiten bei 50 Millimetern. Bei den weitverbreiteten, kleineren Sensoren im APS-C- oder DX-Format (23,7 mm x 15,6 mm) ergibt sich durch den Formfaktor eine Vergrößerung, wodurch der Bildwinkel des 50ers ungefähr dem eines 80-Millimeter-Objektivs entspricht. Eine Micro-Four-Thirds-Kamera (Sensorgröße 17,3 mm x 13 mm) erhält schon einen Cropfaktor von zwei. Die Bildwirkung des 50-Millimeter-Normalobjektives entspricht hier schon dem Bildwinkel eines 100-Millimeter-Teleobjektivs. Um bei dieser Sensorgröße mit einer Standardbrennweite zu fotografieren, benötigt man ein 25-mm-Objektiv. Noch extremer wird es bei Nikons Systemkamera Nikon 1 mit einem Sensor im CX-Format und einem Crop-Faktor von 2,7 oder der Pentax Q mit ihrem nur 1/2,3-Zoll-Sensor, der für eine "Brennweitenverlängerung" um den Faktor 5,5 sorgt.
Systemkameras gibt es mit unterschiedlichen Sensorformaten: Los geht es schon bei winzigen 1/2,3"-Chips, die wir auch in Kompaktkameras finden. Für ambitionierte Hobbyfotografen ist derzeit das Vollformat mit 36 mm x 24 mm die flächenmäßig größte Sensorklasse. Profis greifen zum digitalen Mittelformat mit seiner Sensorfläche von 48 mm x 36 mm.
Festbrennweite oder Zoom?
In den meisten Fällen möchte man für unterschiedliche Aufnahmesituationen gewappnet sein. Viele Objektive belasten aber Geldbeutel und Reisegewicht in einem nicht unerheblichen Umfang. Einsteiger werden deshalb sicherlich mit einem Zoomobjektiv starten. Das ist auch sinnvoll, weil sich Zoomobjektive flexibler in unterschiedlichen Aufnahmesituationen einsetzen lassen und gleich mehrere Festbrennweiten ersetzten können. Grundsätzlich stellen aber Zoomobjektive qualitativ immer einen Kompromiss dar. Denn es ist mit vertretbarem Aufwand technisch kaum machbar, ein Objektiv zu bauen, das über seinen gesamten Zoombereich durchgängig sehr gute Eigenschaften bietet. Gerade günstige Vertreter schwächeln gerne im Telebereich und vor allem auch an den Bildrändern, wo Schärfe und Kontrast häufig unterdurchschnittlich sind. Zudem sind erschwingliche Zoomobjektive meist nicht so lichtstark, sodass man sie eher bei guten Lichtverhältnissen einsetzt. Häufig lässt die Enttäuschung bei den als "Suppenzooms" verschrienen Objektiven mit riesigem Brennweitenbereich dann auch nicht lange auf sich warten. Denn die Allrounder können viel, aber wenig wirklich gut.
Wer nicht nach Superlativen beim Zoomfaktor sucht, findet bei den Objektiven mit überschaubarem Brennweitenbereich und hoher Lichtstärke allerdings auch gute Abbildungsleistung. So kann man mit wenigen Objektiven einen Brennweitenbereich von Weitwinkel bis Tele abdecken (beispielsweise 16–24, 24–70, 70–200). Diese hochwertigen Zooms bieten häufig eine hohe, durchgängige Lichtstärke, sind allerdings meist für das Kleinbildformat entwickelt und entsprechend teuer und groß.
Festbrennweiten sind hingegen wesentlich unflexibler einzusetzen. So kann der Fotograf für einen bestimmten Ausschnitt nicht einfach am Objektiv drehen, sondern muss den "Turnschuh-Zoom" bemühen, bis die gewünschte Komposition stimmt. Vorteile sind hingegen die meist bessere optische Qualität und die höhere Lichtstärke bei vergleichbarem Preisniveau. Als Einstieg bietet sich vor allem eine Normalbrennweite mit 50 mm an, die es von nahezu allen Herstellern teils schon für knapp über 100 Euro gibt und die dann schon eine Lichtstärke von f/1.8 bietet. Soll es noch lichtstärker sein, steigen die Preise allerdings rapide, Canons 50 mm f/1.2L USM liegt dann schon bei etwa 1300 Euro. Teuer wird es auch, wenn man im Telebereich etwa für Tier- oder Sportaufnahmen hohe Lichtstärken benötigt. Für ein 300er Tele mit einer Lichtstärke von f/2.8 zahlt man oft mehr als 4000 Euro, für ein 500er Tele mit f/4.0 meist mehr als 8000 Euro.
Was ist mit dem Kit-Objektiv?
Wenn Sie Ihre erste Kamera kaufen und noch kein Objektiv besitzen, empfiehlt sich der Kauf eines Kits aus Kamera und Objektiv. Egal ob Einsteiger-, Mittelklasse- oder Profikamera, so günstig wird man in den wenigsten Fällen an ein Standardzoom kommen. Und bei den teuren Kameras lassen sich so im Vergleich zum Einzelkauf einige hundert Euro sparen. Selbst die sehr günstigen Kit-Objektive einer Einsteigerkamera bieten bei Preisen von etwa 100 Euro einen guten Kompromiss aus Preis und Leistung. Die Einsteigeroptiken bei APS-C-Kameras decken in der Regel einen Bereich von 18–55 Millimetern ab und bieten eine Lichtstärke von f/3.5–5.6. Mit dabei ist meist sogar ein Bildstabilisator.
Fremd- oder Originalhersteller?
Sparen lässt sich im Zweifelsfall auch beim Hersteller des Objektivs. Und das muss man beim Fotografieren noch nicht einmal merken; je nach Hersteller bieten die Objektive alle Annehmlichkeiten, die auch das Originalprodukt hat. So wird die Blende elektronisch übertragen, der Autofokus arbeitet mit Ultraschall-Motor und das Bild wird stabilisiert. Dabei ist auch die Abbildungsleistung häufig nicht schlechter. Ganz im Gegenteil, einige Fremdhersteller liefern hier eine Qualität, die beim Original nicht unbedingt vorhanden ist. Allerdings liegen dann die Preise auch gerne oberhalb der Original-Objektive.
Einschränkungen kann es aber auch geben. So werden viele Objektive nach wie vor ohne Autofokus angeboten und auch Korrekturprofile für die Kamera oder Software gibt es nicht. Ebenso kann bei günstigen Objektiven die Materialwahl und Verarbeitung deutlich schlechter als beim Original sein.
Spezialisten
Allein das Angebot an Objektiven im gemäßigten Brennweitenbereich ist groß. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche Sonder- oder Speziallinsen. Darunter fallen neben den bereits oben erwähnten Makro-Objektiven Exoten wie etwa Fisheye-Objektive, mit denen man einen extrem weiten Winkel bis 180° mit einer Aufnahme erfassen kann. In der Architekturfotografie begegnet man häufig Tilt/Sift-Linsen, deren Optik sich gegen die Sensorebene kippen und verschieben lässt. Dadurch kann man zum Beispiel einen gezielten Schärfeverlauf - etwa entlang einer schräg von der Seite aufgenomme Gebäudefront - erreichen oder stürzende Linien vermeiden, die sonst unweigerlich entstehen, wenn man die Kamera nach oben verschwenkt, um etwa einen Kirchturm in seiner ganzen Höhe zu erfassen.