Hemdtaschen-kompatibel
Im April 1996 kam mit dem Palm Pilot der erste Handheld in die Läden, der mit seinen geringen Abmessungen in fast jede Tasche passte. Das Prinzip der ersten Geräte scheint die Nutzer immer noch zu begeistern.
- Daniel LĂĽders
Im April 1996 kam mit dem Palm Pilot der erste Handheld in die Läden, der mit seinen geringen Abmessungen in fast jede Tasche passte.
Zu diesem Zeitpunkt existierte die Handheld-Entwicklerfirma Palm Computing schon knapp vier Jahre, hatte sich aber vor dem "Project Touchdown" wie der Codename des Pilot hieß, vornehmlich für andere Firmen verdingt. So arbeitete das Team um die Gründer Jeff Hawkins, Donna Dubinsky und Ed Colligan auch an dem PDA Zoomer für Casio und Tandy, der die Antwort auf Apples nur mäßig erfolgreichen Newton sein sollte. Doch der Zoomer scheiterte an den gleichen Schwierigkeiten wie schon Apples Kleincomputer: Er war zu groß, zu schwer, zu teuer, zu lahm und die Handschrifterkennung erwies sich eher als Hindernis denn als Hilfe.
Also erarbeitete Jeff Hawkins ein neues Konzept, dem auch heute noch die meisten Palm-PDAs folgen. Der Rechner, den er entwickeln wollte, sollte weniger als 300 US-Dollar kosten, so einfach zu benutzen sein wie ein papierner Planer, seine Daten mit einem PC abgleichen und – das Allerwichtigste – in jede Hemdtasche passen. Was heute selbstverständlich klingt, schien damals unmöglich. Vor allem, weil dem Unternehmen nur 27 Mitarbeiter und drei Millionen Dollar zur Verfügung standen, um diese Vision zu verwirklichen. Für den Misserfolg des Newton hatte Apple immerhin über 200 Millionen Dollar investiert und hunderte von Ingenieuren beschäftigt.
Ed Colligan (links), Donna Dubinsky (Mitte) und Jeff Hawkins brachten den ersten Palm-PDA auf die Welt.
Um die Herstellungskosten zu drücken, musste sowohl die Hard- als auch die Software des kommenden Gerätes genügsam sein. Das Betriebssystem Palm OS sollte mit der Leistung eines günstigen Motorola Dragonball (8 MHz) auskommen, dem 512 KByte Speicher zur Seite standen. Alles, was das System möglicherweise ausbremste, fiel dem Rotstift zum Opfer. Ein Wartesymbol, wie zum Beispiel die von Windows bekannte Sanduhr war nicht vorgesehen – zu langsame Anwendungen musste der Programmierer halt beschleunigen.
Der Anwender sollte mit möglichst wenig Aktionen zum Ziel zu kommen. Deshalb befanden sich alle wichtigen Funktionen bereits auf dem Hauptbildschirm der jeweiligen Programme. Diese kamen mit einem Monochrom-Display aus, das 160 x 160 Punkte anzeigte, ohne unübersichtlich zu wirken. Für die Zeicheneingabe entwarf man einen Algorithmus zur Erkennung einzelner, auf einen kleinen Digitizer unterhalb des Displays geschriebener Buchstaben. Dafür reichte die Rechenleistung des Dragonball-Prozessors gerade noch – und Graffiti war geboren.
Ohne Moos ...
Weil sich allein die Produktionskosten der ersten Pilots nach Vorausberechnungen auf fünf Millionen Dollar beliefen, musste sich das junge Unternehmen einen starken Partner suchen, sollte nicht vorzeitig das Geld ausgehen. Nach langer Kungelei mit verschiedenen Firmen – unter anderem auch Compaq und Ericsson – kaufte schließlich der Modem-Hersteller U.S. Robotics Anfang 1996 Palm Computing für 44 Millionen US-Dollar und leistete Schützenhilfe bei der Entwicklung des ersten Handflächen-Computers.
Des Business-Mans liebstes Kind: Der flache Palm Vx ersetzte in vielen Hemdtaschen das Filofax.
Der sollte eigentlich schon im Februar desselben Jahres in den Läden stehen, aber verschiedene Bugs in Soft- und Hardware verzögerten den Marktstart. Probleme bereitete beispielsweise ein Easter-Egg, das einer der Chef-Programmierer, Ron Marianetti, in Palm OS implementiert hatte. Dabei fuhr ein Taxi leider allzu oft auf dem Bildschirm von rechts nach links. Marianetti erstellte das Easter Egg in Erinnerung daran, dass der Pilot ursprünglich Taxi heißen sollte, der Name aber schon markenrechtlich geschützt war. Jetzt musste Marianetti diesen selbst produzierten Bug entschärfen.
Wegen solcher Verzögerungen trudelten die ersten versandfertigen Pakete erst am achten April bei Palm ein. Zu diesem Zeitpunkt dachte eigentlich niemand mehr an einen Erfolg der Taschencomputer, hatten sich doch alle anderen Versuche durchweg als Misserfolge entpuppt. Aber die Rechnung ging auf: Obwohl die Firma schon mit 30 000 verkauften Geräten zufrieden gewesen wäre, riss die Nachfrage nicht ab. Zum Ende des Jahres 1996 beherrschte Palm bereits den Handheld-Markt mit 70 Prozent nach verkauften Stückzahlen. Nach 18 Monaten – pünktlich zur ersten Entwicklerkonferenz – hatte die Firma über eine Million Palm Pilots an den Mann gebracht. Weil das Software Development Kit für den Palm Pilot kostenfrei erhältlich war, gab es schnell eine riesige Gemeinde von Hobby-Programmierern, die tausende Applikationen für fast jeden Zweck erstellten.
Weitergereicht
Mit der Fusion von U.S. Robotics und 3Com im Jahre 1997 fiel auch Palm Computing an den 3Com-Konzern. Nach internen Differenzen verließen Donna Dubinsky, Jeff Hawkins und später auch Ed Colligan die Firma und gründeten ihre eigene Handheld-Schmiede Handspring, die einer der ersten Lizenznehmer von Palm OS wurde. Dort entwickelte man den Visor-PDA, der als Neuerung einen Slot namens Springboard besaß, in den Speichermodule, Modems und andere Erweiterungen passten. Auch die Visor-Verkaufszahlen konnten sich sehen lassen.
Der erste Farb-Palm wog viel und konnte nur 256 Farben darstellen.
Palm selbst vermarktete mit mäßigem Erfolg den Palm VII als ersten Wireless-PDA der Firma, konnte aber weiterhin mit ihren herkömmlichen PDAs der III- und V-Serie Erfolge verbuchen. Einen Palm mit der Nummer vier ließ man wohlweislich aus, um den Absatz in Asien nicht zu gefährden: Dort ist die Vier eine Unglückszahl.
Im Jahr 2000 ging Palm an die Börse und wurde wieder eigenständig. Obwohl Microsoft mittlerweile dabei war, Multimedia für Handhelds salonfähig zu machen, hielt man bei Palm beharrlich am einfachen Organizer-Modell ohne viel Schnickschnack fest und verschlief damit einen wichtigen Trend. Palms Modelle mit Farbbildschirm, beispielsweise der m515, taugten mit ihrer grobpixeligen Anzeige und ihrem Pieps-Sound weder für Musik noch zur Bildbetrachtung, geschweige denn für Videos.
PDAs mit Microsofts Pocket-PC-Betriebssystem brachten diese Fähigkeiten schon von Hause aus mit. Zu dieser Zeit rutschte Palm in die Miesen und verlor Marktanteile an seinen Konkurrenten aus Redmond.
Claudia Schiffer präsentierte mit ihrer eigenen Edition des Palm V einen Lady-PDA.
Daran konnten auch Aktionen wie die Ankündigung eines Damen-PDAs nichts ändern. In Wirklichkeit handelte es sich bei dem Gerät lediglich um einen Palm-V-PDA mit blauem Anstrich, für den das Topmodel Claudia Schiffer ihren Namen hergab.
Um den Palm schließlich fit für Multimedia zu machen, portierte man als erstes Palm OS für die leistungsfähigeren ARM-Prozessoren, denn selbst bei den schnellsten Dragonball-CPUs war mit 66 MHz Schluss. Des Weiteren vervierfachte man die unterstützte Bildschirmauflösung auf 320 x 320 Pixel und bereicherte das Betriebssystem um Sound-Bibliotheken. Palm OS 5 kam erstmals auf dem Palm Tungsten T zum Einsatz, der sich, obwohl mit Bugs behaftet, gut verkaufte. Als wahrer Kassenschlager erwiesen sich die billigsten PDAs der Low-Cost-Modellreihe Zire (Zire 31, Zire 72s), die Palm für teilweise unter hundert Dollar millionenfach unters Volk bringen konnte.
Auf Sendung
Lifedrive: Erster PDA mit Festplatte
Von Smartphones wollte man bei Palm lange nichts wissen. Handspring bewies durch seine Palm-OS-Smartphones der Treo-Serie (etwa den Treo 180) den richtigen Riecher, aber zu früh versuchte das Unternehmen, diese Geräteklasse zu etablieren. Zu diesem Zeitpunkt trug die Masse der Kunden lieber zwei Geräte (Handy und PDA) mit sich herum. Die zu diesem Zeitpunkt erhältlichen Smartphones waren meist noch ohne Reife.
Dass sich das bald ändern sollte, erkannte man auch bei Palm. Im Sommer 2003 kaufte das Unternehmen deshalb die Firma der ehemals Abtrünnigen Donna Dobinsky, Jeff Hawkins und Ed Colligan zurück und verleibte sich so das benötigte Smartphone-Know-how für einen Mobilfunk-Palm auf Palm-OS-5-Basis (Treo 600) ein.
Neue Wege
Nach der endgĂĽltigen Abspaltung von PalmSource im Jahre 2003 konzentriert sich Palm wieder mehr auf die Hardware-Entwicklung. Man trieb die Fertigstellung des Treo 650 voran, das verlorene Marktanteile zurĂĽckgewann. Das Treo 650 erwies sich besonders in den USA als erfolgreich. Palm neigte sich mittlerweile sogar dem ehemaligen Konkurrenten Microsoft zu und brachte im Dezember 2005 mit dem 700w das erste Treo-Smartphone mit Windows Mobile auf den Markt.
Beliebtestes Smartphone in den USA, eignet sich gut fĂĽr mobile Chat-Kommunikation.
In puncto Multimedia haben die aktuellen Palm-Modelle vergleichsweise wenig zu bieten. Versuchsballone wie das LifeDrive mit eingebauter Festplatte, den Palm als Multimedia-Maschine propagiert, überzeugen nicht. Als Terminmaschine stechen die PDAs mit ihrer durchdachten Bedienoberfläche aber auch heute noch alle anderen Handhelds aus.
Durch das gute Treo-Geschäft schreibt das Unternehmen nun wieder schwarze Zahlen. Allein im vorigen Quartal konnte Palm über eine halbe Million Treos absetzen und beansprucht in den USA mittlerweile einen Marktanteil bei Smartphones von 30 Prozent nach verkauften Stückzahlen.
Trotz der guten Zahlen bleibt die Zukunft für Palm-OS-basierte Geräte ungewiss, denn durch die Akquise von PalmSource durch Access fehlt eine treibende Kraft, die neue Entwickler ins Boot holen könnte. Palm selbst sieht sich nicht verantwortlich dafür. Doch obwohl die Treos im Vergleich zu anderen Smartphones wenig Funktionen mitbringen, scheinen sich immer noch genügend Nutzer für das Prinzip zu begeistern, das Jeff Hawkins für den ersten Pilot entwickelte. (dal)