Profis bearbeiten Bilder mit Photoshop, vielen Heimanwendern ist das Adobe-Programm aber zu mächtig und zu teuer. Zum Glück gibts genügend Alternativen zu der Profi-Bildbearbeitung: zum Beispiel spezialisierte Nischenprodukte und wenig bekannte Newcomer.
Von André Kramer
Eine Bildbearbeitung soll exzellente Algorithmen mit einer umfangreichen Werkzeugpalette verbinden, wenig Lernaufwand erfordern und nicht viel kosten. Der Marktführer im Profi-Segment Photoshop erfüllt nur die ersten beiden dieser vier Kriterien. Gerade für Heim und Hobby sind aber ein günstiger Preis und eine steile Lernkurve schlagkräftige Argumente. Die neun auf den folgenden Seiten vorgestellten Programme kosten allesamt weniger als 100 Euro; einige kosten gar nichts.
Affinity Photo, PhotoLine und Photoshop Elements gibt es sowohl für Windows als auch für macOS, die freie Bildbearbeitung Gimp außerdem für Linux. Luminar war bis vor Kurzem nur für macOS erhältlich. 2017 hat sich der Hersteller Macphun in Skylum umbenannt und sein Tool auf Windows portiert. Acorn und Pixelmator Pro sind nur für macOS verfügbar, PaintShop Pro und die Freeware Paint.Net nur für Windows.
Außerdem haben wir uns die Web-Apps Fotor, Pixlr und Polarr angesehen. Sie bilden eine Sonderkategorie, da ihr Funktionsumfang nicht an den installierbarer Werkzeuge heranreicht. Wenn man nichts installieren darf oder will, können sie aber eine willkommene Alternative sein. Fotor und Polarr laufen mit fortschrittlicher HTML5-Technik. Pixlr setzt immer noch auf Flash.
Profis arbeiten mit Photoshop und Adobe gibt seit Jahren in der Bildbearbeitung die Marschrichtung vor. Günstige Alternativen können sich in Nischen aber als sinnvoller erweisen.
Der Unterbau
Mittlerweile liegen alle lokal installierbaren Programme in 64-Bit-Architektur vor. Das allein garantiert aber noch keine schnelle Bildverarbeitung. Wichtig ist eine schnell reagierende Oberfläche und hier zahlt es sich aus, wenn das Programm GPU-Funktionen nutzt. Affinity Photo, Photoshop und Photoshop Elements nutzen den Grafikprozessor für schnelle Bildanzeige. PaintShop Pro wirkt hingegen etwas träge. Unter Windows reagieren auch Gimp und Paint.Net erfreulich schnell. Die Mac-Version von Gimp hingegen braucht bei Änderungen am Bild sehr lange für den Aufbau. PhotoLine berechnet Filter wie den Gauß’schen Weichzeichner zwar blitzschnell unter Nutzung aller CPU-Kerne, schwächelt aber beim Malen einer Maske. Die intelligente Maske reagiert so langsam, dass man damit kaum arbeiten kann.
Digitalfotos und Web-Grafiken liegen im RGB-Modell vor. Auch Druckdienstleister erwarten RGB-Daten. Deswegen arbeiten auch Bildbearbeitungsprogramme vornehmlich mit den Kanälen Rot, Grün und Blau. Kaum ein Privatnutzer braucht CMYK, das Farbmodell für die Druckvorstufe; Affinity Photo und PhotoLine unterstützen es. Für die Retusche ist der Farbmodus Lab interessant, der die Helligkeitsinformation von den Farbwerten trennt. So ermöglicht er Kontrastkorrekturen, ohne die Sättigung zu beeinflussen. In Affinity Photo und PhotoLine kann man in den Gradationskurven einfach von RGB auf Lab umschalten. Pixelmator Pro bietet im Kurvendialog den Luminanzwert zur Auswahl und bei der Sättigungskorrektur die ab-Kanäle. Alle anderen Programme rechnen nur mit RGB.
Das Raw und die Farbtiefe
Hohe Farbtiefe kommt vor allem bei der Arbeit mit Kamerarohdaten zum Tragen. JPEG-Fotos liegen in 8 Bit pro Farbkanal vor. Für Rot, Grün und Blau stehen also jeweils 28 = 256 Werte zur Verfügung. Versucht man die Lichter abzudunkeln, können lediglich etwa 50 Helligkeitswerte neu verteilt werden, was schnell zu hässlichen Abstufungen führt.
Raw-Fotos bringen eine deutlich höhere Farbtiefe von 12 oder 14 Bit mit. Bearbeitet man diese in einem Raw-Entwickler, der mit 16 oder sogar 32 Bit Farbtiefe pro Kanal arbeitet, tritt der beschriebene Effekt nicht auf. Kamerarohdaten bieten also erheblich mehr Korrekturspielraum als JPEG-Dateien. Es hat eine Weile gedauert, bis die Hersteller ihre Bildbearbeitungsprogramme auf die Verarbeitung hoher Farbtiefe umgestellt hatten. Als Workaround dienten vorgeschaltete Plug-ins zur Raw-Bearbeitung und die gibt es bis heute.
Viele Werkzeuge in Photoshop Elements sind auf 8 Bit pro Kanal beschränkt, Adobe Camera Raw entwickelt Fotos aber in hoher Farbtiefe. Wenn das Bild im Plug-in entwickelt wurde, ist für Montage oder Texttitel die hohe Farbtiefe nicht mehr zwingend erforderlich. Affinity Photo und PaintShop Pro schalten ebenfalls Raw-Plug-ins vor, rechnen aber auch in der Hauptanwendung mit 16 Bit pro Kanal. Acorn, Luminar und Pixelmator Pro rechnen mit 16 Bit, PhotoLine bei der Korrektur von Farbe und Helligkeit sogar in 32 Bit Farbtiefe und öffnet daher Raw-Fotos direkt. Gimp und Paint.Net eignen sich überhaupt nicht für die Raw-Entwicklung. Für Gimp steht zwar das Plug-in UFRaw zur Verfügung, ein gut entwickeltes Raw-Foto bekommt man damit aber kaum hin.
Licht und Farbe korrigieren
Zwei Herangehensweisen haben sich zur Korrektur von Farben und Helligkeit etabliert: mithilfe eines Reglersets wie im Raw-Entwickler und mithilfe von Gradationskurven und Tonwertkorrektur wie in der Bildbearbeitung. Viele Anbieter orientieren sich bei dem einen Ansatz an Photoshop und bei dem anderen an Lightroom.
Gradationskurven gehören zum Grundstock, den jede Bildbearbeitung mitbringt. Wichtig ist dabei eine Grauwertpipette für schnellen und unkomplizierten Weißabgleich. Fehlt sie, wie in Acorn oder Paint.Net, wird die Korrektur von Farbstichen zum Glücksspiel. Die Pipette in Affinity Photo arbeitet nicht gut, da sie nur die Farbtemperatur, nicht aber die Tönung korrigiert; im Raw-Dialog des Programms funktioniert sie aber korrekt. Die Tonwertkorrektur heißt in PaintShop Pro Histogrammanpassung, in PhotoLine Histogrammkorrektur, in Gimp Werte. Der Dialog dahinter sieht aber immer mehr oder weniger gleich aus. Luminar kennt die Funktion nicht und Paint.Net macht den Dialog so kompliziert, dass man ihn auch weglassen könnte.
Luminar und Pixelmator ähneln einem Raw-Entwickler, der Tonwert- und Kurvendialog eher ergänzend als grundlegend begreift. Bei Affinity Photo, Photoshop Elements und in Einschränkungen bei PaintShop Pro kann man beide Ansätze nutzen. Acorn, Gimp, Paint.Net und PhotoLine bieten kein gesondertes Reglerset für die Fotoentwicklung.
Retusche und Montage
Ein Foto retuschieren oder ein Motiv hineinmontieren, das ging auch schon vor hundert Jahren, nur war damals alles Handarbeit. Digitale Bildbearbeitung vereinfacht die Arbeit. Der Klonstempel nimmt zur Retusche von Flecken und Kratzern oder ungeliebten Motivteilen einen Bildteil auf und kopiert ihn an eine andere Stelle. Es geht aber auch einfacher: Affinity Photo, Pixelmator Pro, PaintShop Pro, PhotoLine und Photoshop Elements bringen Reparaturwerkzeuge mit, die Bereiche reparieren, indem sie den Inhalt einer markierten Stelle aus der Umgebung rekonstruieren.
Bei der Montage helfen halbautomatische Werkzeuge zum Freistellen. Gimp, PaintShop Pro und PhotoLine bieten zwar Freistellhilfen an, die aber nur bei einfachen Aufgaben wie einem Motiv vor blauem Himmel gute Ergebnisse produzieren. Die Auswahlwerkzeuge von Affinity Photo und Photoshop Elements funktionieren wie ein Pinsel, erleichtern mit Kantenerkennung die Arbeit und kommen auch mit teiltransparenten Bereichen wie Haaren gut zurecht. Pixelmator Pro besitzt ein Auswahlwerkzeug mit Kantenerkennung auf Basis künstlicher Intelligenz, das einfach zu bedienen ist und besser arbeitet als jedes andere Werkzeug im Test.
KI unterstützt in Pixelmator Pro auch das Reparaturwerkzeug und das Werkzeug zum Geraderichten. Luminar hat seine KI auf Bildoptimierung getrimmt und sorgt damit für sehr gute Ergebnisse bei der Optimierung der Belichtungsverhältnisse und der Schwarzweißumsetzung.
Unterm Strich
Paint.Net bringt keine Grauwertpipette mit, Gimp keine Einstellungsebenen, beide rechnen nicht in hoher Farbtiefe. Das sagt aber nur bedingt etwas über ihren praktischen Wert. Die Reduktion macht Paint.Net zu einem schlanken und einfach zu bedienenden Werkzeug. Wer Screenshots beschneidet und fürs Web exportiert, ist bei Paint.Net gut aufgehoben. Für Gimp spricht der quelloffene, plattformübergreifende Ansatz; es eignet sich auch für komplexe Projekte.
Luminar kommt mit einem sehr engen Fokus: Wer Fotos mit KI optimiert, findet in Luminar ein gutes Werkzeug; für Montagen und Poster eignet es sich gar nicht. Pixelmator Pro sieht auf den ersten Blick ähnlich aus, besitzt aber deutlich mehr Werkzeuge für Porträtretusche, Layout und Montage, von denen einige erstaunlich innovativ sind. Photoshop Elements glänzt mit vielen Assistenten und PaintShop Pro mit seinem Lernstudio. Affinity Photo ist das richtige Tool für Nutzer, die einen umfangreichen Funktionsumfang à la Photoshop schätzen, aber Adobes Abomodell ablehnen. (akr@ct.de)