Engelchen oder Teufelchen?
Microsoft-Konto: Pro & Contra
Es ist schon irgendwie verblüffend: Viele von jenen, die auf ihrem Smartphone mit größter Selbstverständlichkeit einen Google-, Apple- oder Facebook-Account nutzen, wollen auf dem Windows-PC partout kein Microsoft-Konto. Andere hingegen möchten so ein Konto auf keinen Fall missen. Für beide Haltungen gibt es gute Argumente.
Mit einem Microsoft-Konto können Sie diverse Microsoft-Dienste nutzen wie OneDrive, Skype, Outlook und Xbox live. Diesen Single-sign-on-Dienst bietet Microsoft schon seit Windows XP an, in der Vergangenheit aber unter anderen Namen. Er hieß im Laufe der Jahre bereits unter anderem Microsoft Passport, .NET Passport und zuletzt Windows Live ID. Die Umbenennungen sollten dazu dienen, den Ruf des Kontos zu verbessern, denn Microsoft hat es immer wieder selbst geschafft, ihn zu ruinieren. Das ging schon bei Windows XP los, als das Betriebssystem flunkerte, ohne so ein Konto wäre das Internet nicht zu benutzen [1].
Seit Windows 8 heißt der Single-sign-on-Dienst „Microsoft Konto“. Seitdem können Sie dieses Konto auch zur Anmeldung an das Betriebssystem nutzen, und wenn Sie das machen, kann Windows das Authentifizieren bei Microsoft-Diensten für Sie übernehmen. Das ist sehr bequem, soll aber auch dazu verführen, Microsofts Dienste statt die der Konkurrenz zu verwenden.
Doch ist das wirklich sinnvoll? Darüber lässt sich prima streiten, denn das Verwenden eines Microsoft-Kontos hat einerseits eine Reihe handfester Vorteile, andererseits aber auch Nachteile. Darauf wollen wir in diesem Beitrag eingehen. Wobei eines gleich vorweg gesagt sei: Viele Argumente in der Diskussion gelten keineswegs nur für Microsoft-Konten, sondern genauso oder zumindest sehr ähnlich auch für die Pendants anderer Firmen wie Google, Facebook oder Apple. Wir beschränken uns dennoch allein schon aus Platzgründen auf das Microsoft-Konto.
Zwei weitere Artikel in dieser Ausgabe drehen sich ebenfalls um das Konto: Der nachfolgende Beitrag gibt einen Überblick, was sich alles mit dem Konto nutzen lässt – vieles davon ist sogar zumindest in den Grundfunktionen gratis, etwa der Cloudspeicher OneDrive, die Chatsoftware Skype, der Maildienst Outlook.com, die Kommunikationsplattform Teams und vieles mehr. Falls Sie das jedoch immer noch nicht überzeugt, liefert ein dritter Beitrag Tipps, wie Sie Windows trotz des Gequengels ohne Microsoft-Konto nutzen können.
Datenschutz
Je mehr Angebote desselben Anbieters Sie wahrnehmen, umso bequemer wird es für Sie: Alles greift Hand in Hand und dank Single-sign-on reicht eine einzelne Anmeldung, um alles nutzen zu können. Das große Aber: Je mehr Angebote ein und desselben Anbieters Sie nutzen, umso mehr lernt dieser über Sie. Und Microsoft weiß ohnehin bereits sehr vieles, unter anderem dank der Übertragung der Telemetriedaten, die Windows regelmäßig nach Hause funkt. Mit deren Hilfe kann Microsoft Probleme nicht nur selbst erkennen und beheben, sondern auch die Hersteller von Treibern und Anwendungen darauf hinweisen, wenn deren Produkte immer wieder abstürzen. Das bedeutet aber eben auch, dass Microsoft weiß, welche Anwendungen und welche Treiber Sie nutzen – Abwehrmaßnahmen gegen diese Datensammelei haben wir zuletzt in [2] vorgestellt.
Wenn Sie nun zudem noch Microsoft-Dienste nutzen, erfährt der Konzern noch viel mehr über Sie: Er erhält ein immer präziseres Bild. Ihren Tagesablauf könnte er anhand der Anmeldezeiten beispielsweise an Outlook, Skype und Xbox nachvollziehen, er könnte sehen, mit wem Sie chatten und mailen und wonach Sie mit Bing suchen, er könnte einen Blick in Ihre Dateien im OneDrive werfen und vieles mehr. Wohlgemerkt: Könnte, denn Microsoft legt großen Wert auf die Feststellung, das nicht zu tun.
Trotzdem: Für viele Microsoft-Angebote gibt es taugliche Alternativen anderer Anbieter. Selbst wenn die ebenfalls eine Anmeldung mit Hersteller-Konto verlangen und so ebenfalls Wissen über Sie erlangen, sind Ihre Daten so wenigstens verteilt. Damit sinkt die Gefahr, dass ein einzelner Dienstleister ein komplettes Bild von Ihnen bekommt.
Andererseits steigt in dem Moment, in dem Sie Ihre Daten auf verschiedene Anbieter verteilen, auch die Anzahl der Organisationen, denen Sie vertrauen müssen. Ein gewisses Grundvertrauen in Microsoft kann man wohl bei den meisten Anwendern voraussetzen – sonst dürften sie ehrlicherweise gar nicht erst Windows benutzen. Vielleicht steigt dieses Vertrauen ja auch noch ein bisschen bei dem Gedanken daran, welchen Image-Schaden der Konzern erlitte, wenn herauskäme, dass er mit den Daten seiner Anwender Schindluder triebe. Und an die horrenden Summen, die US-amerikanische Gerichte in solchen Fällen in Schadensersatzprozessen aufrufen.
Datenumfang
Wenn Sie sich mit demselben Microsoft-Konto an verschiedene Windows-Installationen anmelden, synchronisiert Microsoft diverse Dateien und Einstellungen. Doch was genau eigentlich? Diese Frage kann oder will Microsoft bis heute nicht beantworten. Es gibt zwar durchaus Listen, was synchronisiert wird (siehe ct.de/yzq2), doch bei denen wird immer wieder deutlich, dass sie nicht vollständig sind, denn an vielen Stellen steht „usw.“.
Unsere mehrfachen Nachfragen, was genau denn nun an Dateien, Registry-Schlüsseln und so weiter synchronisiert wird, ließ Microsoft bis Redaktionsschluss unbeantwortet – und das nicht zum ersten Mal. c’t hat schon mehrfach versucht, diese Informationen von Microsoft zu bekommen, doch war das bislang stets vergeblich. Wie uns zugetragen wurde, haben selbst manche Microsoft-Mitarbeiter Schwierigkeiten damit, das zu verstehen.
Die Tatsache, dass Microsoft nicht im Detail verrät, was genau sie alles an Daten von Ihnen speichern und synchronisieren, bedeutet, dass Sie nicht kontrollieren können, welche Daten Microsoft von Ihnen bekommt.
Wenn Sie Microsoft schon eine große Menge an Informationen über sich selbst anvertrauen, wollen Sie sicher nicht, dass sie die heiligen Hallen in Redmond verlassen. Bislang ist Microsoft glücklicherweise nicht durch größere Datenlecks in die Schlagzeilen geraten und investiert einiges an Geld und Arbeit, damit das so bleibt. Wie dauerhaft diese Bemühungen erfolgreich bleiben, steht aber in den Sternen. Wie bei allem, was übers Netz zugänglich ist, gilt: Es ist eigentlich nicht die Frage, ob, sondern wann es gehackt wird.
Ausfallsicherheit
Hinzu kommt: Je mehr Dienste Sie vom selben Hersteller nutzen, umso größer werden Ihre Probleme, wenn es bei dem mal hakt. Und das kommt durchaus vor. Im Januar 2019 beispielsweise kam es zu einem großflächigen Ausfall bei Microsoft, in dessen Folge diverse Dienste nicht mehr erreichbar waren [3]. Office365, Azure Active Directory, Teams, OneDrive und mehr waren nicht mehr zu benutzen. Folge: Nicht nur der Empfang und Versand von Mails war unterbrochen, sondern auch per Teams war niemand mehr zu erreichen. Und Daten, die nur im OneDrive, aber nicht lokal lagerten, waren plötzlich unerreichbar.
Nicht nur bei Microsoft, auch in Ihrem Internetzugang kann mal der Wurm sein. Wenn Sie überhaupt gerade einen haben: Auf Reisen per Zug oder Flugzeug oder generell im Ausland ist das ja manchmal problematisch. Wenn Sie in dem Fall von in der Cloud gespeicherten Daten abhängig sind, haben Sie ein Problem. Sicher: Dafür kann Microsoft nichts und das kann Ihnen bei anderen Anbietern genauso passieren. Bei der Entscheidung, ob und für welche Zwecke Sie ein Microsoft-Konto benutzen, sollte es aber trotzdem eine Rolle spielen.
Andersherum kann das Sich-Einlassen auf Cloudspeicher und umfangreiche Synchronisierung Sie sogar vor Ausfällen schützen: dann nämlich, wenn Ihre eigene Hardware stirbt. Auf einem eilig neu beschafften oder notfalls geliehenen Rechner ist ein neues Benutzerkonto mit Ihrem Microsoft-Account schnell eingerichtet. Einige Augenblicke später finden Sie sich dank der Synchronisierung von Desktop-Einstellungen in Ihrer gewohnten Umgebung wieder, Ihre im OneDrive abgelegten Dateien stehen bereit und in Ihrem Lieblingsspiel gehts beim zuletzt gespeicherten Level weiter.
Anmelden geht auch ohne Netz
Eine Angst ist übrigens unbegründet: dass Sie sich womöglich nicht mehr an Ihren PC anmelden können, wenn Sie dazu ein Microsoft-Konto benutzen und mal kein Netzwerk zur Verfügung steht. Windows speichert nämlich die Anmeldedaten lokal zwischen und aktualisiert sie nur gelegentlich vom Microsoft-Server. Solange Windows den nicht erreichen kann, bleiben die Daten aus dem lokalen Cache gültig.
Ein reales Risiko stellen dagegen Kontosperrungen dar: Es ist verständlich, wenn Microsoft Konten sperrt, bei denen im dazugehörigen OneDrive-Speicher Kinderpornographie gefunden wurde (was aber auch zeigt, dass Microsoft die Daten in Ihrem OneDrive-Ordner eben doch aktiv überprüft). Doch immer wieder erreichen c’t auch Hilferufe von Menschen, die sich beim besten Willen nicht erklären können, warum ihr Microsoft-Konto gesperrt wurde, und die sich keiner Schuld bewusst sind. Ähnliche Berichte finden sich auch immer wieder im Internet. Angesichts der schieren Masse an Microsoft-Konten, die es geben dürfte, werden die Sperr-Opfer zwar Einzelfälle sein. Doch was nutzt Ihnen dieses Wissen, wenn ausgerechnet Sie selbst zu so einem Einzelfall werden? Besonders fatal: Microsofts Support verweigert in solchen Fällen oft das Entsperren des Kontos, nicht mal eine Begründung ist zu bekommen.
Bequemlichkeit
Mancher Anwender benutzt ein Microsoft-Konto schlicht aus Bequemlichkeit: Zu sehr nerven die nach jedem Update und bei jeder App-Installation von Neuem auftauchenden Quengeleien des Betriebssystems, doch bitte ein Microsoft-Konto zu benutzen.
Positiver Nebeneffekt: Auch andere Nervereien sind Vergangenheit, etwa die Fragen nach Benutzernamen und Kennwort bei allerlei Diensten wie Mail oder Chat. Wer sich darauf einlässt, so umfassend wie möglich Microsoft-Dienste und -Apps zu verwenden, wird von Windows praktisch überall automatisch angemeldet. Verwendet man als Browser Microsofts Edge, gilt das sogar für Webanwendungen wie Outlook.com oder „Office im Web“. Auch Bezahlvorgänge für kostenpflichtige Dienste und Apps aus dem Microsoft-Universum sind mit wenigen Klicks erledigt.
Wer alle möglichen Daten von Office-Dokumenten über die Fotosammlung bis zu Mails und Chat-Verläufen in der Cloud speichert, kann das leidige Thema Backup einigermaßen entspannt sehen. Das sollte allerdings nicht zu allzu großem Leichtsinn verleiten: Die oben schon erwähnten Ausfälle kommen nach Murphy meist zu Zeitpunkten, wo man sie am allerwenigsten gebrauchen kann. Und gegen Platten-Crashs, Verlust oder Beschädigung des Rechners sowie Updates, die Windows unbrauchbar machen, helfen nur Komplett-Backups in Form von Images. Um die muss man sich trotz Cloud selbst kümmern.
Geschäftsmodell
Die für kostenlos angebotene Clouddienste nötige Infrastruktur wie Server, Internetverbindungen und so weiter fällt weder vom Himmel noch vom Laster, sondern muss ebenso wie das für den Betrieb nötige Personal bezahlt werden. Wenn Sie das aber als Nutzer nicht tun, warum sollte es dann ein Konzern? Weil er damit trotzdem Geld verdient, nämlich mit Ihren Daten. Anders formuliert: Es besteht immer die Gefahr, dass Sie bei kostenlosen Angeboten kommerzieller Anbieter nicht der Kunde, sondern die Ware sind. Ausnahmen bilden beispielsweise Webseiten wie Wikipedia, die sich über Spenden finanzieren.
Kostenlose Angebote kommerzieller Anbieter sind aber nicht grundsätzlich unseriös. Microsoft bietet viele seiner Clouddienste nur gegen Bares an, etwa Office 365. Und es ist durchaus üblich, potenziellen Kunden mit kostenlosen Angeboten schon mal den Mund wässrig zu machen: So bekommen alle Windows-Nutzer 5 GByte Online-Speicherplatz im OneDrive kostenlos, doch mit einem kostenpflichtigen Office-365-Abo ist es 1 TByte.
Dazu kommt: Je mehr Microsoft-Dienste im privaten Umfeld genutzt werden, umso größer wird der Anreiz für Unternehmen, Behörden und so weiter, auf dieselben Dienste zu setzen – das erspart teure Schulungen, weil ja viele Angestellte die Dienste schon kennen. Auch für solche Szenarien dienen die kostenlosen Angebote von Microsoft also vor allem als Werbung für die kostenpflichtigen Pendants. Das gilt beispielsweise für Dienste wie den Chat-Dienst Skype, den Webmailer Outlook.com, den Notizendienst OneNote und mehr.
Dennoch verdient Microsoft an seinen Cloud-Angeboten auch auf andere Weise. In Microsofts Datenschutzbestimmungen (siehe ct.de/yzq2) findet sich die eindeutige Aussage: „Microsoft verwendet die Daten, die wir erfassen, um Ihnen umfangreiche, interaktive Benutzererfahrungen zu ermöglichen. Insbesondere verwenden wir Daten für Folgendes: […] Unterbreiten von Werbeangeboten an Sie. Dazu gehören der Versand von Werbekommunikation, gezielte Werbung und die Präsentation relevanter Angebote.“ Mit anderen Worten: Die kostenlosen Angebote dienen nicht nur als Werbung für die kostenpflichtigen Dienste, sondern sollen auch Daten sammeln, die man dann gewinnbringend an Werbetreibende verscherbeln kann.
Drängeln statt überzeugen
Diese Art von Geschäften würde weniger misstrauisch machen, wenn Microsoft sie offensiver kommunizieren würde als versteckt in einem Datenschutzdokument, das ausgedruckt 84 A4-Seiten füllt. Wenn Microsoft zudem versuchen würde, mit Argumenten vom Nutzen der Anmeldung an Windows mit einem Microsoft-Konto zu überzeugen, wären vermutlich noch mehr Menschen dabei. Doch stattdessen versucht der Konzern eher, durch massives Drängen eine Art Duldungsstarre zu provozieren: „Sind Sie sicher, dass Sie kein Konto wollen? Wirklich? Ganz sicher? Ok, dann fragen wir Sie morgen noch mal. Zur Sicherheit mehrfach.“ So ein Verhalten leistet keine Überzeugungsarbeit, sondern nervt einfach nur.
Trotzdem ist es offenbar mitunter zielführend: Es sind der Redaktion Fälle bekannt, in denen ein Microsoft-Konto nur deshalb eingerichtet wurde, damit die Nachfragen endlich aufhören. In vielen Fällen produziert Microsoft allerdings eher den Wunsch, nun erst recht kein Microsoft-Konto zu nutzen.
Weder Resignation noch Trotz sind besonders gute Argumente, um sich für oder gegen ein Microsoft-Konto zu entscheiden. Je nachdem, wie Ihre Entscheidung ausfällt, finden Sie im folgenden Artikel Tipps, um das Beste aus dem Konto herauszuholen, oder auf Seite 28 Hinweise, wie Sie es dauerhaft loswerden. (axv@ct.de)
Microsoft-Dokus: ct.de/yzq2