MIT Technology Review 6/2022
S. 14
Titel
Künstliche Intelligenz

Die KI-Weltordnung

Künstliche Intelligenz kann durch Übersetzung in Echtzeit Brücken zwischen Kulturen schlagen oder mühsame Routinetätigkeiten übernehmen. Doch oftmals reproduziert sie stattdessen Ungerechtigkeit und Diskriminierung und greift dabei auf Muster kolonialer Herrschaft zurück. Kritiker fordern deshalb, ihre verborgenen Strukturen offenzulegen.

Wolfgang Stieler

Ist das Zufall oder hat es Methode? Eine Gesichtserkennung, die bei Afroamerikanern sehr viel ungenauer funktioniert als bei Weißen, identifiziert einen Mann zu Unrecht als Verdächtigen in einem Einbruchsfall. In Südafrika wird ausgerechnet in den schwarzen, armen Vorstädten ein enges Überwachungsnetz aufgebaut, das eine neue Form „digitaler Apartheid“ etablieren könnte. Im krisengebeutelten Venezuela nutzen internationale Konzerne die Notlage der Menschen aus, die als Klickworker den Rohstoff produzieren, der die Technologie antreibt: annotierte Daten für das Training weiterer KIs. Die Liste lässt sich beliebig erweitern.

Eine wachsende Anzahl von Akademikerinnen und Akademikern argumentiert: Nein, das ist kein Zufall. Künstliche Intelligenz, die Technologie, die wie kaum eine andere den logischen, unbestechlichen und objektiven analytischen Geist, den wissenschaftlichen Fortschritt und das amerikanische Streben nach Glück repräsentiert, lässt sich nicht aus dem Kontext lösen, in dem sie entwickelt wurde. Ihre Prämissen, ihre wissenschaftlichen Grundlagen, ihre Infrastruktur, die Daten, mit der sie trainiert wird – all diese Elemente sind tief verwurzelt in einem Weltbild, das auf dem Glauben an die Überlegenheit des weißen Mannes über den Rest der Welt beruht. Nur wenn dieses Denken kritisch aufgearbeitet, die Wissenschaft „entkolonisiert“ werde, könne sie ihrem eigenen Anspruch, dem „Wohl der gesamten Menschheit zu dienen“ (OpenAI), tatsächlich gerecht werden. Was ist dran an dieser Idee? Kann ein kritisches Bewusstsein über die geistigen Wurzeln der Technologie dabei helfen, eine bessere KI zu entwerfen, die wirklich allen Menschen nützt – nicht nur einer kleinen, privilegierten Minderheit?

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