"The Last of Us Part 2" im Test: Im Sog der Gewalt

Seite 2: Gewalt, GefĂĽhl, Gitarre

Inhaltsverzeichnis

Weil das Ausrüstungsmenü ziemlich verzwackt daherkommt und Naughty Dog dem Spieler beim Waffenwechsel keine Zeitlupe gönnt, gerät die Auswahl der passenden Utensilien im Eifer des Gefechts oft zur Mammutaufgabe. Am Körper kann Ellie nämlich nur wenige Waffen tragen, weitere muss sie erst umständlich aus ihrem Rucksack fischen. Noch ein Grund, warum bedachtes Schleichen gegenüber der Rambo-Variante vorteilhaft ist.

Jeder verfehlte Schuss fühlt sich an wie eine kleine Niederlage: Munitionsknappheit und schwindende Lebenspunkte gehören bei "TLOU2" einfach dazu. Sie sorgen in Kombination mit dem pochenden Soundtrack für Momente immenser Spannung, die manchmal kaum auszuhalten sind. Besonders fesselnd wird das Spiel, wenn Ellie selbst zur Gejagten wird und sich in Horrorspielmanier mit vorgehaltener Pistole und Taschenlampe ihren Weg durch finstere Korridore bahnt.

Durchchoreografierte Action-Sequenzen konnte sich Naughy Dog, ebenfalls Entwickler der Uncharted-Spiele, auch in "TLOU2" nicht ganz verkneifen. Sie wirken etwas deplatziert in diesem ansonsten so um Glaubwürdigkeit bemühten Spiel, kommen aber so selten vor, dass sie nicht weiter stören.

Vorbildlich dagegen: Der Schwierigkeitsgrad lässt sich jederzeit individuell zusammenschustern, unter anderem kann man die Menge der versteckten Ausrüstung und die Schlagkräftigkeit der KI-Mitstreiter separat regeln. Speicherpunkte sind außerdem so großzügig verteilt, dass man die teilweise recht langen Schleichabschnitte nicht jedes Mal ganz von vorne anfangen muss, wenn etwas schiefgeht.

Abwechslung vom Geballer bieten die kleinen Rätsel, die Naughty Dog im Spiel verteilt hat. Seile müssen geworfen, Mülltonnen verschoben, Safe-Kombinationen entdeckt werden – das ist alles relativ simpel, funktioniert aber gut als Erholungskur vom sonstigen Dauernervenkitzel.

Die stillen Momente wirken im Kontrast zur ständigen Gewalt umso eindringlicher. Ruhe hat Ellie vor allem dann, wenn sie zwischendurch Gitarre spielt: Die Klampfe erinnert an Ellies schwieriges Verhältnis zu Joel, der ihr das Spielen beigebracht hat. Naughty Dog hat das Gitarrenspiel sogar als Mechanik umgesetzt: Mit dem linken Stick wählt man Noten, per Wisch über das Touchpad zupft man an den Saiten. Ellies sporadisches Gitarrenspiel inszenieren die Entwickler als Momente enormer Schwermut, die Erinnerungen an bessere Zeiten freilegen.

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Obwohl alle Spielmechaniken tadellos umgesetzt wurden, kommt beim Spielen von "The Last of Us Part 2" selten Freude auf. In seinen fröhlichsten Momenten geht "TLOU2" gerade noch als melancholisch durch, in seinen schlimmsten als absolut niederschmetternd. Durch das gesamte Spiel zieht sich eine Spur der Schwermut.

Das forciert Naughty Dog auch mit dem Gegner-Design: Zombies sind in Videospielen eigentlich deshalb beliebt, weil man ihnen vergnügt die Hirnreste aus dem Schädel ballern kann, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. "TLOU2" ist aber so gar nicht daran interessiert, dem Spieler eben jenes schlechte Gewissen zu ersparen – im Gegenteil. Naughty Dog bemüht sich, die zahlreichen Menschengegner nicht bloß als humanoide Moorhühner darzustellen.

So brüllen menschliche Widersacher verzweifelt die Namen ihrer gerade erschossenen Freunde, während sie sich panisch in Deckung begeben. Ab und zu bleiben getroffene Gegner hilflos am Boden liegen und betteln um ihr Leben, bevor Ellie ihnen schließlich den Todesstoß gibt. Das zu spielen, ist oft eine Zumutung. Das Töten virtueller Menschen gehört zum Kerngeschäft vieler Videospiele. The Last of Us 2 führt nachdrücklicher als die meisten Genre-Kollegen vor Augen, was da eigentlich dahintersteckt. Spaß macht das nicht, aber es fesselt: Die Brutalität ist ein Eckpfeiler der beklemmenden Stimmung, die TLOU2 in jeder Sekunde mit sich trägt.

Gerade im späteren Spielverlauf eskaliert "TLOU2" zur regelrechten Gewaltorgie, die immer wieder einen Weg findet, sich in ihrer körperlichen und emotionalen Brutalität selbst zu übertreffen. Naughty Dog geht es damit primär darum, das Leid zu verdeutlichen, das Menschen sich gegenseitig zufügen können. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, alles eine Frage des Blickwinkels – ein Narrativ, das "The Last of Us Part 2" auch mit dem Stilmittel des Perspektivwechsels zu erklären versucht.

Eindrücklich macht "TLOU2" darauf aufmerksam, dass Ellie kein gottgegebenes Mandat hat, ihre Feinde brutal abzuschlachten. Im Konflikt zwischen Ellie und der WLF haben beide Seiten ihre mehr oder weniger berechtigten Motive, die sich leider so gar nicht miteinander vereinen lassen. Hass und Rachsucht werden dagegen als destruktiver Kreislauf erklärt, der alle Beteiligten in einen Strudel des Elends saugt. "TLOU2" nimmt sich sehr viel Zeit, das zu vermitteln, und setzt dabei auch auf gewagte Erzähl-Experimente. Das Beleuchten beider Seiten führt im Verlauf der Geschichte zu markerschütternden Momenten, braucht aber auch langen Anlauf.

Obwohl "The Last of Us Part 2" Sympathien für beide Lager wecken möchte, fiebert man letztlich vor allem mit Ellie, bejubelt kleine Erfolge, leidet und trauert mit ihr. Das sagt viel über die Stärke der Protagonistin, die Naughty Dog geschaffen hat. Ellie war nie eine strahlende Heldin mit guter Laune, die auf alle Fragen immer die richtigen Antworten parat hat. Sie ist menschlich, hat wie alle Figuren in dieser mitreißenden Erzählung Laster und Tugenden: Eifersucht, Hass, Loyalität, Mut. Als Protagonistin bleibt sie trotz ihrer Gräueltaten liebenswert. Sie hat es eben nicht leicht. Auch Ellies Mitstreiter sind einfühlsam portraitiert, besonders die Dynamik mit Dina begeistert.

Mit ihrer Freundin Dina bricht Ellie nach Seattle auf, um dort Rache an einer Fraktion namens "WLF" zu ĂĽben. Im Spielverlauf ist Ellie mal zu FuĂź, zu Pferd oder in einem Boot unterwegs.

(Bild: Sony)

Wie Ellie in den Jahren seit Teil 1 zu dem wurde, was sie in Teil 2 ist, veranschaulichen mehrere Rückblenden, die zu den besten Spielabschnitten gehören. Sie zeigen Ellie auch von ihrer jüngeren, noch unschuldigeren Seite: eine Teenagerin, die Comics mag und lieber Astronautin als Überlebenskünstlerin geworden wäre. Das Universum wollte es anders.

Was Ellie im Verlauf von "TLOU2" durchstehen muss, ist oft schwer anzusehen. In einigen besonders bösen Momenten würde man das Gamepad lieber aus dem Fenster schmeißen, als den Anweisungen des Spiels zu folgen. Seinen Spielern so etwas aufzubürden, zeugt von Naughty Dogs Ambition, mehr mit der eigenen Kreativkraft anzustellen, als Popcorn-Spiele wie Uncharted zu entwickeln. Solche Abgründe in Videospielform zu gießen, ist mutig – und alleine schon deswegen achtbar.

Es wäre einfach gewesen, aus "The Last of Us Part 2" einen versöhnlichen Sommer-Blockbuster zu stricken, bei dem Ellie und Joel am Ende lächelnd in den Sonnenuntergang reiten. Stattdessen hat Naughty Dog den unbequemen Weg gewählt. Dem Sony-Studio muss klar gewesen sein, dass ein derart aufwühlendes Spiel die Gemüter spalten wird. Der Gewaltgrad, die provokanten Erzählkniffe und der emotionale Dauerbeschuss machen "The Last of Us Part 2" radikaler als den Vorgänger.

Das Risiko, mit diesem Ehrgeiz ein Stück über das Ziel hinauszuschießen, hat Naughty Dog in Kauf genommen. In seiner Konsequenz ist "TLOU2" aber beispiellos: Es gibt kaum ein erdenkbares Elend, das dieses Spiel im Lauf der etwa 25-stündigen Erzählung nicht thematisiert. Dabei sind es vor allem die stillen, rührenden Momente, die "TLOU2" so unvergesslich machen. Wenn Ellie der kaputten Welt mit der Gitarre in der Hand ein bisschen Hoffnung abtrotzt, dann scheint ein verträglicher Ausweg doch für kurze Zeit denkbar.

Auch wenn das Weiterspielen manchmal zur Belastung wird: Der Sog von "The Last of Us Part 2" ist zu kräftig, um aufzuhören. Naughty Dog ist ein unglaublich eindringliches Spiel gelungen, das auch dann keine Ruhe lässt, wenn man den Controller schon längst zur Seite gelegt hat.

"The Last of Us Part 2" erscheint am 19. Juni fĂĽr die Playstation 4.

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