Grenzenloses Surfen: Geplante EU-Roaming-Erweiterung sorgt für böses Blut

Ursula von der Leyen will den Wegfall der Roaming-Gebühren auf EU-Kandidaten wie Albanien und Montenegro ausweiten. Nicht nur Netzbetreiber protestieren.

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(Bild: Farknot Architect/Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Freies Roaming gilt als eines der greifbarsten Symbole der europäischen Regulierungspolitik: Wer innerhalb der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) reist, nutzt sein Mobiltelefon seit 2017 zu den gleichen Konditionen wie zu Hause. „Roam Like at Home“ hat den Schrecken vor der Mobilfunkrechnung nach dem Urlaub genommen. Nun soll dieses Erfolgsmodell auch verstärkt diplomatische Früchte tragen: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) will die Roaming-Zone laut Euractiv zügig erweitern, um die Westbalkan-Staaten enger an die Gemeinschaft zu binden.

Die Ukraine und Moldau wurden erst nach jahrelangen Verhandlungen und Vorbereitungen am 1. Januar offiziell Teil des weitgehend gebührenfreien Roaming-Systems. Die neuen Beitrittskandidaten Albanien und Montenegro sollen nach dem Willen von der Leyens bereits im Laufe des Jahres 2026 ohne großes Vorspiel folgen.

Dieser sportliche Zeitplan sorge jetzt für Unruhe im digitalen Binnenmarkt, schreibt Euractiv. Kritik komme dabei auch von unerwarteter Seite. Stanislav Prybytko, ukrainischer Vizeminister für digitale Transformation, und die moldauische Ministerin Michelle Iliev mahnen demnach zur Vorsicht. Sie sind dagegen, die Erweiterung der Roaming-Zone vom eigentlichen Beitrittsprozess zu entkoppeln oder gar zu überstürzen.

Der Beitritt zum Roaming-System sei kein reiner Verwaltungsakt, sondern erfordere tiefgreifende technische und regulatorische Anpassungen, begründen die Regierungsvertreter ihre Bedenken. Dass Länder im Eiltempo folgen sollen, empfinden die Pioniere der jüngsten Erweiterungsrunde als riskant für die Stabilität des gesamten Marktes. Sie befürchten, dass Ad-hoc-Vereinbarungen zu Asymmetrien führen und den administrativen sowie finanziellen Aufwand für alle Beteiligten unnötig in die Höhe treiben könnten.

Die Mobilfunkindustrie schlägt ebenfalls Alarm. Der Branchenverband GSMA warnt, dass eine zu schnelle Expansion wertvolle Ressourcen binde, die eigentlich für den dringend notwendigen Netzausbau benötigt würden. Hinter der glänzenden Fassade der Gebührenfreiheit für Endkunden tobt seit Längerem ein Verteilungskampf um die sogenannten Interoperator-Entgelte. Wenn ein Tourist in Albanien surft, muss sein heimischer Provider dem albanischen Netzbetreiber eine Großhandelsgebühr zahlen. Diese ist zwar gedeckelt, liegt aber nach Ansicht von Beobachtern immer noch deutlich über den tatsächlichen Marktkosten. Während Tourismus-Hotspots im Süden an diesen Gebühren verdienen, klagen Betreiber in nordischen und baltischen Staaten über einen stetigen Kapitalabfluss.

Das Gremium Europäischer Regulierungsstellen für elektronische Kommunikation (Gerek) empfahl im März 2025 eine deutliche Senkung dieser Preisobergrenzen, um den Wettbewerb zu beleben. Virtuelle Netzbetreiber forderten gar eine Reduzierung auf einen Bruchteil der aktuellen Sätze.

Doch die Kommission entschied sich im Juni gegen eine Anpassung und verteidigte die bestehenden Deckel als marktkonform. Dies befeuert die Sorge, dass eine Erweiterung der Roaming-Zone auf Länder mit hohen Touristenzahlen die finanziellen Ungleichgewichte innerhalb der EU verschärfen dürfte. Ein deutscher Provider könnte so durch die Sommerurlauber in Montenegro finanziell so stark belastet werden, dass ein Ausgleich durch eigene Einnahmen nicht mehr möglich ist.

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Zusätzlich verkompliziert eine politische Altlast die Lage: Bei Telefonaten von zu Hause ins EU-Ausland werden oft noch Aufschläge fällig. Erst vor Kurzem unternahm die Kommission erste Schritte, um auch diese Kostenfalle bis 2029 zu beseitigen.

Verbraucherschützer unterstützen die Erweiterung der Roaming-Zone, fordern aber eine saubere technische Umsetzung. Die derzeitige Strategie der EU basiert oft auf bilateralen Abkommen. Das führt zu seltsamen Konstellationen: Ein Albaner könnte künftig zwar in Berlin ohne Aufpreis telefonieren. Er müsste aber bei einer Reise nach Moldau oder in die Ukraine weiterhin mit hohen Gebühren rechnen, da zwischen diesen Partnerländern keine direkten Abkommen bestehen.

Angesichts der ungelösten Fragen hat die Kommission dem Bericht zufolge die Präsentation ihrer neuen Roaming-Strategie aufs Frühjahr verschoben. Ursprünglich sollte das Papier im November vorliegen. 2019 zog die Brüsseler Exekutive nach einer Evaluierung ein positives Fazit von „Roam Like at Home“. Die Nutzung von Mobilfunk-Datendiensten auf Reisen in der EU verzehnfachte sich demnach durchschnittlich binnen zweier Jahre. Anzeichen dafür, dass das Aus für die Vermittlungsgebühren die Qualität der Mobiltelefonie und vor allem die Datengeschwindigkeit verschlechtert haben könnten, fanden die Prüfer nicht.

(mki)