Boogie Nights im 4K-Heimkinotest: Als Pornos noch Kunst waren
Rollerskates, Funk und analoger Film: In den 70er Jahren startete Pornofilmindustrie durch. Boogie Nights verfolgt den Aufstieg und Fall der Stars.
(Bild: Warner)
- Timo Wolters
- Hartmut Gieselmann
Paul Thomas Anderson ist aktuell mit One Battle After Another in aller Munde. Der Ausnahmeregisseur startete seine Karriere 1997 mit „Boogie Nights“, einer dramatischen Komödie über die goldene Ära der Pornofilmindustrie. Es war der erste große Film, in dem Mark Wahlberg als Porno-Star Dirk Diggler seine schauspielerischen Qualitäten bewies. Burt Reynolds wurde für seine Rolle als Produzent Jack Horner für den Oscar nominiert und in den Nebenrollen glänzten John C. Reilly, Julianne Moore, William H. Macy, Don Cheadle und Philip Seymour Hoffman – ein Traumcast.
Warner hat den Film in 4K restauriert und auf Ultra HD Blu-ray (UHD) sowie im Stream neu veröffentlicht, die die alte Blu-ray Disc von 2010 ergänzen. Wer sich das Kleingedruckte der Beschreibungen anschaut, bemerkt, dass nur die Streaming-Version eine Tonspur in Dolby Atmos spendiert bekam. Für diesen Test haben wir uns alle Varianten genau angeschaut und angehört, und können erklären, warum der verlustfreie 5.1-Ton der Discs trotzdem die bessere Wahl ist.
Bevor wir jedoch auf die technischen Details eingehen, blicken wir auf den kommenden Seiten zunächst auf die Geschichte und den kulturellen Hintergrund des Films, mit dem Paul Thomas Anderson bewies, der legitime Erbe Robert Altmans zu sein. Denn Boogie Nights ist weit mehr als ein Film über Pornographie. Es ist eine technische und menschliche Chronik eines industriellen Wandels.
Die John-Holmes-Connection
Anderson drehte Boogie Nights nicht aus einer spontanen Laune heraus. Der Stoff beschäftigte ihn bereits seit seiner Jugend. Schon 1988 inszenierte er den Kurzfilm The Dirk Diggler Story, eine Mockumentary, die sich unverhohlen an das Leben des realen Pornostars John Holmes anlehnte. Anderson war fasziniert von dem 1981 erschienenen Dokumentarfilm Exhausted: John C. Holmes, The Real Story, der den Aufstieg und den tiefen Fall des Mannes mit dem wohl berühmtesten Penis der Filmgeschichte porträtierte. In Boogie Nights wird aus Holmes nun Dirk Diggler und aus der dokumentarischen Form wird ein rauschendes Sittengemälde der späten 70er und frühen 80er Jahre.
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Mark Wahlberg, der hier die Rolle seines Lebens spielte, verkörpert diesen Eddie Adams, wie er zum Dirk Diggler aufsteigt. Er ist ein naiver Tellerwäscher, der eigentlich nur eines will: ein Star sein. Dass sein Weg zum Ruhm nicht über das Schauspiel, sondern über seine anatomische Besonderheit von angeblich 33 Zentimetern führt, ist für ihn zweitrangig.
Anderson nutzt diese Prämisse jedoch nicht für eine schlüpfrige Komödie. Er erzählt vielmehr eine klassische Aufstiegs- und Fallgeschichte, die strukturell an Scorsese-Klassiker wie GoodFellas erinnert und sie mit dem Witz eines Quentin Tarantino kombiniert. Nur dass hier keine Waffen das Geschäft bestimmen, sondern Körperflüssigkeiten und Zelluloid.
(Bild:Â Warner)
Anderson nimmt die Figur des Dirk Diggler ernst, weit ernster, als es die reale Vorlage John Holmes vielleicht verdient hätte, dessen Leben später in die grausamen Wonderland-Morde verwickelt war. Anderson blendet diesen ultimativen Horror aus und konzentriert sich stattdessen auf den familiären Zerfall.