Kolonialer Mythos in 4K: „Lawrence von Arabien“ im Heimkinotest

Lange verschollen erscheint das restaurierte Wüsten-Epos im Frühjahr erneut auf UHD. Der Jahrhundertfilm ist selbst Teil der britischen Kolonialgeschichte.

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Lawrence von Arabien

(Bild: Sony)

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„Lawrence von Arabien“ gehört zu Hollywoods Kronjuwelen. Das fast vier Stunden lange Epos von 1962 erzählt die Geschichte von Thomas Edward Lawrence, der als britischer Offizier und Diplomat im Ersten Weltkrieg arabische Gruppen bei ihrer Revolte gegen das Osmanische Reich unterstützte. Die Restauration des Films und Veröffentlichung auf Ultra HD Blu-ray (UHD) gilt als eines der technisch aufwendigsten Heimkino-Projekte überhaupt. Die ersten UHD-Auflagen sind jedoch lange vergriffen und werden von Sammlern zu Mondpreisen gehandelt.

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Nun bringt Sony die Discs neu heraus. In Großbritannien und als Import-Disc sind sie seit dem 9. Februar zu haben, in Deutschland kommen sie offiziell Anfang April in den Handel. Wir nutzen die Gelegenheit, um die extrem aufwendige Technik der Restauration zu beleuchten und die UHD mit der günstigeren Blu-ray Disc und der Streaming-Fassung zu vergleichen.

Bevor wir aber in Farben schwelgen und die neue Tonabmischung in Dolby Atmos beurteilen, beleuchten wir auf den folgenden Seiten die historische Bedeutung des Films und seine Brüche.

Ohne Frage gehört er zu den größten Meisterwerken der Filmgeschichte. Doch auch wenn die künstlerische Sonne hier im Zenit stand, werfen die Figuren und ihre Geschichte noch heute ihre Schatten in den Wüstensand. Denn die Produktion war damals Anfang der 60er Jahre durchaus politisch beeinflusst und Teil der kolonialen Geschichtsschreibung des britischen Empire. Dabei wurden manche historische Begebenheiten zugunsten einer Mythosbildung umgedeutet.

Die filmische Figur des T. E. Lawrence (gespielt von Peter O‘Toole) hat es tatsächlich gegeben. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Archäologe in Syrien und Mesopotamien, lernte Arabisch und studierte die Kultur. Während des Kriegs war er als Offizier des britischen Militärs im Hedschas und in Syrien im Einsatz. Als es 1916 zur sogenannten Arabischen Revolte haschemitischer Eliten und verbündeter Stämme gegen das Osmanische Reich kam, unterstützte Lawrence die Aufständischen. Ohne britisches Gold, Waffen und Nachschub wäre die Rebellion rasch versandet.

Seine Erfahrungen schrieb Lawrence nach Kriegsende in seinem literarischen Kriegsbericht „Die sieben Säulen der Weisheit“ nieder. In dem fast 900 Seiten langen Werk liefert er keine Heldensaga, sondern eine in großen Teilen selbstkritische und intellektuell reflektierte Abrechnung aus der Perspektive eines britischen Offiziers der damals größten Kolonialmacht der Welt.

Im Film nehmen die arabischen Stämme Lawrence als einen der ihren auf. Der reale Lawrence fühlte sich im Roman jedoch bis zum Schluss fremd und wurde vom Selbstzweifeln geplagt, weil er beim Betrug des Empires mitmachte.

(Bild: Sony)

Der Film formt diese Erfahrungen zu einer epischen Geschichte, die Lawrence zu einer geradezu mythischen Figur verklärt. Den politisch brisanten Hintergrund schiebt er dabei wie eine Kulisse in den Hintergrund. Lawrence haderte im Buch vorwiegend mit dem politischen Betrug Großbritanniens, das arabischen Führern Unabhängigkeit in einem eigenen Staat in Aussicht stellte, während es im Hintergrund längst andere Pläne verfolgte.

Denn bereits 1916 schlossen die Briten mit Frankreich einen geheimen Pakt über die Nachkriegsordnung. Im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen teilten beide Länder die osmanischen Gebiete untereinander auf und speisten die arabischen Verbündeten mit Resten ab.

Der im Film von Alec Guinness gespielte Faisal ibn Hussein wurde 1920 kurzzeitig als König von Syrien proklamiert, von französischen Truppen vertrieben und 1921 von den Briten als König des Irak installiert. Der Traum eines eigenständigen arabischen Großreichs wurde damit begraben.

Für den Dreh des Films ist primär Faisals Bruder Abdallah entscheidend. Er wurde 1921 von den Briten als Emir von Transjordanien eingesetzt, 1946 zum König erhoben und 1951 ermordet. Sein Enkel Hussein I. regierte Jordanien ab 1952 und unterstützte Columbia Pictures beim Dreh in der Wüste seines Landes.

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Dass ein Film über die Arabische Revolte im Staat der Haschimiten entstand, der aus der britischen Nachkriegsordnung hervorging, ist also kein Zufall. Der Film legitimiert rückblickend die führende Rolle dieser Dynastie, während andere relevante Akteure der Revolte aus der Erinnerung radiert wurden.