Auf Apples Spuren: Pico kündigt Spatial-Betriebssystem und Premium-VR-Brille an

Die ByteDance-Tochter Pico stellt ein VR-Betriebssystem vor, das stark an visionOS erinnert. Passende Hardware kommt dieses Jahr und dürfte teuer werden.

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Schwebende 2D-Fenster und 3D-Modelle im realen Büro zeigen räumliches Multitasking und App-Dock von Pico OS 6.

Pico OS 6 orientiert sich bei Funktionalität, Ästhetik und Interaktionsmodell an visionOS.

(Bild: Pico)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Der VR-Brillenhersteller Pico hat im Rahmen einer YouTube-Ankündigung Pico OS 6 vorgestellt. Das neue Betriebssystem basiert auf einer Architektur, die neben fensterförmigen 2D-Apps auch mehrere 3D-Anwendungen gleichzeitig im Raum darstellen kann. Ein räumliches Multitasking-Konzept dieser Art hatte erstmals Apple 2024 mit visionOS eingeführt.

Pico kündigte zudem eine neue VR-Brille für 2026 mit dem internen Codenamen „Project Swan“ an, jedoch ohne das Gerät zu zeigen oder im Detail vorzustellen. Genannt wurden lediglich erste Eckdaten zum Display und eingesetzten Chips. Unklar ist, ob Pico OS 6 ausschließlich für dieses Headset vorgesehen ist oder auch ältere Pico-Geräte unterstützen wird. Die letzte VR-Brille des Unternehmens ist die 2024 erschienene Pico 4 Ultra.

Orientierte sich Pico beim UI-Design bisher stark an Meta, war für Pico OS 6 nun offensichtlich visionOS maßgeblich: Die neue Designsprache nutzt halbtransparente, lichtadaptive Oberflächen, die eindeutig von visionOS inspiriert sind. Auch bei der Eingabe folgt Pico Apple und setzt auf ein Interaktionsmodell aus Blickerfassung und Pinch-Geste. Zusätzlich werden die bisherigen Pico-Controller sowie die Pico Motion Tracker für Ganzkörpererfassung unterstützt. Für Produktivitätszwecke lassen sich Maus und Tastatur koppeln.

Das neue Betriebssystem unterstützt Android, OpenXR, WebXR, das Streaming von PC-VR-Inhalten und ist abwärtskompatibel zur bereits bestehenden App- und Spielebibliothek des Pico-Ökosystems.

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Die Entwicklung von 3D-Apps möchte Pico möglichst einfach gestalten: Statt räumliche Oberflächen und Interaktionen selbst zu programmieren, greifen Entwickler auf vorgefertigte UI-Bausteine zurück. Platzierung im Raum, Lichtanpassung und Eingabelogik übernimmt das Betriebssystem. Für Mixed Reality stellt Pico OS 6 Funktionen wie Szenenerkennung, Meshing, semantische Klassifizierung und persistente Verankerung virtueller Objekte bereit. Mit Picos Open-Source-Framework „WebSpatial“ lassen sich zudem 3D-Web-Apps mit HTML, CSS und React erstellen und neben 2D- und 3D-Anwendungen im Raum verankern. Laut Pico ist das Framework plattformübergreifend angelegt und soll auch auf PC, Mobilgeräten sowie anderen Spatial-Systemen wie visionOS oder Android XR laufen.

Das auf Kotlin basierende Pico Spatial SDK steht ab sofort für Entwickler bereit.

Parallel zu Pico OS 6 kündigte das Unternehmen ein neues „Flaggschiff-Gerät“ für 2026 an, auf dem das Betriebssystem laufen soll. Die vollständige Vorstellung von Project Swan soll später folgen, erste technische Eckdaten hat Pico jedoch bereits genannt.

So soll die VR-Brille wie Apple Vision Pro und Samsung Galaxy XR hochwertige OLED-Mikrodisplays nutzen. Laut Pico erreicht das Gerät durchschnittlich 40 Pixel pro Grad, was für pixelfreie Bilder und scharfen Text sorgen sollte. Zum Vergleich: Apples Vision Pro kommt Schätzungen zufolge auf rund 34 PPD und Samsungs Gerät hat eine vergleichbare Pixeldichte.

Da die OLED-Mikrodisplays die teuerste Komponente der Apple Vision Pro sind, dürfte auch Project Swan im oberen Preissegment liegen, sich also in erster Linie an Enthusiasten und Unternehmen richten. Damit vollzieht Pico auch bei der Hardware einen Kurswechsel: War die Pico 4 Ultra noch als Rivalin der Quest 3 positioniert, richtet sich Project Swan an deutlich anspruchsvollere Nutzergruppen.

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Für die Sensordatenverarbeitung und Passthrough-Darstellung der Umgebung hat Pico einen eigenen Chip entwickelt, der die Latenz auf rund 12 Millisekunden senken soll. Den gleichen Wert gibt Apple für die Vision Pro an, die dafür ebenfalls einen dedizierten Koprozessor einsetzt. Als Hauptrecheneinheit nutzt Pico laut eigenen Angaben einen neuen „Flaggschiff-SoC“, der die CPU- und GPU-Leistung gegenüber dem aktuellen Snapdragon XR2 Gen 2 mehr als verdoppeln soll. Dieser ältere Chip kam erstmals in der Meta Quest 3 (2023) zum Einsatz und treibt auch Pico 4 Ultra (2024) an. Eine höher getaktete Variante (Snapdragon XR2+ Gen 2) steckt in Samsung Galaxy XR (2025). Pico verweist offenbar bereits auf Qualcomms nächste XR-Chip-Generation, die noch nicht angekündigt ist und daher namentlich nicht erwähnt wird.

Das Aussehen des Geräts hält Pico noch unter Verschluss. Laut Gerüchten könnte Project Swan Prozessor und Batterie in eine externe Recheneinheit auslagern und so einen besonders leichten und kompakten Formfaktor erreichen. Ein ähnliches Konzept soll auch Meta für die nächste VR-Brille verfolgen.

Spannend wird auch die Frage sein, ob Pico das Gerät in den USA auf den Markt bringen wird. Bislang ist dort kein anderes Headset des Herstellers erschienen. Wahrscheinliche Gründe sind Metas starke Marktposition sowie anhaltende sicherheitspolitischen Debatten um TikTok, das der Pico-Mutter ByteDance gehört.

(tobe)