Googles Waymo wagt den Sprung nach Europa: Robotaxi-Testlauf in London

Googles Robotaxi-Tochter Waymo wagt den Sprung nach Europa. Sie lotet im engen Straßendickicht Londons die Grenzen von KI-Systemen sowie der Stadtpolitik aus.

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(Bild: Michael Vi/ Shutterstock-com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Ein Vorhaben aus dem Hause Google gleicht einer globalen Reifeprüfung: Die Stadtverwaltung von London arbeitet seit Jahrzehnten mit Nachdruck daran, die Anzahl der Autos in der Innenstadt zu reduzieren. Doch Waymo schickt nun just dort eine neue Flotte auf die Straße. Die Google-Tochter, die in zehn US-Städten bereits zum urbanen Bild gehört, hat mit der detaillierten Kartierung der britischen Metropole begonnen.

Ein Pilotprojekt im Frühjahr soll den Weg für einen öffentlichen Rollout noch in diesem Jahr ebnen. Für Waymo steht dabei mehr auf dem Spiel als nur ein neuer Markt. Da in ganz Europa bisher kein kommerzieller Robotaxi-Dienst existiert, fungiert London als Testbett und prestigeträchtige Bühne. Bestehe die Technologie hier, schreibt Politico in seinem Newsletter Forecast, beschleunige das die Expansion selbstfahrender Shuttles auf den gesamten Kontinent.

Die Herausforderung ist groß: London ist kein gewöhnliches Pflaster für autonome Systeme. Bisherige Einsätze außerhalb der USA oder Chinas fanden oft unter vergleichsweise einfachen Bedingungen statt, etwa auf den breiten, modernen Boulevards in Golf-Staaten oder in Singapur. Die britische Hauptstadt ist dagegen ein historisch gewachsenes Labyrinth.

Was für menschliche Fahrer lediglich eine Umstellung beim Lenken bedeutet, scheint für die KI zunächst auch nur ein kleiner neuer Teil der Gleichung zu sein. Die wahre Schwierigkeit liegt Politico zufolge aber in der Unvorhersehbarkeit der über Jahrhunderte gewachsenen Infrastruktur. Es gibt dort kein strenges Schachbrettmuster wie in San Francisco. Stattdessen münden im Mittelalter angelegte Gassen in unübersichtliche Kreisverkehre. Lieferfahrräder tauchen an Stellen auf, die keine Simulation perfekt vorhersehen kann. Zudem fehlen strikte Gesetze gegen das unachtsame Überqueren der Fahrbahn durch Fußgänger, was die Komplexität der Grenzfälle weiter erhöht.

Waymo begegnet diesem Chaos mit einem stufenweisen Ansatz. Der Google-Ableger setze auf manuelles Mapping, überwachte Testfahrten und spezielle Fahrten für Mitarbeiter, heißt es bei Politico. Dieses Verfahren solle helfen, Erfahrungen aus über 200 Millionen gefahrenen Meilen in den USA zu ergänzen. Die Firma hoffe zudem auf Synergieeffekte: Die Navigation durch den dichten Nebel San Franciscos etwa könne sich direkt auf Londoner Wetterverhältnisse übertragen lassen. Zudem liefere die Kartenerstellung in Tokio bereits wertvolle Erkenntnisse außerhalb der US-Infrastruktur.

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Dennoch bleibt London ein Unikum. In den USA ist das Auto oft Teil der Identität der Bürger. In London verfolgt die Politik dagegen das Ziel, 80 Prozent aller Wege ohne Auto zurückzulegen. Kritiker geben zu bedenken, dass fahrerlose Autos ohne Passagiere die verhassten Staus sogar noch verschlimmern könnte. Waymo hält dagegen und positioniert sich als Partner der Stadtplanung. Im Vordergrund stehe, Lücken im öffentlichen Nahverkehr zu schließen und die Verkehrssicherheit zu erhöhen.

Gerade beim Thema Sicherheit legt das Unternehmen Wert auf Transparenz und veröffentlicht seine Daten regelmäßig. Das gilt auch als Seitenhieb gegen die verschwiegenere Konkurrenz aus China mit Konkurrenten wie Baidu. Doch die Messlatte in Großbritannien liegt hoch, da das Land bereits zu den sichersten Verkehrsräumen der Welt gehört. Politisch hat die britische Regierung mit dem Automated Vehicles Actvergleichbar zu Deutschland – zwar bereits einen rechtlichen Rahmen für autonomes Fahren geschaffen. Aber viele Detailbestimmungen sollen erst 2027 finalisiert sein – lange nach dem vorgesehenen Start der Waymo-Autos.

Der Erfolg in London wird zudem maßgeblich davon abhängen, wie die Stadt den menschlichen Faktor einberechnet. Als Uber vor über zehn Jahren startete, zog die Plattform viele Migranten und Geringverdiener an, die auf bessere Bezahlung hofften. Heute klagen Gewerkschaften über Stundenlöhne weit unter dem Mindestniveau. Die Angst vor einer Flotte, die keine Ruhezeiten benötigt, schürt in diesem Umfeld weitere soziale Spannungen.

So fehlen Konzepte für den Übergang der rund 120.000 Mietwagenfahrer, deren Existenz durch die Automatisierung bedroht ist. Zudem trifft die neue Technik auf eine gespaltene Landschaft aus App-Fahrern und traditionellen Besitzern von Taxis, den sogenannten Black Cabs. Wie London diesen Konflikt löst, könnte zur Blaupause für andere europäische Metropolen wie Berlin, Paris oder Madrid werden, in die ebenfalls Robotaxis einziehen sollen. In London entscheidet sich so nicht nur, ob die KI mit engen Kurven klarkommt, sondern ob sie einen Platz in europäischen urbanen Zentren findet.

(nen)