Textil mit "Hardware": Patent fĂŒr Nieten-Jeans wird 150 Jahre
(Bild: Levi Strauss & Co. Archives)
Chemieeinsatz, Ăkobilanz und schlechte Arbeitsbedingungen: Die Geschichte der Jeans ist nicht blĂŒtenrein, dennoch erfreut sie sich bis heute groĂer Beliebtheit.
Die erste Jeans der Welt hatte das, was man heute Boyfriend-Style nennt. Sie war lĂ€ssig und weit geschnitten, zudem durchaus "öko", da langlebig und rein pflanzlich gefĂ€rbt. Getragen wurde sie allerdings nicht von einem coolen Cowboy mit Kippe im Mundwinkel â wie die Mehrheit in einer Umfrage im Bekanntenkreis dachte â, sondern von einem GoldgrĂ€ber.
Die Geschichte begann in den USA des 19. Jahrhunderts: Hunderttausende Amerikaner zogen gen Westen, um in Kalifornien Goldklumpen zu sammeln. Nur die wenigsten machten den groĂen Reibach, im Gegensatz zu vielen HĂ€ndlern, die die Arbeiter mit dem Nötigsten versorgten. Einer von ihnen war Levi Strauss, laut Geburtsurkunde "Löbi" mit Vornamen. Er war Einwanderer aus dem bayerischen Buttenheim. In San Francisco verkaufte er unter anderem ZahnbĂŒrsten, Knöpfe und Stoffe, aus denen Kleidung und Zelte geschneidert wurden.
(Bild:Â Levi Strauss & Co. Archives)
GoldgrÀber waren von der Langlebigkeit der Nietenhose begeistert
Eines Wintertages in den 1870er-Jahren besuchte ihn der lettische Schneider Jacob Davis aus Reno, Nevada, und prĂ€sentierte eine besonders robuste Hose. In die Ecken der TaschennĂ€hte hatte Davis Metallnieten eingehĂ€mmert und auch in die NĂ€hte am Schritt des Beinkleids. Die GoldgrĂ€ber waren von der Langlebigkeit der Nietenhose begeistert. In kĂŒrzester Zeit war die Hose so gefragt, dass Davis mit der NĂ€herei nicht mehr hinterherkam. Nun wollte er StrauĂ als Investor ins Boot holen â und der war einverstanden.
Das US-Patent, das die Nieten-Idee schĂŒtzen sollte, trĂ€gt die Nummer 139121 und wurde am 20. Mai 1873 erteilt. Dieser Tag gilt als Geburtsstunde der Jeans, die zunĂ€chst "Waist overall" hieĂ, auf Deutsch: "Taillen-Ăberall". Zum Arbeiten wurde sie einfach ĂŒbergezogen. Der Name Jeans entstand erst im 20. Jahrhundert und bezog sich auf die Stadt Genua, wo die Stoffe fĂŒr die Nietenhosen derzeit gehandelt wurden.
Ob Strauss und Davis auf ihre Erfindung angestoĂen haben, ist nicht ĂŒberliefert. Der Anlass hĂ€tte es, zumindest rĂŒckblickend, auf jeden Fall hergegeben. Denn nach den GoldgrĂ€bern fanden auch Farmer, HolzfĂ€ller und Cowboys Gefallen am robusten Beinkleid und die Begeisterung fĂŒr Jeans verbreitete sich weiter. Heute zĂ€hlt die blaue Baumwollhose fast ĂŒberall auf der Welt zu den beliebtesten KleidungsstĂŒcken, quer durch alle Gesellschaftsschichten.
Im Schnitt haben die Deutschen sieben Jeans-Modelle im Schrank
Auch Leviâs sind noch immer zu kaufen. Weltweit werden rund 60 Jeans pro Sekunde produziert. Die Deutschen haben ĂŒbrigens im Schnitt sieben Modelle im Schrank, ob mit geradem Bein oder Schlag, ĂŒbergroĂ oder so eng, dass man kaum rein-, geschweige denn wieder rauskommt, mal hĂŒfttief geschnitten, mal hoch bis zur Taille, und Jeans, die schon vor dem ersten Tragen durchlöchert sind: aus Erfindersicht sicherlich ein Irrsinn.
Doch zurĂŒck zu den AnfĂ€ngen: Der Siegeszug der Jeans ist nicht nur den Nieten zu verdanken, sondern auch den blau gefĂ€rbten BaumwollfĂ€den, die mit originĂ€r weiĂen verwebt werden und dann eine Flecken verzeihende Mischfarbe ergeben. Das typische Jeansblau, das sich zwar mechanisch, aber nicht beim Waschen abnutzt, wurde in den ersten Jahrzehnten aus den BlĂ€ttern der Indigopflanze gewonnen. Dies allerdings oft unter brutalen Bedingungen. Denn amerikanische Produzenten missbrauchten Sklaven und deren Indigo-Kenntnisse aus Afrika fĂŒr Anbau und Produktion.
Es ist nicht der einzige Schandfleck in der Geschichte der Jeans. Schlechte Arbeitsbedingungen und UmweltsĂŒnden bei der Produktion sorgen immer wieder fĂŒr Schlagzeilen. Unter anderem, weil auch das heute verwendete synthetische Indigo TĂŒcken hat: In der Regel wird es aus der giftigen und krebserregenden Chemikalie Anilin hergestellt, und das giftige Abwasser der Textilfabriken landet nicht selten auf Feldern und in FlĂŒssen. AuĂerdem verschlingt die Jeansproduktion Unmengen an Wasser, rund 7500 Liter pro Hose. Auch der Pestizideinsatz beim Baumwollanbau schadet der Umwelt.
Immerhin: Manche Unternehmen steuern langsam um. Start-ups bieten zudem pflanzengefÀrbte Jeans aus Bio- oder recycelter Baumwolle an. Und man kann Jeans heutzutage sogar leasen, um Wiederverwendung und Recycling zu optimieren. Was die VÀter der Jeans, Strauss und Davis, wohl davon gehalten hÀtten?
(anh [10])
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