Digitale Lesemonster

Die ersten Magazine fĂĽr Apples Wundertablett sind verfĂĽgbar. So richtig optimal sind sie aber noch nicht.

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Erst einmal die gute Nachricht für die traditionelle Verlagsbranche: Offenbar gibt es durchaus zahlreiche Nutzer, die bereit sind, für digitale Zeitschrifteninhalte zu bezahlen. Mehr als 24.000 Exemplare der iPad-Version von "Wired" wurden innerhalb der ersten 24 Stunden verkauft – dabei kostete eine einzige Ausgabe mit 4,99 Dollar genauso viel wie gedruckt am Kiosk sowie deutlich mehr als im Print-Abo.

Noch ist völlig unklar, welche Gründe dieser Erfolg hatte und ob er sich auch bei den nächsten Ausgaben halten wird. Gut möglich, dass sich viele Kunden einfach nur ein Bild machen wollten (Apples Software-Laden verleitet zu Impulskäufen); außerdem wurde das Heft wegen seines guten iPad-Designs vielfach gelobt und die Gadget-orientierte Zielgruppe von "Wired" passt einfach gut zum iPad. Nichtsdestotrotz ist diese Entwicklung für die Verlage vielversprechend – und sie dürfte dazu beitragen, dass weitere ähnliche Experimente starten.

Und trotzdem, so schick die iPad-"Wired"-Ausgabe auch ist, sie bringt einige interessante Fragestellungen mit sich – und Probleme. So ist das Heft, das in Zusammenarbeit mit dem Design-Software-Spezialisten Adobe entstand, erstaunlich voluminös: Schlappe 500 Megabyte pro Ausgabe. Offensichtlich wird hier entweder massiv mit Bildern gearbeitet oder der Multimedia-Anteil verschlingt derart viel Platz, dass dafür fast eine CD herhalten müsste. Wirklich zukunftsfähig ist ein solches digitales Lesemonster jedenfalls nicht: Geht man einmal vom billigsten iPad mit 16 Gigabyte aus, auf dem der durchschnittliche Anwender neben dem Betriebssystem erste Anwendungen, Musik und Filme installiert hat, bleiben vielleicht 12 GB Platz für solche Inhalte. Der Platz wäre mit zwei Jahrgängen "Wired" bereits belegt.

Und dann ist da noch die Werbung. Zwar ist die "Wired"-iPad-Version in diesem Bereich recht interaktiv, bietet zum Beispiel Videos und anderen Schnickschnack statt statischer Reklame, frustfrei ist sie aber nicht. So sorgt das aktuell platzierte Werbe-Volumen dafür, dass man erst einmal viele, viele Seiten virtuell wegblättern muss, bevor man an die echten Inhalte gelangt. Ein gewöhnlicher Internet-Nutzer wird so etwas nicht lange mitmachen. Außerdem fehlen schlichte Standards digitaler Texte: Cut & Paste ist abgedreht und auch andere Elemente der Offenheit, die man aus dem Web kennt, fehlen.

Fazit: Die digitale "Wired"-Ausgabe dürfte, weil das Originalheft stets das Image des Futurismus umweht, durchaus wichtig für die digitale Zeitschriftenzukunft sein. So, wie sich das Blatt derzeit präsentiert, ist aber noch viel zu tun. 500 MB für eine Ausgabe ist viel zu viel. Über den Preis lässt sich ebenso streiten – auch wenn er ein hübsches Statement dafür ist, dass man für Inhalte bezahlt, nicht für totes Holz. Mal sehen, wie gut z.B. die digitalen Ausgaben von "Spiegel" und "Welt" laufen. (bsc)