Unfreundliche Netzverknappung
In den USA hat nun auch der iPhone-Anbieter AT&T damit begonnen, Pauschaltarife abzuschaffen. Die Begrenzungen, die die Mobilfunk-Provider in ihre Netze einbauen, könnten sich als Innovationskiller erweisen.
In den USA hat nun auch der iPhone-Anbieter AT&T damit begonnen, Pauschaltarife abzuschaffen. Die Begrenzungen, die die Mobilfunk-Provider in ihre Netze einbauen, könnten sich als Innovationskiller erweisen.
Jeff Jarvis ist sauer. Der Web 2.0-Experte und Ex-Journalist hat gerade von den neuen Tarifen des amerikanischen iPhone-Monopolisten AT&T erfahren. "Der Service von AT&T ist Schrott. (...) Und AT&Ts Antwort auf dieses geschäftliche Kernproblem ist nicht, es zu lösen, indem sie in ein besseres Netz investieren. Nein, die Antwort ist, die Preise so zu ändern, dass man das Angebot weniger nutzt." Das sei "zynisch", so Jarvis in seinem Blog, ja, sogar "böswillig".
Was war geschehen? AT&T hatte sich in dieser Woche entschlossen, seinen Datentarif für Apples Multimedia-Handy erstmals seit Verkaufsstart zu beschränken. Statt "unendlich" darf man das Netz in den USA künftig nur noch mit 2 Gigabyte (GB) im Monat belasten, für mehr werden zehn Dollar pro zusätzlichem GB fällig. Für Menschen in Europa ist eine solche Beschränkung nichts Neues: Wer in Deutschland ein iPhone vom hiesigen offiziellen Alleinanbieter Telekom erwirbt, muss für 60 Euro im Monat mit 1 GB auskommen, bevor das mobile Internet in einen kaum mehr benutzbaren Langsam-Modus geschaltet wird. Selbst im nächsthöheren Tarif für volle 90 Euro sind nur 5 GB drin – dafür aber 1200 Telefonminuten, die die wenigsten Nutzer heutzutage noch brauchen dürften.
Telekom und AT&T sind keinesfalls Einzelfälle in der Mobilfunkwelt. Egal, in welches entwickelte Land man auch fährt, fast überall auf der Welt beschränken Netzbetreiber den Umfang der im Monat herunterladbaren Daten oder lassen sich diese Kilo- oder Megabyte-weise fürstlich belohnen. Noch machen die Nutzer das mit – auch, weil Smartphones noch immer nicht bei der Mehrzahl der Bevölkerung angekommen sind und die meisten Menschen weiterhin vor allem telefonieren oder SMS verschicken. Doch das dürfte sich bald ändern: Kein Segment im Mobilfunkbereich wächst stärker, neue Geräteklassen wie Tablet-PCs mit eingebautem Drahtlosempfang beschleunigen die mobile Multimedia-Durchsetzung weiter.
Während im Festnetz-Internet auch dank Festhalten an der Netzneutralität bandbreitenintensive Innovationen von HD-Videos auf YouTube bis zum actionreichen Online-Rollenspiel kein Problem darstellen, hinkt das Mobilnetz hinterher. Die GB-Beschränkungen sind dabei auch deshalb fatal, weil sie den Netzbetreibern wie AT&T nun in den USA die Möglichkeit geben, den drahtlosen Datenverkehr zu regulieren, als sei dieser nicht Ausdruck unserer modernen Welt, sondern ein rares, knappes Gut. Gleichzeitig fehlt den Anbietern der explizite Impetus, ihren Netzausbau schnell voranzutreiben – auch, weil es in den meisten Ländern noch immer nur eine Handvoll Carrier gibt, die den Markt beherrschen.
In den USA hatten sich – auch aufgrund der fehlenden Beschränkung bei AT&T – zuletzt neue Nutzungsmuster im Bereich Streaming etabliert. Mit der Software "SlingPlayer" war es beispielsweise möglich, sich sein Fernsehprogramm aus dem Wohnzimmer auch unterwegs anzusehen. Pandora, ein Online-Radio-Dienst mit hoher Tonqualität, verzeichnete unterdessen auf dem iPhone immer neue Nutzungsrekorde.
Der Bedarf nach mehr Daten dürfte auf dem Apple-Handy, das als wichtigster Treiber beim mobilen Datenverkehr gilt, weiter wachsen: Mit der neuen Betriebssystem-Version 4.0, die der Hersteller noch im Sommer veröffentlichen will, sind erstmals Streaming-Anwendungen im Hintergrund und ständig erreichbare Internet-Telefonie-Anwendungen möglich. Dabei werden immer mehr Nutzer an die vom Netzbetreiber nun eingezogene Decke stoßen, wie man sie aus Europa längst kennt.
Der Regulierer – in Deutschland die Bundesnetzagentur, in den USA die Federal Communications Commission – muss sich deshalb möglichst bald die Frage stellen, ob es nicht an der Zeit wäre, die mobilen Datennetze als das zu behandeln, was sie sind: unverzichtbare Informationsautobahnen, auf denen Innovationen nur dann weiter aufbauen können, wenn nicht ständig mit angezogener Handbremse gefahren werden muss.
Noch traut sich das allerdings niemand. "Hey FTC", schreibt AT&T-Opfer Jarvis deshalb flehentlich an die US-Handelsaufsicht gerichtet, "warum findest Du nicht endlich heraus, wie man echten Wettbewerb in der Mobilfunkindustrie schafft?" Das Thema gehört nicht nur in Amerika auf die Agenda. (bsc)