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Technische Aspekte, Sicherheit, Energieffizienz oder gar gesellschaftliche Vorgaben für den künftigen Energiemix spielen bei der Frage der Laufzeitverlängerung von AKWs offenbar keine Rolle. Es geht nur um drei Punke: Geld, Geld und Geld.
Im Rahmen meiner kleinen Serie „Auf Du und Du mit der Atomwirtschaft“ möchte ich heute auf ein Interview verweisen, das der Kollege Andreas Mihm für die FAZ mit dem Präsidenten des Deutschen Atomforums, Dr. Ralf Güldner geführt hat. Es geht – natürlich – um die Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke, an der die Industrie natürlich verschärft interessiert ist, und über die in der Politik derzeit heftig gerungen wird. In der Diskussion sind Laufzeitverlängerungen um bis zu 28 Jahre – das macht zusammen mit der bisher vereinbarten maximalen Laufzeit von 32 Jahren 60 Jahre.
Ich weiĂź, dass klingt wenig ĂĽberraschend. In den USA sind 60 Jahre genehmigte Laufzeit fĂĽr viele Reaktoren bereits Fakt. FĂĽr mich verblĂĽffend ist aber, wie unverblĂĽmt offen GĂĽldner ĂĽber die wirklich wichtigen Punkte spricht, die zur Zeit in Berlin diskutiert werden: Geld, Geld und Geld.
„Eine weitere Vertagung“ (der Laufzeitverlängerung), fragt beispielsweise der FAZ-Kollege, „würde dazu führen, dass die älteren Meiler Neckarwestheim und Biblis A endgültig abgeschaltet werden müssen?"
„Je länger die Debatte weitergeht, desto länger hält die Unsicherheit an“, antwortet Güldner. „Je früher wir Klarheit haben, desto besser ist es. Das trifft vor allem auf jene zu, die ihre Reststrommengen bald verbraucht haben.“
„Laufzeiten sind nur ein Facette“, legt Mihm nach. „Es geht auch um die Beteiligung des Staates an den Mehrerlösen bei längeren Laufzeiten.“
„Wie viele Dinge bei der Laufzeitverlängerung hat auch der Vorteilsausgleich bei einer Laufzeitverlängerung mehrere Facetten“, entgegnet Güldner. „Zum Beispiel: Wie wird der Vorteil überhaupt berechnet? ... Klar, je länger die Laufzeit, desto größer die finanziellen Effekte für alle. Ein anderer wichtiger Punkt: Ab wann würde so eine Regelung greifen? ... Wer Finanzvorteile bereits heute genießen will, die erst im Jahre 2020 oder später erwirtschaftet werden, kann die Notwendigkeit einer entsprechenden Abzinsung und die Frage der Rechtssicherheit nicht ignorieren.“
Im Klartext: In der Laufzeitverlängerung steckt jede Menge Geld. Aber da das jüngste Kraftwerk 1989 ans Netz ging, ergibt sich bisher als rein rechnerisches Enddatum 2021 für den vollständigen Atomausstieg. Der Staat braucht aber genau jetzt jede Menge Geld. Da ergeben sich jede Menge Verhandlungsoptionen, die jedem aufrechtem Ferengi die Glückstränen in die Augen treiben könnten. Technische Aspekte, Sicherheit, Energieffizienz oder gar gesellschaftliche Vorgaben für den künftigen Energiemix spielen bei der Frage der Laufzeitverlängerung offenbar keine Rolle. Wahlweise – je nach politischem Standpunkt und persönlichem Grad der eigenen Abgebrühtheit – kann man das für eiskalt rational halten, oder aber für wahnsinnig und skandalös.
„Es genügt nicht, die Techniker im Bedarfsfall als Berater aus ihren Programmierstuben zu holen“, schreibt der Kollege Jürgen Kuri lustigerweise in der selben Ausgabe der FAZ. „Der Techniker hat die gesellschaftliche Aufgabe, die Fähigkeiten der algorithmischen Entscheidungsberatung transparent zu machen; die Gesellschaft hat die Aufgabe, die Algorithmen nicht nur mit Skepsis zu betrachten, sondern ihre Fehler und Unzulänglichkeiten zu verstehen.“ Recht hat er. Das gilt nicht nur für Computer und Software, sondern für Technik im Allgemeinen. Auch die, die unsere Energieversorgung sichert. (wst)