Neulich im ICE
Wer bin ich, und wie habe ich bezahlt? Das Online-Ticket-System der Bahn versteht bei den Antworten keinen Spaß – auch wenn es sich irrt.
- Niels Boeing
Viele Bundesbürger sind der Bahn in einer Art Hassliebe zugetan. Einerseits sind sie überzeugt davon, dass Bahnfahren umweltverträglicher und bequemer ist. Andererseits haben sie regelmäßig Erlebnisse, die sie längst zur Konkurrenz hätten überlaufen lassen, wenn es denn auf der Schiene eine gäbe (jedenfalls im Fernverkehr).
Ich hatte erst am vergangenen Wochenende das Vergnügen, mich zu wundern – dieses Mal über das Online-Ticket-System. Als meine Freundin und ich unsere Ausdrucke vorzeigten, beschied ihr die Schaffnerin, ihr Ticket sei ungültig. Nein! Doch! Die letzten Ziffern der Kreditkarte, die im Online-Account als Identifikation eingetragen ist, würden nicht mit denen der vorgezeigten Kreditkarte übereinstimmen.
Offensichtlich hatte meine Freundin, die nur selten Bahn fährt, vergessen, ihre Kreditkarte in den Kundendaten zu aktualisieren. Denn die war ihr sechs Wochen zuvor geklaut worden. Im Online-Ticket-System der Bahn war also noch eine seit Wochen gesperrte Kreditkarte eingetragen – was aber das System nicht daran hinderte, die Fahrkarte auszustellen.
Wir versuchten nun, der Schaffnerin den Sachverhalt zu erklären und boten an, zusätzlich einen Personalausweis als Identifikation zu zeigen. Aber es half natürlich nichts – die Fahrkarte blieb ungültig. Eine Personalausweisnummer sei schließlich nicht hinterlegt. So seien nun einmal die Vorschriften, versicherte sie uns.
Nun versuche ich mir einen Reim auf das Ganze zu machen.
Erstens prüft das Online-Ticket-System offensichtlich nicht immer vor einem Fahrkartenkauf, ob die aktuellen Zahlungsdaten noch gültig sind. Das ist nicht nur problematisch für die Bahn, sondern auch für den Kunden. Denn hätte theoretisch an unserer Stelle eine andere Person mit der gesperrten Karte da gesessen (die allerdings in Griechenland gestohlen wurde), wäre sie glatt durchgekommen. Aufs Gesicht kommt es ja nicht an.
Das wirft zweitens die Frage auf, warum die Bahn solch ein seltsames Identifizierungssystem verwendet. In den Voreinstellungen für den Online-Ticket-Kauf muss sich ein Kunde für genau eine von vier Optionen entscheiden: Bahncard, Kreditkarte, EC-Karte oder Personalausweis. Hat er aus Versehen das entsprechende Dokument nicht mit, kann er sich auf die Hinterbeine stellen – eine Backup-Identifizierung ist nicht vorgesehen.
Auch nicht mit einem Personalausweis, der sonst in allen zivilen Angelegenheiten dieser Republik fĂĽr genau diese Funktion vorgesehen ist.
Bei der Bahn ist zu erfahren, dass das hinterlegte Dokument untrennbar mit der Authentifizierung des Online-Tickets verknĂĽpft ist. Also mit diesem grauen Knochen, mit denen die Schaffner das Barcode-Feld des Fahrkartenausdrucks einscannen.
Komisch nur, dass die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) zwar auch einen Barcode auf dem Ausdruck nutzen, ein Passagier aber seine Identität mit jedem amtlichen Ausweisdokument – inklusive Führerschein, wie die SBB sagt – belegen kann. Eine Systemverknüpfung zwischen der Überprüfung, ob der Fahrschein echt (und noch gültig) ist, und der Überprüfung, ob der Passagier echt ist, gibt es dort also nicht.
Im alten Metropolitan, der von 1999 bis 2004 zwischen Hamburg und Köln verkehrte, hatte man diese Aufgabe noch einfacher gelöst. Man musste erst gar keinen Fahrschein ausdrucken, sondern dem Schaffner, der die Buchung in seinem System hatte, nur ein Ausweisdokument zeigen.
Gute IT-Systeme sind einfache IT-Systeme. Barocke IT-Systeme sind fehleranfällig und kundenunfreundlich. Das Online-Ticket-System der Bahn ist barock. Höchste Zeit, es grundlegend zu entrümpeln.
(nbo)