Debatte um Karenztag: Vor allem die eAU sorgt für Rekord bei Krankenstand
Wegen des hohen Krankenstands in Deutschland schlägt der Allianz-Chef einen unbezahlten Karenztag vor. Doch es ist wohl eher die eAU, die die Zahlen hochtreibt.
(Bild: Lenar Nigmatullin/Shutterstock.com)
- Axel Kannenberg
- mit Material der dpa
Mit seinem Vorschlag, einen unbezahlten Karenztag bei Krankmeldung einzuführen, hat Allianz-Chef Oliver Bäte für eine deutschlandweite Debatte über den hohen Krankenstand gesorgt. Laut der Bundesärztekammer und einer neuen Studie geht der Rekordstand bei den Krankmeldungen aber hauptsächlich auf die elektronische Krankmeldung (eAU) sowie auf verstärkte Infektionswellen zurück. Bei den Fehltagen gab es erstmals von 2021 auf 2022 einen sprunghaften Anstieg um fast 40 Prozent, wie die neue Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit zeigt. Bei dem damals eingeführten Meldesystem gehen die Arzt-Atteste zur Arbeitsunfähigkeit automatisch bei den Krankenkassen ein.
Auch Ärztepräsident Klaus Reinhardt bekräftigte gegenüber der dpa, in der Statistik seien die Krankschreibungen mit Einführung der elektronischen Krankschreibung (eAU) 2021 auf einen Schlag in die Höhe gegangen. Heute gebe es eine Erfassung sämtlicher Krankschreibungen zu 100 Prozent. "Die hatten wir bis zur Einführung der eAU nicht, weil der Versicherte (...) den Zettel, der an die Krankenkasse ging, häufig gar nicht weggeschickt hat, sondern nur den, der an seinen Arbeitgeber ging."
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Laut der DAK-Analyse zum deutschen Rekordkrankenstand beträgt der Meldeeffekt – je nach Diagnose – rund 60 Prozent und mehr. "Ein Drittel der zusätzlichen Fehltage ergibt sich seit 2022 zudem durch verstärkte Erkältungswellen und Corona-Infektionen", so die DAK weiter. Die neue Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung habe nicht zu vermehrten Fehltagen geführt und von einem verstärkten Blaumachen der Beschäftigten geht die DAK auch nicht aus. DAK-Vorstandschef Andreas Storm forderte vielmehr eine offene Debatte über die tatsächlichen Ursachen des Krankenstandes und warnt vor einer Misstrauenskultur in der Arbeitswelt.
Firmen verlangen Krankschreibung schon am ersten Tag
Von verstärktem Infektionsgeschehen, das den Krankenstand treibt, sprach auch Ärztepräsident Reinhardt. Von seinem Einsatz in einer Bielefelder Stadtteilpraxis, in der er seit seiner Amtsübernahme bei der Kammer in der Regel nur noch montags arbeitet, berichtete er: "Da waren richtig viele Menschen."
Viele seien darunter gewesen, "die eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung brauchten aufgrund eines relativ banalen Infektes". Die Patientinnen und Patienten seien deshalb am ersten Tag gekommen, "weil das die Arbeitgeber entsprechend verlangten". Dieser Effekt sei "künstlich gemacht", sagte Reinhardt. Insgesamt neigen die Menschen in Deutschland seiner Erfahrung nach nicht dazu, sich krankzumelden, obwohl sie eigentlich gesund sind, wie der Ärztepräsident sagte. Vielmehr gingen viele auch bei Bagatellerkrankungen zum Arzt. Viele Firmen verlangten eine Bescheinigung von dort schon am ersten Krankheitstag, meinte Reinhardt.
Der Trend zum Attest
Einen Trend zum ärztlichen Attest belegt auch die DAK-Studie. So hätten in einer aktuellen Befragung durch die Krankenkasse 63 Prozent angegeben, sich für eine Krankmeldung immer ein ärztliches Attest zu holen. 2015 seien es nur 53 Prozent gewesen. Zugleich würde aber nur ein Viertel der Beschäftigten nach eigener Aussage schon ab dem ersten Tag eine ärztliche Bescheinigung benötigen. Den Grund dafür sieht DAK-Chef Storm in einem zunehmenden Misstrauen der Arbeitgeber: "Die Beschäftigten holen sich ein ärztliches Attest, um nicht dem Verdacht ausgesetzt zu sein, sie würden ohne triftigen Grund der Arbeit fernbleiben."
Bereits vergangenen Oktober hatte auch das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) das deutsche Krankschreibeverhalten untersucht. Die Forscher beklagten, dass es in Deutschland keine einheitliche und repräsentative Datenbasis gebe, die Fehlzeiten nach Krankheitsdauer akkurat und vollständig erfasst. Als mögliche Gründe für den starken Anstieg seit 2022 führten sie die telefonische Krankschreibung, Covid-19, verändertes Fehlzeitenverhalten und eine verbesserte elektronische Datenübermittlung an. "Es gibt starke Anhaltspunkte, dass der Großteil des Anstiegs der Fehlzeiten auf eine bessere statistische Erfassung der Fehlzeiten zurückzuführen ist."
ITler melden sich weniger krank
Allianz-Chef Oliver Bäte hatte am Montag in einem Interview mit dem Handelsblatt vorgeschlagen, den in den 70er-Jahren in Deutschland abgeschafften Karenztag wieder einzuführen. So würden Arbeitnehmer die Kosten für den ersten Krankheitstag selbst tragen. Bäte hatte Deutschland als "Weltmeister bei den Krankmeldungen" bezeichnet und darauf verwiesen, dass deutsche Arbeitgeber pro Jahr 77 Milliarden Euro Gehälter für kranke Mitarbeiter zahlen. Zahlreiche Wirtschaftsexperten und Politiker reagierten allerdings eher skeptisch auf den Vorschlag, Beschäftigten für den ersten Krankentag die Lohnfortzahlung zu streichen. Sie verweisen auch auf mögliche Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland 2023 durchschnittlich 15,1 Arbeitstage krankgemeldet. Die DAK-Gesundheit weist für 2023 einen höheren Durchschnittswert aus: Demnach hatte weit über die Hälfte der DAK-Versicherten von Januar bis Dezember 2023 mindestens eine Krankschreibung, im Gesamtjahr waren es im Schnitt 20 Fehltage pro Kopf. Die große Ausnahme dabei: Angestellte in IT-Jobs. Sie seien mit nur 13,4 Tagen deutlicher Ausreißer nach unten gewesen.
(axk)