Auf der Jagd nach bösen Spinnen
Deutschland bleibt vor wirklich gefährlichen Arachniden zum Glück normalerweise verschont. Trotzdem können die Fadenspinner zu Störenfrieden werden: dann nämlich, wenn sie in großen Massen auftreten und Fassaden verschmutzen.
Deutschland bleibt vor wirklich gefährlichen Arachniden zum Glück normalerweise verschont. Trotzdem können die Fadenspinner zu Störenfrieden werden: dann nämlich, wenn sie in großen Massen auftreten und Fassaden verschmutzen.
Wer auf die Homepage dieser Hamburger Firma geht, könnte auf den ersten Blick meinen, hier ginge es um knochentrockene Unternehmensberatung: "Analyse, Aufklärung, Lösung", heißt es dort groß – und auch die einzelnen Menüpunkte wie "Über uns", "Philosophie", "Leistungen" oder "Wissenswertes" könnten bei jedem x-beliebigen Wirtschaftsunternehmen stehen. Der Name der Jungfirma macht dann allerdings unmissverständlich klar, dass es hier nicht um ein Kollektiv von Powerpoint-Junkies geht: SpiderSolutions heißt das Unternehmen und in ihm finden Biologen und Verhaltensforscher ihr Auskommen.
Das Spin-off des Biozentrums Grindel der Universität Hamburg wird von Prof. Dr. Jutta M. Schneider und Dr. Carsten Witt geleitet und beschäftigt sich mit einem ganz speziellen Thema: der Abwehr von Spinnen an Gebäuden. Insbesondere Larinioides sclopetarius, die Brückenkreuzspinne aus der Art der Radnetzspinnen, hat es den Experten dabei angetan – eine Population, die sich gegenüber fast alle Konkurrenten an wassernahen Gebäuden durchgesetzt hat.
Das invasive Tier macht es sich besonders gerne an schicken Brücken und Geländern, an Gebäudefassaden und Überdachungen gemütlich – und das im Sommer in enormer Stückzahl. Die weiblichen Brückenkreuzspinnen sind ganz schöne Brummer: Bis zu zwei Zentimeter Körperlänge erreichen sie, ihre Netze sind bis zu einem Meter groß. Die Spinnen sind sehr fruchtbar: Mit genügend Futter im Umfeld generiert ein einziges Exemplar über die Sommermonate Nachwuchs in vierstelliger Zahl, der wiederum selbst innerhalb weniger Wochen mit der Eiproduktion beginnt.
Die Achtbeiner spinnen ihre Netze dabei genau dort, wo man sie eigentlich nicht sehen will: am Wasser und direkt vor Beleuchtungen, die Insekten anlocken. Tagsüber verkriechen sich die Brückenkreuzspinnen zumeist in Spalten, nachts wimmelt es dann an ihren Lieblingsplätzen nur so von den Tieren.
Neben der Tatsache, dass starker Befall schlicht unschön ist und Menschen mit Spinnenphobie zum Verlassen eigentlich attraktiver Standorte treibt, sorgen die Fadenspinner auch noch für unangenehme Hinterlassenschaften. Neben den Netzen und teilverdauter Beute ist dies vor allem Insektenkot. So können beträchtliche Reinigungskosten entstehen – an Fassaden, an Fensterteilen oder am Gesims.
Bei SpiderSolutions sieht man den Befall vor allem als Wirtschaftlichkeitsrisiko. Zu viele der Tiere sorgten nachweisbar für erhöhte Leerstände oder stärkere Fluktuationen in Gebäuden. "Unser Ziel ist die Wirtschaftlichkeit Ihrer Immobilien", werben die Forscher deshalb. Dazu nutzt das Unternehmen die verhaltensbiologischen Erkenntnisse des Biozentrums Grindel. Wirklich bekannt war der genaue Lebensablauf von Larinioides sclopetarius nämlich insbesondere im städtischen Umfeld noch nicht.
Neben der Zucht und Beobachtung der Tiere im Labor gehörte zur Arbeit der Forscher auch die detaillierte Untersuchung vor Ort. Die Wissenschaftlerin Anja Kleinteich stieg dazu auf Gebäude, seilte sich an Fassaden ab und schaute in Ritzen und Löcher. Der Job der Forscherin: Möglichkeiten für eine Reduzierung der Population zu finden. "Um bevorzugte Lebensräume innerhalb eines Habitates ausmachen zu können, werden in regelmäßigen Abständen mit Hilfe des Hochseilkletterns stichprobenweise Spinnen gesammelt, gezählt und vermessen; dies soll Aufschluss über die Populationsverteilung und -dichte geben", erläutert sie. Parallel dazu wurden zurück an der Uni grundlegende Dinge von der Fortpflanzung über den Kokonbau bis hin zum Schlüpfen der Jungtiere untersucht.
Aus diesen Erkenntnissen entwickelte SpiderSolutions Strategien, wie man der Brückenkreuzspinnenplage Herr werden kann – mit rein natürlichen Mitteln. Der Einsatz der chemischen Keule ist nämlich weder in den meisten Fällen legal noch ist er sehr effektiv: Getroffen werden mit Insektenschutzmaßnahmen nämlich höchstens die Populationen vor Ort, die nach kurzer Zeit – das konnten die Forscher nachweisen – durch zuwandernde Konkurrenten der gleichen Art aus der Umgebung ersetzt werden.
SpiderSolutions empfiehlt deshalb einen mehrteiligen Ansatz. So sollten bei neuen Gebäuden die Eindringlinge gleich in die Planung einbezogen werden – etwa, indem man sich bei der Fassadengestaltung über eine einfache Reinigung Gedanken macht oder das Gebäude so gestaltet, dass es den Tieren nicht sehr viele Rückzugsmöglichkeiten bietet. Wobei wir wieder beim Motto von der Homepage des Uni Hamburg-Spin-offs wären: Ohne Analyse und Aufklärung gibt's ganz offensichtlich auch keine Lösung für die Spinnenplage. (bsc)