WM 2006 als Killer-Applikation fürs Handy-TV?
Technische und rechtliche Probleme könnten dem Genuss des Sport-Großereignisses auf Handhelds Steine in den Weg legen.
Technische und rechtliche Probleme könnten dem Genuss des Sport-Großereignisses auf Handhelds Steine in den Weg legen.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland gilt in der Medien- und Computerindustrie als Meilenstein für Innovationen. So sollen nicht nur die Tickets erstmals mit den umstrittenen RFID-Tags ausgerüstet werden. Auch ein wenig Mediengeschichte wird gemacht: Fest steht, dass die Aufnahmen von dem sportlichen Großereignis in HDTV produziert werden. Ob es von den Sendern tatsächlich genügend Angebote geben wird und ob überhaupt eine signifikante Zahl an Zuschauern in zwei Jahren über die benötigten neuen Fernseher verfügen wird, steht auf einem anderen Blatt.
Eine weitere mediale Hoffnung setzt die Branche in das Mobiltelefon, über das theoretisch Auszüge, Schlüsselminuten oder gar die kompletten Spiele in Echtzeit flimmern sollen. Häufig ist in diesem Zusammenhang vom erwarteten Durchbruch für das Handy-TV über UMTS oder DVB-H die Rede. Doch technische und rechtliche Probleme könnten dem "Sehvergnügen" auf den Kleindisplays portabler Terminals enge Grenzen setzen.
"Ob die Mobil-Übertragungen 2006 bis zum Live-Broadcasting reichen, wage ich zu bezweifeln", erklärte zumindest Volker Binder, bei T-Online für Services rund ums mobile Internet zuständig, am gestrigen Freitag auf dem Medienforum Berlin-Brandenburg 2004. "Da müsste bis hin zum Endgerät schon alles sehr gut mitspielen." Sein Haus hat im Juni die Bewegtbildrechte für die Fußball-Bundesliga bis 2006 für die Live-Berichterstattung im Internet und im Mobilbereich erworben und bereits Verträge mit großen Netzbetreibern abgeschlossen. Bisher geht es dabei in der Praxis aber "nur" um die Zusammenfassung von Spielen anhand ausgewählter Szenen. Wer die Online- und Mobilrechte für die WM 2006 erhält, ist noch unklar. Die Fernsehrechte liegen nach der Kirch-Pleite bei der Schweizer Sportrechte-Agentur Infront . ARD und ZDF haben sich von ihr im Frühsommer das exklusive Recht zur Live-Übertragung von mindestens 48 der insgesamt 64 Spiele in Deutschland erkauft. Zumindest über DVB-H wollen die Öffentlich-Rechtlichen nach Angaben von Nawid Goudarzi, Produktions- und Betriebsdirektor beim rbb, mobil die Inhalte nach dem derzeitigen Planungsstand nicht weiterverbreiten. Welche Handy-TV-Angebote es geben wird, zeichnet sich noch nicht ab.
Bei künftigen Sport-Großereignissen will sich zudem der Pay-TV-Sender Premiere, der bei der WM auf Sublizenzen von ARD und ZDF angewiesen ist, stärker um den Rechteerwerb kümmern. Der Treiber des Geschäftsmodells sei ganz klar "exklusiver Content", also das alleinige Recht an dem besonders "massentauglichen" Sportmaterial, betonte Friedrich-Carl Wachs auf dem Medienforum. Der Leiter des Geschäftsbereichs Strategie und Unternehmensentwicklung bei Premiere stellte in diesem Zusammenhang klar, dass beim Kauf entsprechender Rechte selbst die Verbreitung von Schlüsselszenen "über MMS oder andere mobile Dienste schon eine Minute nach einem Tor" absolut unerwünscht sei: "Das durchlöchert unser Geschäftsmodell".
Die sich abzeichnenden Schwierigkeiten spielen Experten in die Hände, die den multimedialen Einsatzschwerpunkt für Handhelds generell nicht beim Fernsehen, sondern beim guten alten Dudelfunk sehen. "Radio ist das Premium-Mobile-Medium", findet Ursula Adelt, Geschäftsführerin des Verbands Privater Rundfunk und Telekommunikation VPRT . Das glaubt auch Tim Renner, Ex-Chef von Universal Music Germany. Der Musikkenner hat sich in Berlin für eine UKW-Frequenz beworben, auf der er das Radioprogramm "Motor FM" starten will. Mit der Station, die vor allem Musik-Neuheiten präsentieren soll, will er zugleich eine Absatzplattform für digitale Songs begründen. "Die Kombination Radio und Download ist die Traumlösung", ist sich Renner sicher. So sollen die Hörer in die Lieder im Radio letztlich "reinhören" und sie dann über etablierte legale Musik-Angebote wie iTunes gleich käuflich erwerben. Renner sieht sich in diesem Zusammenhang "als ganz normaler Händler". Am besten funktioniert dieser Ansatz, den so manches Webradio in anderer Form schon vergeblich zu vergolden suchte, natürlich über das Handy mit eingebautem Radio-Empfänger, da der Download hier auf ein und demselben Endgerät erfolgt. (Stefan Krempl). (gr)