Marina Weisband: Wem gehören die Plattformen, auf denen wir Wissen sammeln?

Marina Weisband ist Botschafterin der diesjährigen Didacta. Dass jeder Endverbraucher zuverlässig Lügen erkennt, könne man nicht erwarten, erklärt sie.

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(Bild: Shyntartanya/Shutterstock.com)

Lesezeit: 6 Min.

Marina Weisband ist in diesem Jahr Bildungsbotschafterin der Didacta. Ihr Projekt "aula" steht für Demokratiebildung in Schulen und wie auch digitale Mittel hierfür eingesetzt werden können. Zum Leitthema der Didacta und ihrem Projekt "aula" hat heise online sie befragt.

Das diesjährige Leitthema der Didacta ist "Demokratie braucht Bildung – Bildung braucht Demokratie". Du bist Bildungsbotschafterin der Messe*, dein Projekt aula widmet sich der Demokratiebildung in Schulen und wie eine digitale Partizipation funktionieren kann. Die Messe hätte sich auch irgendetwas mit KI auf die Fahnen schreiben können. Wie findest du die diesjährige Themensetzung und welche Rolle(n) möchtest du als Botschafterin einnehmen?

Kein Thema ist so relevant derzeit. Und wir müssen verstehen, dass Demokratie kein Schulfach ist. Sie ist eine Form der Sozialisierung. Eine Kultur. Das Selbstverständnis der Kinder, welche Rolle sie in der Gesellschaft einnehmen. Wir haben viel zu wenig über dieses Thema gesprochen in den vergangenen Jahrzehnten. Jetzt zeigt sich der Schaden.

Marina Weisband
Marina Weisband

(Bild: 

(C) Lars Borges

)

Marina Weisband ist Beteiligungspädagogin, Diplompsychologin und Autorin. Sie ist Expertin für digitale Partizipation und Bildung und betreibt das Demokratieprojekt "aula". Sie ist Speakerin und ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland.

Welche Lehren sollten wir aus Russlands Imperialismus als auch der Wiederwahl von Donald Trump fĂĽr Netzkultur, Demokratieerhalt und -bildung ziehen? Was bedeuten diese Entwicklungen fĂĽr Medienbildung in den Schulen?

Zu lange haben wir uns abhängig gemacht von günstigem Gas, günstiger Verteidigung, kostenlosen "öffentlichen Räumen" – die eben in Wirklichkeit nie kostenlos waren. Bezahlt haben wir den Preis unserer Unabhängigkeit und Freiheit. Wenn wir hieraus eines lernen, dann, dass diese Güter etwas kosten und unabhängig gebaut sein sollten. Dezentral. Und dass wir nicht Opfer der Digitalisierung sind, sondern ihre Gestalter sein können.

Sollte sich unser Blick auf soziale Medien und das Internet als Informationsquelle gänzlich ändern? Man denke zum Beispiel an Sockenpuppenaccounts, die versuchen Wikipedia umzuschreiben oder Troll-Kampagnen, die soziale Netzwerke mit Fake News fluten?

Ich glaube, wir können uns nicht so sehr darauf verlassen, dass jeder Endverbraucher zuverlässig Lügen erkennt. Wir müssen die Anreizsysteme beleuchten. Warum haben unsere sozialen Netzwerke und Nachrichtenquellen meist das Geschäftsmodell, unsere Aufmerksamkeit an Werbetreibende zu verkaufen? Und wozu führt das? Warum bekämpfen Plattformen diese Bot-Armeen nicht, obwohl sie das könnten? Die Frage ist nicht einfach, ob ich eine Information aus der Wikipedia abschreibe. Die Frage ist, wem die Plattformen, auf denen wir Wissen sammeln, gehören.

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Muss die EU eine Gegenantwort auf große Gatekeeper finden – für Netzzugänge, soziale Medien und Online-Marktplätze?

Wir brauchen digitale öffentliche Räume. Netzwerke, die den Nutzenden selbst gehören und weder Werbetreibenden, noch Shareholdern, noch Diktatoren schuldig sind. Dafür brauchen wir die EU, die große Unternehmen daran hindert, ihre Benutzer bei sich einzusperren. Das Stichwort hier ist Interoperabilität: Ich muss die Inhalte von Instagram auch über eine öffentliche Plattform lesen und bespielen können. Dann löst sich deren quasi-monopole Marktmacht auf und wir können ein vielfältiges, dezentrales Angebot schaffen.

Welche Impulse kann aula in eine Schulgemeinschaft geben? Was genau lernen Schülerschaften und auch Lehrkräfte von euch?

Aula bringt nicht einen Unterrichtsinhalt an die Schule, sondern fördert eine demokratische Schulkultur. An vielen aula-Schulen sind Lehrer:innen überrascht, wie weit sie den Schüler:innen trauen können. Wie ernst und vernünftig sie sind, wenn sie nur ernst genommen werden. Schüler:innen lernen, dass Demokratie kein Wunschkonzert ist, sondern Arbeit. Und was man alles bedenken muss, wenn man Dinge verbessern will. Aber grundlegend: dass man Dinge verbessern kann. Und ihnen nie hilflos ausgeliefert ist.

Demokratische Prozesse können oft zäh wirken, mit auch als bescheiden empfundenen Ergebnissen wie etwa Minimalkompromissen. Steht die Demokratie in deutscher Ausprägung sich da selbst im Weg? Wie macht man jungen Menschen Demokratie und ihre Abläufe schmackhaft?

Demokratie ist ja nicht nur Wählen und dann darauf hoffen, was in Ausschüssen debattiert wird. Aula zeigt, dass es tausend Arten gibt, sich in einer Demokratie einzubringen. Jemand kann gut Bedürfnisse wahrnehmen, jemand kann gut Projekte planen, jemand kann charismatisch Werbung machen. Alle haben ihre eigene Rolle. Aula arbeitet mit Stärken. Und das kann die größere Gesellschaft auch. Ob Ehrenamt, kommunale Beteiligung, Bürgerräte, Expertengremien, Infokampagnen oder Demos – wir haben immer mehr Werkzeuge zur Verfügung, als wir glauben.

Bemerkt ihr an Schulen, dass demokratiefeindliche Gruppen dort Fuß zu fassen suchen? Wie passiert das in der Regel – über Kontakte auf dem Schulhof oder über den Medienkonsum?

Demokratiefeindliche Kräfte wirken vor allem über Medien und Propaganda. Über Social Media genau wie über Massenmedien, die Positionen von Demokratiefeinden zur besten Sendezeit verbreiten. Lehrer:innen fühlen sich oft nicht gut genug ausgebildet, um darauf zu reagieren – und oft fehlt auch einfach die Zeit. Politik muss generell mehr mit Kindern reden – und Kindern mehr zuhören.

Wie sollte der Umgang mit demokratiezersetzenden Strömungen in Schulen aussehen? Sollte beispielsweise der Verfassungsschutz auch dort genauer hinsehen?

Ich glaube, in erster Linie muss man Kinder aus dieser gefühlten Ohnmacht befreien, die Populismus in erster Linie so attraktiv macht. Gewalt, Radikalität – das alles entsteht aus Ohnmacht. Und in der Tat sind Kinder in der Schule ja oft sehr ohnmächtig. Traue ich ihnen hingegen was zu, gebe ihnen Verantwortung, können sie ihre Bedürfnisse ganz anders hörbar machen, als Schwächere zu drangsalieren.

Wie viele Kapazitäten hat euer Projekt aula? Wie viele Schulen können pro Jahr mit euch zusammenarbeiten und wie lange seid ihr dort dann jeweils aktiv?

Wir haben jetzt über 50 Schulen bundesweit und es kommen ständig neue hinzu. Unser gemeinnütziges Team hat nur 10 Leute. Wir versuchen dezentral zu arbeiten und regionale Multiplikator:innen auszubilden. Die tragen das Projekt in die Schulen. Alle unsere Materialien sind offen und kostenlos, damit möglichst viele Schulen die Möglichkeit haben, sie für sich zu nutzen.

Dieses Interview wurde per E-Mail gefĂĽhrt.

[Update, 12.02.2025: *Marina Weisband hat die Auszeichnung zur Bildungsbotschafterin der Didacta vor Ort abgelehnt, da dort die Partei AfD als Hauptaussteller vertreten ist. Das hatte die Messe schon im Vorfeld belastet. Einige Aussteller und regelmäßige Besucherinnen und Besucher boykottieren deshalb die diesjährige Didacta.]

(kbe)