Meine neue, flache Hassliebe
Apples iPad soll laut Hersteller magisch sein und die Medienwelt revolutionieren. Hier ein paar eher nüchterne Beobachtungen nach der ersten Zeit mit dem Gerät.
Ich weiß, ich bin vermutlich der Allerletzte, der seine iPad-Eindrücke per Blog schildert, doch da das Gerät nach wie vor kaum zu kriegen ist und einige unschlüssige Kollegen mich gebeten haben, doch einmal meine Meinung aufzuschreiben, sei dies hiermit getan.
Zunächst zur Hardware – die ist doch etwas anders, als ich sie mir nach der Vorstellung im Januar erträumt hätte: Das iPad ist mit 730 Gramm für die 3G-Version (680 Gramm für die WLAN-Variante) erstaunlich schwer. (Ich kann mir also schon Steve Jobs' genauen Plan vorstellen, wie er in den nächsten Jahren die Hardware schrittweise immer flacher, leichter und vermutlich bildschirmtechnisch größer macht. Auch um die Nachrüstung fehlender Funktionen – wie etwa der nicht vorhandenen Kamera – in der zweiten oder dritten iPad-Generation vorherzusehen, braucht man kein Hellseher zu sein.) Das Gewicht sorgt bei mir schon jetzt manchmal für das Phänomen des iPad-Daumens, weil ich das Gerät so komisch halten muss. Offensichtlich wiegen der Bildschirm und die große Batterie – die dafür sorgt, dass man bis zu neun Stunden surfen kann – doch eine Menge.
Der Bildschirm ist schlechter, als ich gedacht hätte. Man sieht Anti-Aliasing-Effekte und bei der Lektüre von Büchern muss man genau auf die Schrifteinstellungen achten, damit es sich wirklich angenehm liest. Wer für das iPad gestaltet, sollte also ein großes Augenmerk auf die Typografie legen. Apples Retina-Display aus dem iPhone 4, das eine wesentlich höhere Pixeldichte hat, würde dem Gerät gut tun.
Print-Inhalte sind auf dem iPad teilweise nett, teilweise unterdurchschnittlich. So kann man etwa beim viel gelobten "Wired"-Magazin nicht einmal die Zoom-Funktion nutzen, um Kleingedrucktes in Werbung zu lesen, wird aber durch interaktive Elemente belohnt.
Software ist auf dem iPad grundsätzlich teurer. Die Entwickler haben sich offensichtlich geschworen, nicht wieder in die vom iPhone bekannte 99-US-Cent-pro-App-Falle (die in Deutschland zumeist eine 79-Cent-Falle war) zu tappen – und bepreisen ihre Titel entsprechend. 3 oder 4 Euro sind eher billig für eine iPad-App, 8 Euro und manchmal sogar 15 und mehr kommen häufiger vor. Ein bisschen hat das auch sein Gutes: Man wählt bewusster Programme aus und benutzt sie später auch. Beim iPhone habe ich persönlich schon so viel Schrott gekauft, ohne ihn dann jemals zu verwenden, dass es mir fast peinlich ist. (Die fehlende Ordnerfunktion auf dem Gerät, mittlerweile zum Glück vorhanden, dürfte allerdings ihren Beitrag dazu geleistet haben.)
Als sehr empfehlenswert erachte ich die Anschaffung eines Zweitbrowsers – Apples Safari ist zwar robust, doch ihm fehlen einige Funktionen. Als recht nett haben sich in meinem Alltag der Perfect-Browser (unterstützt unter anderem Tabs) und Life erwiesen. RSS-Feeds lese ich mit Pulse und Reeder.
An der Idee vom Rechnerersatz fürs Sofa ist unterdessen durchaus was dran. Meine Frau ist das beste Beispiel, die schon seit dem ersten Einsatztag ausgiebige Surfsitzungen vornimmt und den Laptop auch mal stehenlässt.
Noch ein paar Worte zum von Apple angebotenen Zubehör, das im Übrigen derzeit fast genauso mies zu kriegen ist wie das iPad selbst: die von Apple für sagenhafte 40 Euro angebotene Original-Hülle ist recht nett und erfüllt ihren Zweck, ist aber ein Staub- und Dreckmagnet. Das Keyboard-Dock ist hübsch, aber sehr groß, weswegen man sich überlegen sollte, eine (nicht unbedingt notwendige) Tastatur lieber per Bluetooth anzuschließen, falls sie portabel sein muss. Insgesamt ist es sinnvoll, sich auf dem freien Zubehörmarkt umzusehen, der mittlerweile ein riesiges Ausmaß angenommen hat.
Fazit: Mit dem iPad verbindet mich derzeit eine Art Hassliebe. Man hat das Gefühl, es mit einem durchdachten Konzept zu tun zu haben – jedenfalls für ein First Generation-Gerät. Optimierungsbedarf gibt es beim Gewicht, das Display könnte schärfer sein. Doch die Richtung, da muss ich Apple recht geben, stimmt – wenn man genügend Kleingeld hat. (bsc)