Warum die Nutzung von KI-Stimmen reguliert werden muss
Der Sprecherverband VDS fordert eine umfassende Regulierung für KI-Stimmen. Sprecherin Ranja Bonalana erläutert im Interview, warum dies nötig ist.
(Bild: VDS)
c’t: Frau Bonalana, in seinem KI-Statement spricht der Verband von der künstlerischen Bedeutung menschlicher Stimmen bei der Vertonung von Filmen, Hörspielen und Spielen. Was ist damit gemeint?
Ranja Bonalana: Bei einer Synchronisation geht es immer um menschliche Kreativität. Und diese beruht auf unseren Emotionen, Vorstellungskraft, auf unseren Lernerfahrungen, Denkprozessen, Reflexionen und so weiter. Unsere Stimmen können all diese Emotionen auf natürliche Weise widerspiegeln. Sie können berühren, verärgern, verängstigen, sind wandelbar und anpassungsfähig. Da wird ja nicht einfach nur auf Deutsch nachgeplappert, was etwa im englischen, italienischen oder französischen Original gesagt wurde. Wir vertonen also nicht nur, wir spielen diese Werke schauspielerisch nach.
Inwieweit gefährdet KI nun diesen Ansatz?
Der KI fehlt halt jedes Bewusstsein für soziale, emotionale oder gesellschaftliche Faktoren. Sie kann die Emotionen nicht fühlen. Sie weiß ja nicht, was sie sagt. Es ist nur ein Algorithmus, der mit menschlichen Werken gefüttert wurde und bereits Existierendes einfach neu interpretiert und wiedergibt. Und da fehlt es halt komplett an Authentizität und Empathie. Aber wir wollen auf gar keinen Fall die KI verteufeln oder auch um jeden Preis und unreflektiert an Altem festhalten.
Im VDS-Statement heiĂźt es, es ginge um faire Spielregeln und transparente Bedingungen fĂĽr alle. Wie wĂĽrden diese in der Praxis aussehen?
Wir wollen nur noch mit ausdrücklichem Einverständnis unsere Stimme für irgendwelche Sachen hergeben. Das heißt, es darf nicht mehr illegal trainiert werden. Wir brauchen definitiv Ausschlussklauseln in unseren Verträgen, da dort momentan einfach alles eingeschlossen ist. Die Verträge sind jetzt bereits absurd lang und werden gefühlt immer länger.
Erleben wir in Zukunft, dass Sprecher und Sprecherinnen klagen mĂĽssen, um ihre Stimme zu verteidigen?
Nach aktuellem Stand leider ja. Wir haben auch schon einige Kollegen und Kolleginnen, die klagen beziehungsweise auf dem Weg dahin sind. Das ist aber alles nicht so leicht und sehr langwierig. Gerade, wenn wir ĂĽber einen Prozess gegen groĂźe Auftraggeber reden, ist es wie bei David gegen Goliath.
Deswegen wollen wir eindeutige Regelungen, die das im Vorhinein klären. Ich will als Sprecherin selbst entscheiden, ob meine Stimme für KI genutzt werden darf – nach dem Motto: "Du musst mich fragen, aber du musst dann dafür auch bezahlen." Wenn die Trainingsdaten Geld kosten, dann wird im Umkehrschluss vielleicht auch gar nicht mehr so viel trainiert. Oder es ist dann auch nicht mehr so leicht, einen Klon zu erstellen, um damit kommerzielle Erfolge zu feiern.
Von KI-Firmen hört man auch oft, dass es doch toll wäre, die Stimmen der Schauspieler zu klonen. Dann würde etwa Keanu Reeves weltweit mit seiner eigenen Stimme sprechen, nur eben halt in den jeweiligen Landessprachen.
Ich glaube, das ist der Traum der Tech-Unternehmen. Als es mit generativer KI losging, kamen sie auf diese Idee und behaupteten, in der Postproduktion direkt 60 Sprachen zu liefern – effizienter, schneller und billiger. Die Produzenten fanden das natürlich total toll, haben aber ganz schnell gemerkt, dass das so nicht funktioniert. Weil sich beispielsweise die amerikanische Sprachmelodie nicht eins zu eins in alle anderen Sprachen übertragen lässt.
Insofern klingt es total albern, wenn ich auf die Originalstimme einfach eine deutsche Stimme draufrechne. Da haben die Produzenten ganz schnell gemerkt: Wir brauchen jetzt doch weiter Sprecher und Sprecherinnen, die das eben nur nicht irgendwie, sondern künstlerisch wertvoll einsprechen – also im Endeffekt nachspielen, da es ja nicht nur um die Stimmfarbe geht, sondern auch um die Stimmführung.
Und es gibt auch Hollywoodstars, die das gar nicht wollen, denn sie sagen: "Seit Jahrzehnten funktioniert es in den anderen Ländern mit meiner dortigen Stimme, warum sollte ich das ändern wollen?" Also: Hugh Grant zum Beispiel sagt eindeutig, dass er seine deutsche Stimme lieber mag als seine Originalstimme. Und auf dem deutschen, französischen und italienischen Markt sind die Leute an die Stimmen gewöhnt. Für die wäre die Originalstimme fremd.
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