Die RĂĽckkehr der Bundespest
55 Euro-Cent will die Deutsche Post AG pro Mail sehen, wenn man ihren nach eigenen Angaben besonders gesicherten "E-Postbrief" nutzt. Eine RĂĽckkehr in die Steinzeit der Online-Kommunikation?
Ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern können, wie man einst in Hackerkreisen über die in den 80er Jahren noch staatseigene "gelbe Post", die gleichzeitig das Telefon- und Datennetzmonopol besaß, sprach. "Deutsche Bundespest" nannte man sie damals – und ihr Logo sah bei den zahlreichen Online-affinen Feinden, die ihr Technikverschleppung vorwarfen, genau so aus.
An dieses "Markenzeichen" und den alten Kampfbegriff musste ich letzte Woche denken, als ich mir die faszinierende Pressekonferenz zum sogenannten "E-Postbrief" gab. Das soll eine Art Über-E-Mail werden, die "genauso sicher" sein soll wie all jene Poststücke, die man bei den meisten Menschen problemlos aus dem Briefkasten klauen kann, wenn man nur einen langen Arm hat. Alle Stars des mittlerweile marktfit gemachten gelben Börsenunternehmens (nur noch knapp 30 Prozent Staatsanteil!) waren bei der PK dabei – und versuchten eifrig, den anwesenden Kollegen zu vermitteln, wie geeignet ausgerechnet die Post doch als ein sicheres Internet-Kommunikationsmittel sei.
Dabei hat das Vorhaben einen unbestreitbaren Beklopptheitsaspekt. Der E-Postbrief soll nämlich, wie unter Staunen der Journalisten nicht ohne Stolz bekanntgegeben wurde, schlappe 55 Cent pro Stück kosten – wer ein "digitales Einschreiben" will, blecht 1 Euro 60 extra. (Was in diesem Zusammenhang ein "Einschreiben Einwurf" als E-Mail darstellen soll, habe ich leider nicht herausgefunden.)
Ich halte das alles für ein glasklares Disaster Waiting to Happen. Die Post plant eine der teuersten Werbekampagnen des Jahres für ein Produkt, das niemand versteht. Beziehungsweise für das niemand in seiner jetzigen, tatsächlich erstaunlich gut funktionierenden Form einen Cent zahlen muss.
Außerdem lassen sich E-Mails jetzt schon problemlos abdichten, ohne dass sie auf einem externen Server der Post landen müssten, wo sie dann möglicherweise leicht von Schlapphüten einsehbar sind. Das dazu gehörende Verfahren existiert schon seit 1991 – man muss es nur nutzen.
Anyway: Es ist ja toll, dass die Post und das verwandte (aber inkompatible!) De-Mail-Projekt nun versuchen, die schon ewig fehlende E-Mail-Sicherheit bekanntzumachen. Aber über den Preis schaufeln sie sich ihr eigenes Grab, jedenfalls bei Privatkunden. Die Tatsache, dass man einen E-Postbrief auf Wunsch auch ausgedruckt per Briefträger erhält, ändert nichts daran, wie der Bürger höchstwahrscheinlich reagieren wird: "55 Cent für eine E-Mail? Ich bin doch nicht blöd." (bsc)