Bundestagsforscher: "Erhebliche Herausforderungen" fĂĽr Flugtaxi-Betrieb

Technikfolgen-Forscher des Bundestags verweisen auf viele offene, vor allem regulatorische Fragen beim Praxis-Einsatz von Flugtaxis wie die Flugplatzpflicht.

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(Bild: Volocopter)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Flugtaxis stellen in einem zukünftigen Verkehrsmix mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein Nischenangebot in Premiummärkten dar. Zu dieser Schlussfolgerung kommt das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag (TAB) in einer jetzt veröffentlichten Kurzstudie zu bemannten, vollelektrisch angetriebenen, senkrecht startenden und landenden Fluggeräten. Die Forscher rechnen zwar damit, dass in Bälde immer mehr eVTOL (electric Vertical Take-off and Landing) unterwegs sein dürften. Es bestünden aber noch "erhebliche Herausforderungen für einen erfolgreichen Betrieb".

Dies betreffe in erster Linie regulatorische Fragen, ist der Analyse zu entnehmen. Das gelte vor allem für die Luftsicherheit beziehungsweise für allgemeine Vorschriften für den Luftverkehr. In Deutschland falle darunter etwa die Flugplatzpflicht. Zudem müsse noch der Nachweis "für wirtschaftlich tragfähige Betreiber- und Geschäftsmodelle jenseits von Prestigeprojekten erbracht werden", heben die Wissenschaftler hervor. Auch umweltpolitische Aspekte in Folge neu entstehender Belastungen wie Lärm im Zuge der Urban Air Mobility (UAM) bedürften der Klärung.

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"Das Flugtaxi ist keine Vision mehr, es ist Realität", behauptete der damalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) schon 2018. Frustrierend sei nur, dass seine Kollegin Dorothee Bär für eine solche Ansage noch vor Kurzem mit einem Shitstorm überzogen worden sei, meinte er. Bereits damals lautete das Versprechen, die Politik werde rasch den rechtlichen Rahmen bereiten. Geklärt werden müsse etwa: "Wo lassen wir die Dinger starten und landen, wo sind die Einflugschneisen?"

Viel weiter gekommen ist der Gesetzgeber seitdem nicht. Hiesige Vorzeigeprojekte für Elektro-Kleinflugzeugentwickler befinden sich außerdem in Not. Lilium musste im Februar nach einer gescheiterten Rettung zum zweiten Mal Insolvenz anmelden. Volocopter übernahm jüngst der chinesische Automobilzulieferer Wanfeng und rettete die Bruchsaler Firma damit vor der Insolvenz. Die Zulassung für den Passagierbetrieb verzögert sich aber weiter.

Insgesamt seien in vier Bereichen technologische Weiterentwicklungen nötig, um das bisher erreichte Prototypenstadium zu überwinden beziehungsweise die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit des Gesamtsystems einer auf eVTOL basierenden UAM zu erhöhen, arbeiten die TAB-Experten heraus. Sie beziehen sich dabei auf automatisierte Systeme zur Steuerung von Fluggeräten, elektrische Antriebstechnologien, eine Serienfertigung von Leichtbauteilen sowie die Entwicklung oder Anpassung unterstützender Infrastrukturen wie auch Wartungs- und Versorgungsstätten.

Die Voraussetzung für das verstärkte Potenzial mit Blick auf die Nutzung automatisierter Fluggeräte für den Personenverkehr bildeten Innovationen im Bereich der Drohnentechnologie, heißt es in dem Bericht. Bei elektrisch angetriebenen Flugtaxis werde die höchste Automatisierungsstufe angestrebt, die vom Start bis zur Landung alle Funktionen übernehme. Da das vollautomatisierte Fliegen aber hohe technische Anforderungen stelle, würden parallel Konzepte mit einer Fernsteuerung durch Piloten entwickelt und erprobt.

"Weltweit arbeiten schätzungsweise rund 200 Akteure an Konzepten elektrisch betriebener Senkrechtstarter", konstatieren die Forscher. Neben zahlreichen Start-ups beteiligten sich 72 Prozent der 25 größten Flugzeughersteller und 64 Prozent der 25 größten Zulieferer an irgendeiner Form von Aktivität im Bereich der fortschrittlichen Luftmobilität. Zu den hiesigen Akteuren gehörten Airbus und Siemens. Auch Audi habe das Thema für sich entdeckt.

Neben der Technik dürfte laut der Untersuchung vor allem die Integration autonomer Flugtaxis in bestehende Verkehrskonzepte eine entscheidende Rolle spielen, etwa als Zubringer zu Flughäfen. Aus dem UAM-Anspruch resultierten auch hohe Anforderungen an die Gestaltung der Sicherungs- und Steuerungsarchitektur. Prinzipiell sehen die Wissenschaftler Flugtaxis potenziell als politisch relevanten Teil der Verkehrswende. Damit könnte ein "zusätzliches, attraktives Mobilitätsangebot entstehen, das den innerstädtischen Verkehr in spezifischen Teilbereichen entlastet". Es sei aber auch mittelfristig "noch nicht von einer hohen Nachfrage" auszugehen. Eine Markteinführung hänge nicht zuletzt von ökonomischen Aspekten ab.

(olb)